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Wie wird es Armen und Reichen im Himmelreich ergehen? Theologe Wolfgang Grünstäudl legt die Lesungen dieses Sonntags aus.
Die Erzählung vom armen Lazarus ist ein sorgfältig verknüpfter Knotenpunkt im kunstvollen Gewebe des Lukas-Evangeliums. Sie lässt sich als Teil des sogenannten lukanischen Sonderguts lesen (wie zum Beispiel die gleichlautend beginnenden Parabeln vom verlorenen Sohn oder dem barmherzigen Samariter). Sie stellt die Frage nach Topographie und Chronologie des Jenseits (in gewisser Spannung zu den Gerichtsreden desselben Evangeliums in Lk 17 und Lk 21) und sie berührt das im Lukasevangelium ebenso prominente wie schillernde Thema von Armut und Reichtum, was durch einen Blick auf das Nachbargleichnis vom ungerechten Verwalter (Lk 16,1–9) noch einmal besonders deutlich hervortritt.
Wie jede gute Erzählung verfügt die Lazarus-Parabel über markante Leerstellen, an denen Leserinnen und Leser den Eindruck gewinnen, nicht explizit im Text enthaltene Informationen ergänzen zu müssen, um dem Gelesenen Sinn zu geben.
Der drastische Vorher-Nachher-Kontrast
Die Lesungen vom 26. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C zum Hören finden Sie hier.
Die auffälligste dieser Leerstellen findet sich wohl hinter der lapidaren Schilderung des postmortalen Positionswechsels: Lazarus, „der Arme“, stirbt – woran oder wie erfahren wir nicht (sind es die Geschwüre? Ist es der Hunger?) – und wird „von Engeln in Abrahams Schoß getragen“. Ebenso stirbt der Reiche (kurz darauf? Woran und wie?), findet sich jedoch in der Unterwelt wieder, wo er, wie der Text dreimal betont, Qualen leidet. Kein Kommentar der Erzählstimme begründet dieses unterschiedliche Schicksal.
Nicht selten sehen Auslegerinnen und Ausleger deshalb hier einen jenseitigen Äquivalenz-Automatismus am Werk, der den Reichen um seines Reich-Sein willens bestraft, den Armen aber um seines Arm-Sein willens belohnt. Wenngleich die erste von drei Antworten Abrahams – „Mein Kind, erinnere dich ...“ – auf den ersten Blick diese Deutung zu stützen scheint, hieße dies, die lukanische Erzählkunst deutlich zu unterschätzen. Denn der drastische Vorher-Nachher-Kontrast – zunächst ist der Reiche in prunkvolle Gewänder gehüllt, dann erhält Lazarus das Geleit der Engel, zunächst genießt der Reiche sein Leben, dann liegt Lazarus in Abrahams Schoß, zunächst wünscht sich Lazarus Speisereste, dann der Reiche einen Tropfen Wasser – umfasst auch und vor allem die Beziehung der beiden Protagonisten: Der „tiefe, unüberwindliche Abgrund“, der Lazarus (und Abraham) im Jenseits vom Reichen trennt, kontrastiert mit der engen räumlichen Nähe, die im Diesseits bestand. „Vor der Tür des Reichen“ lag jener Lazarus, der dann im Schoß Abrahams liegt.