BIBEL AM SONNTAG (Heilige Familie/A)

Stephan Orth: Weihnachten heißt Zuwendung

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So verführerisch einfache Antworten auf komplexe Fragen sein mögen, sie werden der Lage nicht gerecht, sagt Stephan Orth und legt die Lesungen aus.

„In meinem Deutschland wird Weihnachten gefeiert. Wem das nicht passt, soll zurückschwimmen.“ Dieser Satz geht 2014 durch die sozialen Medien. Er ist mir bis heute präsent. Denn er legt etwas offen: Damals geht ein Gespenst um in Deutschland. Kein Geist mit Bettlaken, keiner, der Möbel verrückt. Sondern ein innerer Poltergeist, der in Köpfen spukt. Er poltert nicht durch alte Häuser, sondern durch Kommentarspalten und Straßen.

Mal laut, mal unterschwellig – aber wirksam. Eine der großen Sorgen dieses Ungeistes ist die angebliche „Islamisierung des Abendlandes“. Mich hat das damals tief bewegt. Nicht, weil ich etwas gegen Menschen mit Überzeugungen hätte – im Gegenteil. Mich erschütterte die Mischung aus Angst, Rassismus und der Instrumentalisierung des Christentums. Glaube wird zur Folklore, zum Abgrenzungsbeweis.

Es wird weiter gestritten

Die Lesungen vom Fest der Heiligen Familie / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Zehn Jahre später ist es leiser geworden, zumindest um „Pegida“ – aber der Geist wirkt weiter. Studien zeigen klar: Völkische und nationalistische Positionen widersprechen der christlichen Ethik, der universalen Menschenwürde, der Solidarität mit allen und der Ablehnung ausgrenzender Identitätslogiken. Mit Christentum hat das nicht viel zu tun.

Und doch wird weiter gestritten. Über das Straßenbild, über Rückführungen nach Syrien, wegen der „Überforderung“ der Gesellschaft. Über Kriminalität. Wir empören uns über Trump oder Putin und merken kaum, wie sehr sich der Ton hierzulande verschiebt. Wie wir uns an einer einzigen Partei abarbeiten, während bestimmte Gedanken längst in der Mitte ankommen. 

Es gibt weiterhin Herausforderungen

Verstehen Sie mich nicht falsch: Manche Debatten sind unnötig zugespitzt. Nicht jedes Wort gehört auf die Goldwaage – und das betrifft Linke wie Rechte gleichermaßen. Denn auch die allgegenwärtige Empörung ist ein Ungeist. Sie normalisiert Extreme, weil wir uns an ihre Lautstärke gewöhnen. Friedrich Merz ist kein „Nazi“, Robert Habeck kein „links-grün-versiffter Gutmensch“. Integration ist komplexer als die Wahl zwischen „Messerstecher“ und „toller Vielfalt“.

Natürlich gibt es Herausforderungen. Ängste. Es gibt eben auch schlechte Erfahrungen. Da ist die Sorge vor Abstieg. Jeder, der mal in bestimmten Stadtteilen des Ruhrgebiets gelebt und gearbeitet hat und nicht nur selbstgerecht über den Wochenmarkt in Münster schlendert oder in Hipster-Cafés privilegiert über das Patriarchat philosophiert, weiß: Integration kann gelingen. Sie kann aber auch scheitern. All das existiert.

Wie begegne ich Menschen?

Was mir fehlt, ist folgender Gedanke: Flüchtlinge sind Menschen. Menschen, die vielleicht nicht immer Heilige sind, aber auch nicht immer Verbrecher. Menschen – in allen Schattierungen der Wirklichkeit. Wenn ich auf das Fest der Heiligen Familie schaue, merke ich die Nüchternheit unserer Botschaft. Und dass sie nicht immer so froh ist, wie wir sie gerne hätten. Hinter der romantischen Krippe steht eine Fluchtgeschichte. Jesus flieht. Seine Familie sucht Schutz vor Gewalt. Ein Kind mit dunkler Haut, dunklen Haaren und braunen Augen. Einer, der kein Wort Deutsch gesprochen hätte und einer anderen Kultur angehörte. 

Wenn ich dieses Gottesbild ernst nehme, verändern sich meine Fragen. Sie werden weniger theoretisch und abstrakt. Plötzlich geht es um den konkreten Menschen. Neben Entmenschlichung tritt Menschlichkeit. Noch einmal: Die Angst ist da. Aber sie darf nicht den Blick verstellen. Am Ende steht die Frage: Wie begegne ich Menschen? Und an welchen Gott glaube ich?

Raus aus der Komfortzone

Unser Gott war selbst Flüchtling. Soll er auch zurückschwimmen? Dahin, wo er hergekommen ist? Weil er vielleicht mit Weihnachtsbäumen nichts anfangen kann? Weil sein Geburtstag keine schöne Erinnerung ist, sondern ihn an seine Flucht erinnert? Weil er nicht mal meine Sprache spricht? Unbequeme Wahrheiten, die leicht im Glühwein und Weihnachtskitsch untergehen.

Eine Welt voller Krisen braucht lebendige Christen – keine Selbstgerechtigkeit. Weder abgehobene Wokeness noch anbiedernde völkische Ideen. Beides dient nur zur Verfestigung der eigenen Überzeugungen. Und die werden bekanntlich immer undurchlässiger. 

Wenn ich mich so verschließe, flüchte ich nicht nur vor der Wirklichkeit, sondern auch vor Gott. Dann bleiben große Worte über Weihnachten leere Phrasen, und unsere Kultur verkommt zur Unkultur. Weihnachten zu feiern, heißt, Zuwendung zu leben. Also raus aus der Komfortzone und hin zu den Menschen!

Sämtliche Texte der Lesungen vom Fest der Heiligen Familie / Lesejahr A finden Sie hier.

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