BIBEL AM SONNTAG (23. SONNTAG/A)

Ralph Greis OSB: Wie Zurechtweisung gelingen kann

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Kann eine Zurechtweisung auf Augenhöhe gelingen? Ja, sagt Pater Ralph Greis OSB und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Niemand lässt sich gern zurechtweisen. Wenn ich selbst einsehe, dass ich einen Fehler gemacht habe, ist das in Ordnung. Dann kann ich ihn zugeben und um Verzeihung bitten. Aber von jemand anderem darauf gestoßen zu werden – der soll doch bitte erst einmal vor seiner eigenen Türe kehren!

Bietet Jesus nicht geradezu ein Programm der gestuften Einmischung? „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht … Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir … Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde.“ Was geht die das überhaupt an?

Geschwisterlichkeit

Die Lesungen vom 23. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Was es Jesus angeht, lesen wir drei Verse vor dem heutigen Evangelium. Dort steht das Gleichnis vom guten Hirten, der das verirrte Schaf sucht, damit es nicht verloren geht (Mt 18,12–14). Wenn wir von dorther auf die anschließende „correctio fraterna“ schauen, die geschwisterliche Zurechtweisung, dann geht es nicht so sehr darum, den Mitmenschen dafür zu kritisieren, dass er bei Rot über die Straße gegangen ist, sondern dafür Sorge zu tragen, dass er nicht unter die Räder kommt. Es geht nicht darum, Regeln um ihrer selbst willen zu befolgen, sondern darum, dass erstens der Mensch heil bleibt oder wird, und zweitens, dass auch die Gemeinde keinen Schaden leidet, weil eines ihrer Glieder verloren geht.

Die Verpflichtung, für Schwester und Bruder Sorge zu tragen, hören wir auch vom Propheten Ezechiel: „Du Menschensohn, ich habe dich dem Haus Israel als Wächter gegeben… Wenn du nicht redest, um den Schuldigen vor seinem Weg zu warnen, dann wird dieser Schuldige seiner Sünde wegen sterben; sein Blut aber fordere ich aus deiner Hand zurück.“

Mitmenschen vor Schaden bewahren

Wir sind Gott gegenüber verantwortlich. Nicht dafür, dass unsere Mitmenschen sich an alle Vorschriften halten, sondern für nicht weniger, als dass sie mit Leib und Seele am Leben bleiben.

Auch die Ezechiel-Lesung dürfte zwei Verse länger sein. Dann würden wir hören: „So wahr ich lebe – Spruch Gottes, des Herrn – ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg und am Leben bleibt“ (Ez 33,11). Das legt der Herr in unsere Hand. Füreinander. Nicht von oben nach unten, sondern auf Augenhöhe, zwischen Schwestern und Brüdern.

Muss ich jemand zurechtweisen, soll ich in Schwester und Bruder das Ebenbild Gottes sehen (Gen 1,26f). Erst dann bin ich in „göttlicher Mission“ unterwegs. Werde ich umgekehrt zurechtgewiesen, sollte ich hoffen dürfen, dass auch ich so angesehen werde. Gott gegenüber bin ich verantwortlich, dass sein Ebenbild an und auch in meiner Person keinen Schaden nimmt.

Dienen auf Augenhöhe

Wenn ich in meinen Mitmenschen Christus dienen soll, dann besteht die Gefahr, dass sie zum „Substrat“ werden, auf dem ich mir durch gute Taten Verdienste im Himmel erwerben will. Darf ich aber im Angesicht meiner Schwester und meines Bruders das Antlitz Christi erblicken, dann begegne ich in dieser Ebenbildlichkeit dem Innersten ihrer selbst, dem, was uns gemeinsam zu Gliedern des Leibes Christi macht. Auch das ist Augenhöhe, auf die der Herr selbst sich begibt.

Der Prophet Ezechiel verkündet das Wort Gottes nicht in Jerusalem, sondern im Exil in Babylon. Vielleicht sorgt man sich in einer solchen Situation eher um jene, die sich verfehlen, versucht man um des Zusammenhalts willen, etwas gegen die Sünde zu tun, nicht aber gegen die Sünder. In den jungen christlichen Gemeinden mag es ähnlich ausgesehen haben.

Nächstenliebe

Wörtliche Zu-Recht-Weisung schlägt den Mitmenschen nicht ihre Fehler um die Ohren, sondern weist sie zum Rechten hin. Wie schon das Buch Levitikus (Lev 19,18), wie Hillel und Jesus, fasst Paulus für seine römische Gemeinde die Gebote Gottes in dem Satz zusammen: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes, des Rechts, dann muss es von der Liebe getragen sein, den anderen zum Recht zu weisen. Die Liebe verlangt die echte geschwisterliche Zurechtweisung. Sie ist keine moralinsaure Demonstration der Überlegenheit, sondern ein Mitwirken am Aufbau des Leibes Christi.

Nur Mut! In diesem Sinn kann Zurechtweisung gelingen, in beiden Richtungen. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind – ich möchte ergänzen: einander Weggeleit geben und sich geben lassen – da bin ich mitten unter ihnen.“ Wir sind einander anvertraut, und niemand soll verloren gehen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 23. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A finden Sie hier.

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