BIBEL AM SONNTAG (1. FASTENSONNTAG/A)

Christoph Kiefer: Der Anwalt unserer Sehnsucht

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Der Kampf gegen Versuchungen ist nicht leicht, weiß Christoph Kiefer und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Vor einigen Wochen stand ein Mann wegen schweren Betrugs vor Gericht. Er hatte in die Kasse seiner Chefin gegriffen und zudem Privatdarlehen von Bekannten genommen, die er mit abenteuerlichen Erklärungen nicht zurückzahlte. Der Gesamtschaden ist sechsstellig. Vor Gericht räumte der Mann, der einschlägig vorbestraft ist, unumwunden alle Vorwürfe ein und berichtete reumütig von seiner Spielsucht. Mich hat bewegt, wie der Mann einerseits zerknirscht ein Geständnis ablegte, weiterhin aber hilflos in seiner Suchterkrankung feststeckt.

Erfreulicherweise landen die wenigsten von uns vor Gericht. Aber den Kampf gegen Versuchungen, denen wir immer wieder erliegen, kennt jeder. Wir wollen uns ändern, schaffen es aber nicht. Sei es beim Rauchen, das wir eigentlich aufgeben wollen, unsere Unpünktlichkeit bei Verabredungen, Trägheit, Hochnäsigkeit oder beim vergeblichen Bemühen, uns von Kollegen oder Nachbarn nicht in Rage bringen zu lassen.

Eigene Baustellen bearbeiten 

Die Lesungen vom 1. Sonntag der Fastenzeit / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Die 40 Tage vor Ostern sind eine Einladung, sich einer Versuchung zu stellen. Das Evangelium vom ersten Fastensonntag bietet sich an, eigene Baustellen in den Blick zu nehmen. An welcher Gewohnheit oder an welchem Verhaltensmuster möchte ich arbeiten? Es geht weniger um allgemeine Regeln zu richtigem oder falschem Verhalten als um etwas, das ich in meinem Alltag gern ändern würde.

Das Ziel sollte realistisch und konkret sein. Und es lohnt sich, den Vorsatz als geistliches Vorhaben zu sehen. Nicht ich tue und mache etwas, sondern Gott handelt an mir. Matthäus schreibt, Jesus wurde vom Geist geführt. Das heißt, der Weg in die Wüste entsprang nicht einer Laune. Und: Jesus war nicht allein. Jesus besteht die Versuchungen nicht durch Härte gegen sich selbst, sondern durch seine Ausrichtung auf den Vater.

Die göttliche Führung

Es geht nicht um Selbstoptimierung, sondern um Hinwendung zu Gott. Das ist der Schlüssel, um mich nachhaltig ändern zu können. Es gibt eine innere Stimme, die mir die Schritte weist. Ich lasse mich führen – so erneuert sich Leben. Das Innehalten muss dem Tun vorausgehen, damit es verändert. Gott spricht in jedem Menschen. Wir sind eingeladen, mit ihm in Resonanz zu gehen.

Die Genesis-Erzählung zum Sündenfall von Adam und Eva beleuchtet den Vorrang der göttlichen Führung. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, wenn ein Mensch wie Gott sein will. Zwar haben wir Anteil an Gott durch die Menschwerdung Christi. Aber durch die Teilhabe an der göttlichen Natur wird der Mensch nicht Gott. Der Griff zum Apfel ignoriert den bleibenden Unterschied. Der Sündenfall besteht darin, Gott nicht als Gott anzuerkennen. Wenn Gott relativiert wird, also tot ist, wie Friedrich Nietzsche es formuliert, rückt der Mensch selbst auf diesen Platz. Die verheerenden Folgen menschlicher Selbstermächtigung sind im Kleinen wie im Großen unübersehbar.

Eine liebevolle Beziehung

Eine Sünde ist mehr als ein Eintrag in das Flensburger Verkehrsregister und mehr als moralisch fragwürdiges Verhalten wie ein Seitensprung. Das greift zu kurz. Biblisch gesprochen ist Sünde ein Nein zu Gott und zu sich selbst. Gott ist die Liebe, er ermöglicht Leben und führt in die innere Freiheit. Es ist am Menschen, diese Liebe im eigenen Leben zu entdecken und zu bejahen. In unserem Verhalten antworten wir auf die Liebe Gottes. Die Antwort geben wir im respektvollen, wertschätzenden Umgang mit Mitmenschen, mit der Natur und mit uns selbst. 

Eine ausgewogene Ernährung, eine verantwortungsvolle Partnerschaft, eine gute Impulskontrolle und was wir uns sonst wünschen – das alles sind Früchte einer liebevollen Beziehung zu Gott.

Gott ist in Jedem lebendig

Gott macht den Menschen nicht klein, sondern richtet ihn auf. Er ist in jedem Menschen lebendig, spricht ihn an, hofft auf Antwort. Gott will, dass wir unsere Möglichkeiten und Talente entfalten. Er ist der erste Anwalt unserer Sehnsucht nach einem frohen, zuversichtlichen und erfüllten Leben. Sich den eigenen Versuchungen zu stellen, ist eine gute Möglichkeit, uns selbst und Gott näherzukommen. Sie zeigen, wo wir uns noch an uns selbst klammern. Die Barmherzigkeit, mit der uns Gott anschaut, dürfen wir auch uns selbst schenken.

Der spielsüchtige Serienbetrüger wurde übrigens zu einer Haftstrafe verurteilt. Der Verteidiger besteht aber wegen der guten Sozialprognose seines Mandanten auf einer Bewährungsstrafe. Der Fall kommt nun vor die nächsthöhere Instanz.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 1. Sonntag der Fastenzeit / Lesejahr A finden Sie hier.

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