BIBEL AM SONNTAG (33. SONNTAG/C)

Pater Daniel Hörnemann: Bloß nicht den Kopf verlieren

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Überall Krise. Warum wir trotzdem auf die „Sonne der Gerechtigkeit“ vertrauen dürfen, sagt Pater Daniel Hörnemann OSB in der Schriftauslegung.

Wir leben zwar längst in einer post-optimistischen Ära, aber wir hören nicht gern von Niedergang und Ruin. Dennoch dürfen wir unsere Augen nicht davor verschließen. Kein Bereich unseres Lebens bleibt verschont: Gesundheit, Wohlstand, Glaube, Klima, Friede – sie sind alle gefährdet. Andauernd müssen wir uns auf neue Kalamitäten einstellen und versuchen, damit umzugehen. 

Jesus kündigte bereits an, dass alles auf dem Spiel steht. „Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden... Schreckliche Dinge werden geschehen.“ Anscheinend sah er die Krisen voraus, mit denen wir konfrontiert würden. Er warnt, gerät aber nicht in Panik. Er ermutigt dazu, auch in schwierigen Zeiten treu zu bleiben, in denen der Widerstand sogar aus dem eigenen Umfeld kommen kann. „Wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken!“ (Lk 21,9).

Gottvertrauen

Die Lesungen vom 33. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C zum Hören finden Sie hier.

Vielleicht ist folgende Haltung hilfreich, frei nach dem Gedicht „If“ des englischen Schriftstellers Rudyard Kipling: „Wenn du in der Lage bist, einen kühlen Kopf zu bewahren, während die ganze Welt um dich herum den Kopf verliert und vielleicht sogar dir die Schuld gibt, Wenn alle an dir zweifeln und du dein Vertrauen in deine eigenen Fähigkeiten nicht aufgibst, Wenn du in der Lage bist zu warten, ohne des Wartens müde zu werden, Wenn du hasserfüllte Reaktionen erhältst, während du selbst deinen inneren Frieden bewahrst, Wenn du weiterhin die Wahrheit verteidigst, egal wie viel Gegenwind du bekommst, Wenn du auf den Trümmern deines Lebenswerks stehst und unverdrossen beginnst, alles wieder neu aufzubauen, dann wirst du wahrhaft Mensch und Herr über dich selbst.”

In allen Irrnissen und Wirrnissen des Lebens nicht den Kopf zu verlieren, sondern Gottvertrauen, Treue und Ausdauer zu zeigen, das ist die Erwartung Jesu an uns. Nicht wenige Zeitgenossen fragen sich allerdings, ob sich das noch lohnt. Die Kirche sei ein Abbruchunternehmen, die Gottesdienste sinnlos und leer, alle Reformanstrengungen aussichtslos, Erfolg hätten in der Welt ganz andere.

Ein Licht wird aufgehen

Das war übrigens die allerletzte Frage im Ersten Testament: „Was nützt es, Gott zu dienen? Warum geht es den Gottesfürchtigen nicht besser als den Gottlosen?“ Die Antwort des Propheten Maleachi lautet: Jeder, der sich um Gerechtigkeit und Treue Gott gegenüber bemüht, ist aufgeschrieben in Gottes Erinnerungsbuch und kann sich auf sein Erbarmen verlassen. 

Der Prophet kämpft gegen die wachsenden Zweifel an der Verlässlichkeit der Verheißungen Gottes. Er verspricht denen, die Gott achten, das Aufgehen des Lichtes, das alle Finsternis vertreibt, den Aufgang der Sonne der Gerechtigkeit. Dieses Motiv ist in das vertraute Lied übernommen worden „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit: Brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann“ (GL 481).

Sonne der Gerechtigkeit

Dieses Lied wurde kurz vor Hitlers Machtergreifung veröffentlicht, es hatte seinen festen Platz bei Friedensgebeten vor der Wiedervereinigung Deutschlands und setzt starke Akzente auf politischen Protest, ökumenische Verbundenheit und innere Erneuerung der Kirche. 

Nicht der mühsame Umgang mit Skandalen, der unendlich langwierige Reformprozess, die zähen Strukturdebatten stehen im Fokus, sondern die Tatsache, dass eine Kirche nur dann Anstöße geben kann für eine bessere Gesellschaft, wenn sie sich auf ihre Quelle bezieht, auf Jesus und die von ihm vorgelebte Gerechtigkeit. Mit ihm ist der Menschheit die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen.

Gott als Richter und Retter

Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat Gott diese Sonne für immer am Firmament fixiert. Maleachi gebraucht ein merkwürdiges, zugleich wunderbares Bild von der Sonne: Die Menschen sollen Heil unter ihren „Flügeln“ finden. Das aufgehende Licht vertreibt alle Finsternis. Die Darstellung einer geflügelten Sonnenscheibe entspringt den antiken Sonnenkulten. 

Der Sonnengott galt als Garant der kosmischen Ordnung wie der gerechten sozialen Lebensordnung. Auf dieser Linie kündigt der Prophet den bedrängten Menschen seiner Zeit Gott als Richter und Retter an. In der Zeit bis zu dessen Kommen ist nicht Arbeitsscheu, sondern das Mitwirken der Menschen gefragt nach der Devise, die in Gerleve auf der Speisesaal-Tür eingeschnitzt ist: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen!“ (2 Thess 3,10).

Sämtliche Texte der Lesungen vom 33. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C finden Sie hier.

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