BIBEL AM SONNTAG (30. SONNTAG/C)

Christoph Potowski: Was steckt hinter der Fassade?

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Die Selbstinszenierung ist heute wesentlicher Bestandteil des Alltags. Jesus wirbt dafür, aus dem Hamsterrad auszubrechen.

Wir leben in einer Welt, die sich dauernd selbst in Szene setzt: Instagram, TikTok, LinkedIn – endlose Bühnen für das eigene Leben. Menschen zeigen die Sonnenseiten des Lebens. Sie filtern Bilder, wählen perfekte Momente, schieben alles Störende beiseite.

Erfolgreich, gut gelaunt, fit – so wollen Menschen gesehen werden. Jede und jeder will Anerkennung. Wer dauernd ein perfektes Bild von sich zeigt, muss diesem Bild auch gerecht werden. Das macht müde, setzt unter Druck und irgendwo hinter den Hochglanzbildern lauern die Fragen: Und was, wenn jemand das echte Ich sieht? Wer bin ich, wenn keiner mehr hinschaut?

Vor Gott keine Show abziehen

Die Lesungen vom 30. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C zum Hören finden Sie hier.

Mitten in dieses Spiel von Schein und Fassade platzt die Lesung aus dem Buch Jesus Sirach. Da steht: Gott ist Richter, ohne Ansehen der Person! Kein Applaus, keine Sonderregeln für die, die groß rauskommen. Er sieht nicht die Filter, er sieht uns.

Ganz! Er hört die Stimmen, die in den Feeds der Welt untergehen: die Witwen, die Waisen, die Namenlosen. Das ist unbequem, weil es unsere mühsam gebaute Fassade infrage stellt. Aber gleichzeitig ist es auch befreiend: Vor Gott müssen wir keine Show abziehen. Er kennt uns ohnehin – auch den Teil, den wir lieber nicht posten würden. Er sieht den Menschen selbst. Das ist befreiend – und unbequem zugleich. Es verlangt Ehrlichkeit, Echtheit, Mut, sich nicht hinter einer Maske zu verstecken.

„Der erste Eindruck zählt“?

Wir Menschen „funktionieren“ jedoch häufig anders. Wir leben oftmals vom ersten Eindruck. Wir sehen ein Gesicht, hören eine Stimme, nehmen Körpersprache wahr. Das prägt. Das Äußere ist das, was wir zuerst kennen, das Innere erkennen wir oft erst später. Deshalb ist es gar nicht so einfach, das Äußere loszulassen und nur noch auf das Innere zu vertrauen. Wie häufig hören wir den Satz: „Der erste Eindruck zählt“?

Das Evangelium verstärkt diese Spannung noch. Jesus erzählt von zwei Männern im Tempel. Der eine ist Pharisäer: korrekt, religiös top, moralisch sauber. Er betet, zählt auf, was er alles richtig macht, und bedankt sich dafür, dass er nicht ist wie die anderen. Stolz und Selbstbeweihräucherung stecken in jedem Wort. Nach außen wirkt alles perfekt, innen klingt es hohl. Daneben der Zöllner: verhasst, schuldig, ohne Rechtfertigung. Er schlägt sich an die Brust und sagt nur: „Gott, hab Erbarmen mit mir.“ Mehr nicht.

Rollenumkehr

Jesus dreht die Rollen um: Nicht der glänzende Performer, sondern der Ehrliche geht gerechtfertigt nach Hause. Das trifft, weil diese Versuchung in jedem Leben da ist: uns abzugrenzen, besser zu wirken als die anderen. Aber wenn mein Wert davon abhängt, andere kleinzumachen, dann wird er brüchig, sobald die ersten Zweifel kommen. Fassaden reißen schneller, als man denkt. Hinter den schönen Fassaden kann ein großes inneres Trümmerfeld liegen. Wie wichtig ist da der unparteiische Blick Gottes? Er zerbricht die Schutzbilder, damit Menschen nicht mit ihren inneren Trümmern hinter den Hochglanz-Fassaden allein bleiben. 

Paulus bringt es im Brief an Timotheus auf den Punkt. Er zieht Bilanz über sein Leben. Kein Hochglanzbericht. Er macht keine Werbung für sich selbst. Er kennt seine Fehler, seine Kämpfe, seine Wunden. In den Augen der Öffentlichkeit war er ein Verlierer: Gefängnis, Angriffe, Rückschläge – niemand würde von Erfolg sprechen. Aber Paulus ist seiner Sache treu geblieben. Seiner Berufung, seinem Auftrag. Nicht dem Image, nicht dem Schein. Genau darin liegt sein Erfolg. Nicht in den Augen der Welt, sondern in dem, wofür er gelebt hat, im Glauben an das, was ihn angetrieben hat. Paulus weiß: Mein Wert hängt nicht von Schlagzeilen oder Anerkennung ab. Er liegt in Gottes Hand, und das reicht.

Hör auf

Alle drei Texte sprengen das Spiel der Selbstdarstellung. Sie legen frei, wie anstrengend es ist, dauernd ein Bild von sich aufrechtzuerhalten. Sie fordern ein, loszulassen: die Fassade, die Angst, nicht zu genügen, den ständigen Drang, Eindruck machen zu müssen. Diese Lesungen reißen uns aus der Endlosschleife von Selbstdarstellung, Statusdenken und Imagepflege. 

Sie sagen: Hör auf, Rollen zu spielen. Dein Wert hängt nicht an Likes, nicht an deinem Ruf, nicht einmal an deinem moralischen Punktestand. Gott sieht tiefer. Er sieht das, was du selbst vielleicht kaum ertragen kannst. Wie schön wäre es, wenn das Unperfekte die Likes auch im Alltag bekäme? Warum ist es so schwer, uns unverstellt zu zeigen? 

Sämtliche Texte der Lesungen vom 30. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C finden Sie hier.

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