Silvesterpredigt von Bischof Felix Genn in Münsters Lambertikirche

Auslegung der Lesungen zum Fest der Heiligen Familie (B)

Im Mittelpunkt dieses Sonntags nach Weihnachten steht die Heilige Familie. Bischof Felix Genn geht in seiner traditionellen Silvesterpredigt in Münsters Lambertikirche gleich auf zwei biblische Familien ein und ruft für das neue Jahr zum Gebet für den Frieden auf.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Die Lesungen des heutigen Sonntags in der weihnachtlichen Festzeit sind ausgewählt im Blick auf das Fest der Heiligen Familie, das immer am Sonntag nach Weihnachten begangen wird. Sie zeichnen das Bild von zwei Familien, die außergewöhnliche Konstellationen darstellen: Das alte Ehepaar Abram und Sarah, das noch in hohem Alter einen Sohn Isaak empfängt. Er ist ein Zeichen der Verheißung Gottes.

Das Evangelium vom Fest der Heiligen Familie (Lesejahr B) zum Sehen und Hören auf unserem Youtube-Kanal.

Jesus wächst ebenfalls in einer ungewöhnlichen Familie auf, weil beide Elternteile jegliche menschliche Fruchtbarkeit übersteigen. Ja, wir Christen glauben, dass Jesus als Sohn Gottes wirklich Sohn Gottes und nicht Kind menschlicher Zeugung ist. Diese beiden Menschen, die Gott an die Seite Jesu stellt, geben sich ganz in den Dienst, den dieser Jesus von Gott her für die Welt erfüllen soll. Hier sind die Grenzen jeder menschlichen Fruchtbarkeit gesprengt. Gegenüber dem, was wir an Familienleben kennen, dürfen wir die beiden Beziehungen als außergewöhnlich ansehen.

Familie ist keine geschlossene Größe

Gemeinsam mit uns ist nur das eine: Christliche Familie versteht sich nie als eine in sich geschlossene Größe, sondern immer geöffnet auf Gott hin, sie lässt sich führen von dem, was Gott mit seinem Wort in jede menschliche Konstellation hinein sagen kann und zeigt vor allem die Unverfügbarkeit, die in ganz besonderer Weise dem Kind gilt.

Es bleibt das eigene Kind, aber es bleibt auch Geschenk. Es kann nur Geschenk sein, da es zugleich in dem Augenblick, in dem es empfangen wird, auch die Freiheit hat, den eigenen Weg zu gehen, vielleicht auch Wege, die ungewöhnlich sind, weil Gott die Wege eines jeden menschlichen Lebens zu führen weiß.

Werbeverbot für Abtreibungen?

In der F.A.Z. war am 12. Dezember ein Artikel von Reinhard Müller zu lesen: „Die im Dunkeln schützen.“ – „Wollen Sie das Kind behalten?“ sei oftmals die erste Frage der Ärzte nach der Feststellung einer Schwangerschaft. Es ging dabei um die Debatte rund um den Paragraphen 219 a, um das Werbeverbot für Abtreibungen. Darf man für die Beendigung des Lebens werben? Kann das eine Art „Service“ sein? Die Beratungsstellen, die Ärzte, Eltern und auch die Kirche sind da, um Leben zu schützen, auch, wenn nötig, Frauen in größter Not zu helfen.

Reinhard Müller beendet den Artikel mit dem Satz: „In einem menschenfreundlichen Wohlfahrtsstaat sollte die erste Reaktion des Arztes auf eine Schwangerschaft sein: ‚Herzlichen Glückwunsch!‘“ Ein neues Leben beginnt, weil Gott Freiheit schenkt und menschliches Leben zu führen weiß.

Lektüre-Empfehlung: „Amoris laetitia“

Wir haben im vergangenen Jahr, vor allem ausgelöst durch die Familiensynoden von Papst Franziskus und das Abschlussdokument dieser Versammlungen „Amoris laetitia“, viele Diskussionen und Auseinandersetzungen um die Interpretation dieses Textes erfahren. Es ist kostbar, was Papst Franziskus über die Wirklichkeit der Familie in diesem Abschlussdokument beschreibt, und ich kann es nur jedem zur persönlichen und vielleicht auch gemeinschaftlich-familiären Lektüre empfehlen.

