BIBEL AM SONNTAG (PALMSONNTAG/A)

Stefan Jürgens: Ein Gott, der uns leiden kann

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Der Palmsonntag ist voller Spannungen, sagt Stefan Jürgens und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Die szenischen Motive des Einzugs Jesu in Jerusalem sind als „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ auf markante Weise Wort und Ton geworden; ein Lied, das wir heute irrtümlich als Adventslied verwenden, obwohl es ein Lied zum Palmsonntag ist. Auf diesen Einzug des Messias-Königs in Jerusalem folgt unmittelbar die Tempelreinigung, in der Jesus erst einmal kräftig aufräumt!

Die erste Lesung ist das dritte Lied vom Gottesknecht, das diesen uns unbekannten Propheten als leidenschaftlichen und leidensfähigen Jünger besingt, der leicht mit Jesus zu identifizieren ist. Die Leidensgeschichte nach Matthäus schließlich zeigt, dass Jesus der verheißene Messias ist, mit dem sich die Schrift erfüllt.

Christus-Hymne

Die Lesungen vom Palmsonntag / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

In der zweiten Lesung singt die Kirche ein Lied, das ihr aus der Zeit ihrer Anfänge entgegen klingt. Paulus zitiert einen Christus-Hymnus, den schon die allerersten Christen bei ihren Zusammenkünften gesungen haben. Das Lied ist eine Passions- und Ostergeschichte in Gedichtform und singt von der freiwilligen Erniedrigung des Gottessohnes in seiner Menschwerdung bis zum Kreuz: „Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ Im zweiten Teil singt Paulus von der Erhöhung Jesu Christi durch Gott, den Vater: „Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der jeden Namen übertrifft.“

Der Hymnus eröffnet Einblicke in Gottes Weisheit und Durchblicke in den Himmel. Gott will die Menschen erlösen. Er zeigt sich in Christus als der sympathische Gott, der uns leiden kann – Sympathie bedeutet Mitleiden. Durch die Auferstehung setzt er Jesus Christus zum Herrn ein, vor dessen Namen alle Welt bekennend in die Knie gehen wird.

Krippe und Kreuz

Das Gedicht ist kunstvoll und spannend. Kunstvoll, weil es das ganze Christusgeschehen umgreift. Spannend, weil die Spannung „Erniedrigung bis zum Kreuz“ – „Erhöhung durch Gott“ das ganze Leben und Leiden des Messias umfasst: Krippe und Kreuz, Erniedrigung und Erhöhung, Leben durch den Tod hindurch. Auf diese Weise wird das Paulus-Lied zum Präludium der Drei Österlichen Tage, in denen wir den Hindurchgang Jesu durch den Tod ins Leben feiern. Der Palmsonntag ist ja ohnehin voller Spannungen: Dieselben Leute, die „Hosianna“ rufen, werden bald das „Kreuzige“ schreien.

Christen gehen den Weg Christi durch alle Spannungen, durch Leiden und Kreuz. Dieser Weg ist immer zuerst ein Weg nach unten, in die Niedrigkeit. Der Weg der Christen nach unten – in den Dienst am konkreten Menschen, im Leiden und Mitleiden – ist dann aber ganz sicher ein Weg der Bestätigung und Vollendung durch Gott. Christen teilen das Leben buchstäblich in allen Höhen und Tiefen.

Gott liebt und bleibt treu

„Ich wünsch‘ dir Liebe ohne Leiden“ singt ein sanftes Liedchen unserer Tage. Liebe ohne Leiden gibt es jedoch nicht. Wer wie Gott sympathisch sein will, kann leiden. Erst im Leiden stellt sich heraus, wovon einer lebt. Wer niemanden leiden kann, der liebt auch nicht. Ohne Passion keine Passage, ohne Leidenschaft kommt keiner durch. Die Botschaft lautet: Gott liebt und bleibt treu – gerade im Leiden. Noch mehr: Er bleibt treu mitten durch den Tod hindurch.

Das Besondere ist, dass Christus diesen Weg freiwillig geht. Er gibt seine Göttlichkeit auf und steht als Mensch unter Menschen, buchstäblich heruntergekommen. „Darum hat Gott ihn erhöht“, schreibt Paulus: wegen dieser Erniedrigung. Dieser Weg ruft zur Dankbarkeit und Nachfolge. Gott erspart uns nicht, dass wir leiden müssen. Aber er ist mit uns solidarisch. Freiwillig teilt er unser Schicksal. Wir sind eingeladen, dieses Lied nicht nur zu lesen und zu hören, zu bedenken und zu singen, sondern zu leben. Wer freiwillig den Weg nach unten geht, der provoziert. Die selbstlose Liebe bedeutet immer eine Herausforderung zur Menschlichkeit.

Vom Festhalten zum Loslassen

Genau dazu ruft Paulus uns auf. Er schreibt den Christus-Hymnus nicht in ein frommes Liederbuch. Er stellt ihn in einen Gemeindebrief hinein und schreibt ein gewichtiges Wort darüber, als eine Lesehilfe: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“. Das ist der Leitton; durch ihn bekommt das Lied die richtige Stimmung für das konkrete Leben. Wer vom Festhalten zum Loslassen kommt, wer den Weg nach unten geht, den Weg durch alle Höhen und Tiefen des Lebens, darf mitsingen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom Palmsonntag / Lesejahr A finden Sie hier.

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