BIBEL AM SONNTAG (16. SONNTAG/A)

Michael Ehlert: Trage in Demut deinen Mist...

Anzeige

Gut gegen Böse, Ordnung gegen Chaos – warum wir uns auf das Gute konzentrieren sollten, erklärt Michael Ehlert und legt die Lesungen aus.

Manchmal lassen mich Textabschnitte aus dem Evangelium irritiert zurück. Das gilt auch im Blick auf das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen aus der Gleichnisrede Jesu und der Deutung, so wie sie der Evangelist Matthäus zusammengestellt hat. 

Nach der Zeit der Aussaat des guten Samens in das Herz der Menschen blickt Matthäus mit diesem Gleichnis Jesu auf die Zeit des Wachstums und die künftige Ernte. Das Himmelreich – das heißt der Lebensbereich, in dem nach den „Spielregeln der Liebe Gottes“ gehandelt wird – beginnt nach Aussage des Gleichnisses schon mitten im irdischen Leben, wo zugleich – Gott sei’s geklagt – auch das Böse wirkt. Woher kommt „das Unkraut“? Das griechische Wort „Zizania“ meint den giftigen Taumellolch mit seinem weit verzweigten Wurzelwerk. Und wie ist damit umzugehen?

Ordnung versus Chaos

Die Lesungen vom 16. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Die Mitarbeiter des Gutsherrn im Gleichnis Jesu wollen für Ordnung sorgen – sie haben die Absicht, das Schädliche zu beseitigen, bevor es emporkeimen und dem guten Samen Lebenskräfte wegnehmen kann. Das wünsche ich mir oft auch, das Böse samt seinen Wurzeln sofort zu beseitigen. So ein – oft gutgemeinter – Eifer im gesellschaftlichen wie auch im religiösen Bereich hat jedoch viel Unheil angerichtet – bis hin zu Ausgrenzung und Vernichtung Andersdenkender in Kirche und Gesellschaft. Jesu Wort stellt sich diesem radikalen „Säuberungsdenken“ im Blick auf Gesellschaft und Kirche klar entgegen: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte!“ (Mt 13,30a).

Jesus ruft in diesem Gleichnis dazu auf, sich nicht selbst als Richter über andere zu erheben und eigenmächtig das Böse „auszureißen“. In der irdischen Zeit solle lieber das Böse erduldet werden, um das Wachstum des Guten nicht zu gefährden. Anders als im Bildwort vom Weizen und Taumellolch kann der Mensch sich Zeit seines Lebens vom Bösen abwenden und dem Wachstum des Guten zuwenden. Jesus gibt die Hoffnung nicht auf, dass sich in jedem das Gute, das in ihn hineingesät wurde, entfalten kann, wie bei einem winzig kleinen Senfkorn, das staunenswertes Wachstumspotential hat, oder wie beim Sauerteig, der alles durchsäuert.

Das Gute soll sich entfalten

Im Blick auf das eigene Leben ist es oft besser, dafür Sorge zu tragen, dass der Same des Guten zur Entfaltung kommen kann, als seine Kraft darauf zu richten, das Böse zu bekämpfen. Weniger „defizitorientiert“, mehr „lösungsorientiert“. Im Blick auf mein eigenes Leben, Reden und Handeln erkenne ich oft nicht, was zwar „gut gemeint“, aber nicht wirklich gut ist. So wie auch der giftige Taumellolch vom echten Weizen zunächst kaum zu unterscheiden ist. Das kann zu Verunsicherung oder aber zu wahrer Demut führen, wie sie in der Lesung aus dem Buch der Weisheit zum Ausdruck kommt, dass es Gott allein ist, „der für alles Sorge trägt, daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast“ (Weish 12,13).

Der Apostel Paulus ist davon überzeugt, dass die Geistkraft der Liebe Gottes sich unserer Schwachheit annimmt (vgl. Röm 8,26); und „dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten gereicht“ (Röm 8,28).

Demütige Gelassenheit

Das Gleichnis Jesu ist für mich eine klare Warnung vor jedem Fanatismus – ob politischer oder religiöser Art; und es ruft zu einer demütigen Gelassenheit auf im Blick auf den eigenen „Lebensacker“, wo sowohl wertvoller Weizen wie auch Lästiges oder mitunter sogar Giftiges heranwächst. 

Dem Mystiker Tauler, der im 14. Jahrhundert lebte, wird folgender Vergleich zugeschrieben: Das Pferd macht täglich seinen Mist im Stall, doch dasselbe Pferd zieht täglich auf einem Karren diesen Mist auf das Feld, und daraus wächst dann kostbarer Weizen, der niemals so gut wüchse, wäre der Mist nicht da. Also – so die Folgerung – trage in Demut deinen Mist, dein Versagen, auf „den Acker des liebreichen Willens Gottes“, damit Gutes daraus erwachsen kann.

Apokalyptische Bilder

Der Schluss klingt mahnend mit einem Blick auf das Ende – die Zeit der Ernte. Meines Erachtens sind die apokalyptischen Bilder in der Verkündigung Jesu keine Tatsachenbeschreibungen, sondern Warnschilder, die oft mit drastischen Bildern darauf hinweisen, dass das Böse keinen Bestand haben wird, sondern im Feuer verbrannt – das heißt umgewandelt wird. Also ein Ruf zur Umkehr. Das Evangelium schließt mit dem hoffnungsvollen Bild, dass Gerechte, das heißt diejenigen, die ihr Vertrauen auf die Liebe Gottes setzen, „wie die Sonne leuchten“. (Mt 13,43). Gutes möge wachsen!

Sämtliche Texte der Lesungen vom 16. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A finden Sie hier.

Anzeige

Komplet - der Abend-Newsletter von Kirche+Leben

JETZT KOSTENLOS ANMELDEN



Mit Ihrer Anmeldung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.