Bischof Felix Genn in Münsters St.-Lamberti-KircheBischof Felix Genn in Münsters St.-Lamberti-Kirche. | Archiv-Foto: Michael Bönte

Im Gedankengang meiner Abschlusspredigt zum Ende des Jahres allerdings möchte ich einen ganz anderen Faden aufgreifen und einen Aspekt auswählen, von dem unser familiäres Leben auch bestimmt wird. Es ist auch der erste Ort, an dem Auseinandersetzungen stattfinden, Konflikte oft Tag für Tag bewältigt werden müssen, ein Feld, in dem Orte des Friedens alltägliche Inhalte stellen können – und jeder von uns weiß, wie schwer das sein kann.

„Frieden beginnt nicht in der großen Politik“

Ich wähle das Stichwort „Frieden“ selbstverständlich deshalb aus, weil wir uns im vergangenen Jahr bei einem großen Treffen von Sant‘ Egidio von diesem Stichwort haben leiten lassen, und weil es uns im Blick auf den Katholikentag im Mai des kommenden Jahres noch eindrücklicher beschäftigen wird.

Ich denke, freilich, jeder von uns weiß: Frieden beginnt nicht in der großen Politik – und dort wäre es gerade in unseren bedrohlichen Zeiten, wenn wir nur an Nordkorea und Syrien denken, unbedingt notwendig -, Frieden beginnt vor Ort, in unseren Gruppen und Kreisen, in unseren Familien, ja in uns selbst.

Dank für Engagement zum Katholikentag

Ich bin dankbar, wie sehr das Leitwort des Katholikentages in vielen Gemeinden aufgegriffen wird, und ich möchte ermutigen, das auch weiterhin zu tun. So sieht man zum Beispiel auf dem Titelblatt des Pfarrbriefes einer Gemeinde am Niederrhein einen grünen Hintergrund mit zwei Papierfetzen, auf denen das Wort „Frieden“ – einmal mit einem Frage- und einmal mit einem Ausrufezeichen – zu lesen ist. Wo ist Frieden? Ist er überhaupt möglich? Es muss Frieden geben! Es muss Frieden geben, weil sonst unsere Erde zerstört wird.

Die Patronen-Krippe von Leonie Große in der diesjährigen Krippen-Ausstellung im Museum Relígio in Telgte.Friedensbotschaft aus Tod bringendem Material: die Patronen-Krippe von Leonie Große in der diesjährigen Krippen-Ausstellung im Museum Relígio in Telgte. | Foto: Michael Bönte

An dieser Stelle möchte ich allen danken, die in unseren Gemeinden in der Vorbereitung des Katholikentages kreative Ideen entwickeln und entwickelt haben, um zur Vertiefung des Leitwortes „Suche Frieden“ beizutragen. Interessant erscheint mir dabei eine Darstellung in der Telgter Krippenausstellung unter dem Leitwort „Friede auf Erden“. Eine Patronenkrippe, die also aus totbringendem Material den Geburtsort Christi darstellt. Die Botschaft ist eindeutig: „Nur Er, Jesus Christus, kann dieses totbringende Material zerstören und Frieden schaffen, wenn Menschen sich auf Seine Botschaft einlassen.“

„Das Gebet um Frieden ist dringend notwendig“

Ich möchte Sie alle, liebe Schwestern und Brüder, an diesem letzten Tag des Jahres einladen, mit besonderer Aufmerksamkeit das Wort von der Friedenssuche mit Ihrem persönlichen Lebensinhalt zu füllen. Das kann Sie dazu auffordern, da, wo Sie leben, nach dem Frieden zu suchen, um den Weltfrieden zu beten, inständig, weil er so dringend notwendig ist in unserer Zeit.

Dabei darf uns das Wort des Herrn, das er kurz vor seinem Tod zu seinen Jüngern gesagt hat, ganz besonders begleiten: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch“ (Joh 14,27). Dabei dürfen wir uns auch daran erinnern, dass er schon zu seinen Lebzeiten seine Jünger ausgesandt hat mit dem Auftrag, den Menschen, zu denen sie kommen, als erstes den Friedensgruß zu entbieten.

Kein fauler Kompromiss

Ein solcher Satz, dass Jesus uns einen Frieden gibt, der sich von dem Frieden der Welt unterscheidet, wirkt eigenartig. Wir hören diesen Satz in jeder Heiligen Messe vor dem Empfang der Heiligen Kommunion und werden dabei erinnert, dass wir nur miteinander kommunizieren können, wenn in uns die Bereitschaft lebt, wirklich miteinander Frieden zu haben.

