Tim Schlotmann aus Coesfeld über einen erschöpften Jesus

Auslegung der Lesungen zum 5. Sonntag im Jahreskreis (B)

Eine ganze Stadt steht vor der Haustür und will geheilt werden. Jesus hat gut zu tun. Natürlich hilft er den Menschen - aber offensichtlich braucht er auch Momente, in denen er sich zurückzieht. Tim Schlotmann aus Coesfeld sieht darin wertvolle Hilfe für Helfer.

Wer sich auf den mühseligen Pfad eines Medizinstudiums begibt, der muss sich irgendwann entscheiden: In welchem Bereich spezialisiere ich mich? Werde ich lieber Chirurg oder Anästhesist, möchte ich lieber Kardiologe oder doch Allgemeinmediziner sein? So mancher dürfte sich mit dieser Entscheidung schon schwergetan haben. Sie ist ja auch nicht einfach und mitunter eine Entscheidung, die nicht nur das Berufsleben beeinflusst. Da müssen Kriterien her.

Das Evangelium vom 5. Sonntag im Jahreskreis (B) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal.

So stellt sich mancher auch die Frage, wo er wirklich helfen kann. Wo das eigene Handeln dem Leben der Menschen am besten und vielleicht ganz unmittelbar dient. Es ist einfach schön, Menschen zu heilen, sie glücklich zu machen und sie aus Ängsten und Nöten zu erretten. Der versierte Chirurg lässt die Menschen von seiner Kunst profitieren, und der kompetente Kinderarzt zaubert ein Lachen in die Gesichter derer, die er von einer Krankheit befreien konnte.

Auch das Fernsehen ist voll von solchen Ärzten, die Leben retten und schließlich glücklich auf den Bettkanten ihrer dankbaren Patienten sitzen. Selbst wenn es im Vorabendprogramm zuweilen etwas kitschig daherkommt, beschreibt es doch offenkundig eine menschliche Sehnsucht.

Respekt für den Helfer

Mit dem Ideal unterwegs zu sein, Menschen zu helfen und sie zu heilen, das ist ein brauchbarer Ansporn und verdient höchsten Respekt. Nicht nur in der Medizin. Wer sich bei der Berufswahl darauf fokussiert, Menschen helfen zu können, hat eine gute Wahl getroffen. Solch ein Kriterium trägt: Menschen zu helfen, sie aufzurichten und sie auf dem Weg hinaus aus misslichen Lagen zu begleiten – das macht einfach Freude! Es ist erfüllend. So etwas kann man ein Leben lang machen.

Umso verwunderlicher, wenn einer es kann, es wirkt, ihm die Menschen buchstäblich zu Füßen liegen, er jedoch einfach weggeht und den Ort seines eigenen segensreichen Wirkens verlässt. Ja, Jesus gibt ein Rätsel auf. Hatte er etwa keine Freude daran, Menschen zu heilen? War es ihm eine Last, all die Kranken und Besessenen zu empfangen und ihnen zu helfen? Suchte er nach Auswegen, weil es ihm alles etwas zu viel geworden war? Schwer vorstellbar.

Den Heiler hält es nicht am Ort

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Tim SchlotmannTim Schlotmann ist Pastoralassistent in der Pfarrgemeinde St. Lamberti, Coesfeld. | Foto: privat

In den ersten Berichten über das Wirken Jesu in Galiläa gibt es aber diesen Bruch. Nach dem Gebet in der Einsamkeit folgt für Jesus die Erkenntnis: Ich muss weitergehen. So erfüllend das hier auch sein mag, den Heiler hält es nicht an diesem Ort. Was auf den ersten Blick nach Aktionismus aussieht, ist hier nicht mehr und nicht weniger als seine Sendung.

Offensichtlich ist es ihm im Gebet klar geworden. Es drängt ihn förmlich weg von den Einen hin zu den Anderen. Es drängt ihn zu den Menschen, die ihn noch nicht kennen. Alle suchen dich! Nein! Das sind doch gar nicht alle! Jesus hat erkannt, dass er mit seinem Auftrag und mit seinen Fähigkeiten hinausziehen muss in die Welt. Verheerend wäre es, wenn er stehen bliebe. Wir hätten ihn womöglich nicht kennengelernt. Viel wichtiger aber: Jesus kann weitergehen, weil er Menschen berufen hat, in seinem Namen zu handeln.

Ein Konzept für Seelsorger?

Die Geheilten werden selbst zu Heilenden. Sie handeln in seinem Namen und in seinem Auftrag, und sie haben offenkundig sogar seine Fähigkeiten empfangen. Eine kleine Anmerkung gibt Aufschluss: Kaum ist sie geheilt, nimmt die Schwiegermutter des Petrus selbst wieder das Heft des Handelns in die Hand. Das ist mehr als bloße Hilfe zur Selbsthilfe. Dahinter steckt eine höchst zeitgemäße christliche Variante des Heilens, vielleicht sogar ein seelsorgliches Konzept: zu heilen und zu lassen. Auf dass nicht alle Heilung und die daran geknüpften Sehnsüchte auf mich projiziert werden.

Jeder, der Menschen hilft – ob als Arzt, als Sozialarbeiter oder als Lehrer – sollte das wissen. Es macht Freude, Menschen zu helfen. Aber es geht dabei nicht um mich. Dass diese Erkenntnis ausgerechnet vom Handeln Jesu her gewonnen werden kann, sagt viel über den Sohn Gottes aus.

Was Berufene tun

Sicher hatte auch Jesus Christus Freude daran, Menschen zu heilen. Vielleicht hat er es zeitweilig sogar genossen. Eine ganze Stadt vor der Haustür versammelt – welch eine Resonanz! Aber in der Stille des Gebets geht es ihm auf: Da ist mehr drin. Für die Geheilten und für ihn selbst. Man bleibt sich doch verbunden.

Aber wer berufen ist, den drängt es hinaus. Wer berufen ist, lässt das eine gut sein, um das andere zu entdecken. Es sind dies eben beides die Kriterien Jesu: Menschen zu heilen und zu helfen – und zugleich immer der eigenen Berufung zu folgen. Auch dann, wenn dies Rätsel aufgibt.