BIBEL AM SONNTAG (24. SONNTAG/A)

Christiane Dettmer: Vergebung ist kein Striche-Konto

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Wie kann Vergebung gelingen? Manchmal braucht es Zeit, erklärt Christiane Dettmer und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

„Das kann ich dir nicht verzeihen.“ Solche Worte fallen, wenn Enttäuschung oder Verletzung tief sitzen. Ob in der Familie, in der Partnerschaft, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz – überall, wo Menschen zusammenleben, entstehen Konflikte. Manchmal genügen wenige Worte, um Vertrauen zu zerstören. Deshalb ist die Frage des Petrus zeitlos: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?“

Petrus hält seinen Vorschlag bereits für großzügig. Nach jüdischer Tradition galt mehrmaliges Vergeben als ausreichend. Petrus sucht eine Grenze. Doch Jesus antwortet nicht mit einer neuen Regel, sondern mit einer neuen Perspektive. Vergebung ist kein Konto, auf dem Striche gezählt werden. Sie ist eine Haltung, die aus Gottes Barmherzigkeit lebt.

Unrecht nicht verharmlosen

Die Lesungen vom 24. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Das klingt anspruchsvoll – und das ist es auch. Denn Vergebung ist kein Schalter, den man einfach umlegt. Verletzungen verschwinden nicht auf Kommando. Wer Unrecht erfahren hat, empfindet Zorn, Trauer oder Enttäuschung. Solche Gefühle sind nicht verwerflich. Sie zeigen, dass etwas Wertvolles verletzt wurde. Darum bedeutet Vergebung niemals, Unrecht zu verharmlosen oder auf notwendige Grenzen zu verzichten. Manchmal ist es auch notwendig, Grenzen zu ziehen, Abstand zu halten oder Dinge stehen zu lassen, damit das Unrecht nicht weitergeht. Vergebung heißt niemals, sich neu verletzen zu lassen oder das Geschehene kleinzureden. Gott stellt sich nicht auf die Seite der Gewalt, sondern auf die Seite des Menschen, dessen Würde verletzt wurde.

Dennoch bleibt die Frage: Wie kann Gemeinschaft gelingen, wenn Menschen einander immer wieder schuldig werden? Das Matthäus-Evangelium richtet sich an Gemeinden, in denen sehr unterschiedliche Menschen zusammenfanden, teils aus verfeindeten gesellschaftlichen Gruppen. Sie brachten ihre Geschichten, ihre Konflikte und ihre Verletzungen mit. Gemeinschaft entstand nicht dadurch, dass alle dieselbe Meinung hatten oder keine Fehler machten. Sie wuchs dort, wo Menschen bereit waren, einander trotz allem einen neuen Anfang zu ermöglichen.

Eine Gabe Gottes

Das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht führt diesen Gedanken eindrucksvoll vor Augen. Ein Mann steht vor einer Schuld, die er niemals begleichen könnte. Doch statt Strafe erfährt er Erbarmen: Sein Herr erlässt ihm alles. Wenig später begegnet derselbe Mann einem Mitknecht, dessen Schuld im Vergleich kaum ins Gewicht fällt. Nun wäre der Augenblick gekommen, das erfahrene Erbarmen weiterzugeben. Statt die empfangene Barmherzigkeit weiterzugeben, fordert er unerbittlich sein Recht.

Damit lenkt Jesus den Blick zunächst nicht auf die Schuld der anderen, sondern auf Gott. Der Herr erlässt seinem Knecht eine unvorstellbar große Schuld. Alles beginnt mit einer geschenkten Barmherzigkeit. Erst daraus erwächst die Fähigkeit, auch anderen barmherzig zu begegnen. Vergebung ist deshalb nicht zuerst eine Forderung an den Menschen. Sie ist eine Gabe Gottes.

Vergebung braucht Zeit

Vielleicht ist das die entlastende Botschaft dieses Evangeliums. Niemand muss Vergebung aus eigener Kraft hervorbringen. Sie lässt sich weder befehlen noch erzwingen. Sie braucht Zeit. Manchmal besteht der erste Schritt nur darin, Gott den eigenen Schmerz hinzuhalten und ihn zu bitten, das Herz nicht im Hass erstarren zu lassen. Vergebung und Versöhnung sind dabei nicht dasselbe. Versöhnung braucht die Bereitschaft beider Seiten. Vergebung dagegen kann auch dort ihren Anfang nehmen, wo eine Begegnung nicht mehr möglich oder nicht mehr verantwortbar ist. Sie nimmt dem erlittenen Unrecht nicht seine Schwere. Aber sie kann verhindern, dass es das ganze Leben bestimmt. Sie öffnet einen Raum, in dem der verletzte Mensch wieder aufatmen und Schritt für Schritt neue Freiheit gewinnen kann.

Kraft für den nächsten Schritt

Am Ende bleibt deshalb weniger eine Forderung als eine Einladung. Wir müssen Vergebung nicht machen. Wir dürfen Gott darum bitten. Er schenkt oft nicht sofort die Kraft für den ganzen Weg, wohl aber für den nächsten Schritt. Wo wir uns seiner Barmherzigkeit anvertrauen, kann aus dem, was unser Herz belastet, Neues wachsen. So wird Vergebung zu einem Weg der Hoffnung – nicht, weil die Vergangenheit ungeschehen wäre, sondern weil Gottes Liebe größer ist als unsere Schuld und tiefer reicht als unsere Verletzungen. Aus dieser Hoffnung dürfen Christinnen und Christen leben – Tag für Tag.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 24. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A finden Sie hier.

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