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Was soll uns das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg sagen? Die Antworten können vielfältig sein, sagt Marcus Hoffmann.
Befasst man sich mit der Geschichte der Gleichnisauslegung, stellt man fest, dass es in der Theologie, der Verkündigung wie der Religionspädagogik lange Zeit vor allem darum ging, Gleichnisse im Hinblick auf ihre jeweils zentrale Aussage, ihre eine Wahrheit hin zu befragen und zu entschlüsseln. Insbesondere der Bibelwissenschaftler Adolf Jülicher wies gegen Ende des 19. Jahrhunderts darauf hin, dass diese herausfordernden biblischen Texte im Hinblick darauf zu untersuchen seien, was Jesus denn wohl im Kern über seine Sache – sprich: das Reich Gottes – aussagen wollte. Jülicher sprach dabei von der Suche nach dem „Vergleichspunkt“ als dem entscheidenden Schlüssel zwischen der Bildsprache der Gleichnisse und der Wirklichkeit Gottes.
Gutmütiger Chef im Weinberg
Die Lesungen vom 25. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.
Begegnet man mit dieser Brille dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, fällt schnell auf, welcher Aspekt hier die größte Aufmerksamkeit auf sich zieht und im Sinne eines „Vergleichspunktes“ nach Deutung verlangt: Es ist der Weinbergbesitzer, der mit seiner unkonventionell „gutmütigen“ Art der Entlohnung nicht nur diejenigen irritiert, die betriebswirtschaftlich denken, sondern all diejenigen vor den Kopf stößt, die Gerechtigkeit am Ende des Tages gerne als Leistungsgerechtigkeit verstanden wissen wollen.
Aus ihrer Sicht verstört es, dass er den Arbeitern der ersten Stunde den gleichen Lohn zahlt wie ihren Kollegen, obwohl diese am Ende des Tages doch zweifelsohne weniger geleistet haben dürften. Dennoch erhalten alle den gleichen Denar. Die Frage liegt nahe: Müsste ein guter Chef – bei aller Empathie – den frühmorgens Eingestellten nicht doch wenigstens im Nachhinein etwas mehr zahlen, eine Art „variablen Bonus“, wie man es heute im sogenannten Human-Resources-Management empfiehlt?
Viele Deutungen gehen davon aus, dass Jesus mit dieser Parabel wohl gerade diesen Vorstellungen eine andere Auffassung von Gerechtigkeit gegenüberstellen will, die für den „göttlichen Weinberg“ gilt. Diese entspricht eher einer Bedürfnisgerechtigkeit, die nicht die erwirtschaftete Leistung als ersten Maßstab nimmt, sondern die tatsächlichen Bedürfnisse.
Beachtet man nämlich, dass die Arbeiter der späteren Stunden keineswegs aus Faulheit oder Unwillen auf dem Markt stehen bleiben, sondern lediglich aufgrund der ihnen verwehrten Chancen, erscheint die Entscheidung des Weinbergbesitzers in einem anderen Licht: Er handelt nicht aus Willkür oder Unvernunft, sondern möchte auch den Chancenlosen eine Möglichkeit geben, das Nötigste für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie zu bekommen. Der vereinbarte Denar dürfte in der damaligen Arbeitswelt jedenfalls gerade dem entsprochen haben.