Anzeige
Die Selbstinszenierung ist heute wesentlicher Bestandteil des Alltags. Jesus wirbt dafür, aus dem Hamsterrad auszubrechen.
Wir leben in einer Welt, die sich dauernd selbst in Szene setzt: Instagram, TikTok, LinkedIn – endlose Bühnen für das eigene Leben. Menschen zeigen die Sonnenseiten des Lebens. Sie filtern Bilder, wählen perfekte Momente, schieben alles Störende beiseite.
Erfolgreich, gut gelaunt, fit – so wollen Menschen gesehen werden. Jede und jeder will Anerkennung. Wer dauernd ein perfektes Bild von sich zeigt, muss diesem Bild auch gerecht werden. Das macht müde, setzt unter Druck und irgendwo hinter den Hochglanzbildern lauern die Fragen: Und was, wenn jemand das echte Ich sieht? Wer bin ich, wenn keiner mehr hinschaut?
Vor Gott keine Show abziehen
Die Lesungen vom 30. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C zum Hören finden Sie hier.
Mitten in dieses Spiel von Schein und Fassade platzt die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach. Da steht: Gott ist Richter, ohne Ansehen der Person! Kein Applaus, keine Sonderregeln für die, die groß rauskommen. Er sieht nicht die Filter, er sieht uns.
Ganz! Er hört die Stimmen, die in den Feeds der Welt untergehen: die Witwen, die Waisen, die Namenlosen. Das ist unbequem, weil es unsere mühsam gebaute Fassade infrage stellt. Aber gleichzeitig ist es auch befreiend: Vor Gott müssen wir keine Show abziehen. Er kennt uns ohnehin – auch den Teil, den wir lieber nicht posten würden. Er sieht den Menschen selbst. Das ist befreiend – und unbequem zugleich. Es verlangt Ehrlichkeit, Echtheit, Mut, sich nicht hinter einer Maske zu verstecken.
„Der erste Eindruck zählt“?
Wir Menschen „funktionieren“ jedoch häufig anders. Wir leben oftmals vom ersten Eindruck. Wir sehen ein Gesicht, hören eine Stimme, nehmen Körpersprache wahr. Das prägt. Das Äußere ist das, was wir zuerst kennen, das Innere erkennen wir oft erst später. Deshalb ist es gar nicht so einfach, das Äußere loszulassen und nur noch auf das Innere zu vertrauen. Wie häufig hören wir den Satz: „Der erste Eindruck zählt“?
Das Evangelium verstärkt diese Spannung noch. Jesus erzählt von zwei Männern im Tempel. Der eine ist Pharisäer: korrekt, religiös top, moralisch sauber. Er betet, zählt auf, was er alles richtig macht, und bedankt sich dafür, dass er nicht ist wie die anderen. Stolz und Selbstbeweihräucherung stecken in jedem Wort. Nach außen wirkt alles perfekt, innen klingt es hohl. Daneben der Zöllner: verhasst, schuldig, ohne Rechtfertigung. Er schlägt sich an die Brust und sagt nur: „Gott, hab Erbarmen mit mir.“ Mehr nicht.