Deshalb ist dieser Friede nicht irgendein fauler Kompromiss, es ist auch nicht damit abgetan, wenn ich in einem Streit nur davon spreche, den Schwamm darüber zu wischen, aber in der Tiefe unversöhnt bleibe. Der Friede, wie Er ihn uns gibt, kostet nämlich die Arbeit der Versöhnung – und das wiederum fängt in den Familien und kleinen Gruppen an, in denen wir leben, ja eigentlich schon in unserem eigenen Herzen.

Deshalb ist das Gebet um den Frieden dringlich. Hier zeigt sich, dass Christus uns einen Frieden schenken möchte, bei dem es keine Hintergedanken mehr gibt, um den anderen zu übervorteilen, sondern wirklich „reiner Tisch“ gemacht ist.

Zwei verschiedene Fotos

Liebe Schwestern und Brüder, aus dem vergangenen Jahr gehen mir zwei Fotos nach, die mit diesem Thema zu tun haben: Das eine ist eine innige Umarmung zwischen dem russischen und syrischen Präsidenten. Man spürt an diesem Foto, wie sehr Assad Putin dankbar ist für die Hilfe, die dieser zu seiner Machterhaltung geliefert hat.

Das Bild sieht wie eine Versöhnungsgeste aus, und doch weiß jeder, der es betrachtet, mit wie viel Blut und mit wie viel toten Menschen, mit wie viel Zerstörung dieser Machterhalt erkauft ist, und wie viel an Verwundungen, an Unversöhnlichkeit, an mangelnder Bereitschaft, einander zu vergeben, in den Herzen unzähliger Menschen zurückgeblieben ist. Das ist nicht der Friede, den der Herr uns gibt.

Segen für einen Mörder

Das andere Foto habe ich vor Kurzem in einem Bericht aus Anlass der Seligsprechung einer indischen Ordensfrau gefunden. Diese Schwester Rani Maria Vattalil, die mit 41 Jahren in Indien ermordet worden ist, hatte sich sehr intensiv um die Armen gekümmert und dadurch den Hass von vielen Menschen, die als Wucherer die Armen ausbeuteten, auf sich gezogen. Um ein starkes Zeichen für andere, die im Geist dieser Schwester arbeiten, zu setzen, entschieden ihre Feinde, Schwester Rani auf einer Reise mit dem Bus im Bus tödlich zu verwunden. So sollten die übrigen Christen eingeschüchtert werden.

Ein Priester machte sich nun auf den Weg, den verurteilten Mörder im Gefängnis aufzusuchen. Dieser kommt in den Gesprächen zu dem dankbaren Entschluss, dass er die Eltern der getöteten Schwester um Vergebung bitten will. Die Eltern machen diesen inneren Prozess ebenfalls mit und sind schließlich bereit, den Mörder zu empfangen. Auf dem Foto sieht man, wie Vater und Mutter von Schwester Rani dem Mörder ihrer Tochter die Hände auflegen, über ihn beten und ihn segnen. Das ist der Friede, den der Herr uns gibt.

Mag das Beispiel auch noch so außergewöhnlich klingen, ermutigt es doch, weil es eine Möglichkeit eröffnet: Nach einem längeren Prozess, vielen längeren Auseinandersetzungen und auch Gebeten ist es möglich, den Frieden zu suchen, der keine Ressentiments mehr unterhält.

Das Friedensgebet des Franz von Assisi

Franz von Assisi Franz von Assisi (ca. 1181-1226) in einer womöglich zu seinen Lebzeiten geschaffenen Darstellung im Höhlenkloster Sacro Speco in Subiaco/Italien. | Foto: Markus Nolte

Liebe Schwestern und Brüder, im Zugehen auf den Katholikentag möchte ich Ihnen diese beiden Bilder für die Lebensfelder, in denen Sie Ihren Alltag gestalten und die Welt von Ihrem Platz aus mitformen, als innere Bilder weitergeben. Ich möchte gerne die heutige Silvesterpredigt mit einem gemeinsamen Gebet, das aus dem Geist des heiligen Franz formuliert worden ist, beschließen. Es findet sich im Gotteslob unter der Nummer 19 im vierten Abschnitt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen für das Jahr 2018 ein friedvolles Jahr:

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
Amen.

Sämtliche Texte der Lesungen und des Evangeliums vom Fest der heiligen Familie (Lesejahr B) finden Sie hier.