BIBEL AM SONNTAG (17. SONNTAG/A)

Max Weiß: Die Kunst der Unterscheidung

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Worauf kommt es im Leben an? Unter anderem auf ein hörendes Herz, erklärt Max Weiß und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Von Max Weiß

Als Gott Salomo im Traum erscheint und ihm eine Bitte freistellt, erbittet der junge König weder Macht noch Reichtum, noch bittet er um ein langes Leben. Nein, worum er bittet, ist ein hörendes Herz, um die Kunst, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Damit berührt die Lesung aus dem Buch der Könige einen Grundzug der biblischen Weisheit. Sie meint die Fähigkeit, die Wirklichkeit im Licht Gottes zu verstehen und den Dingen ihren rechten Platz zuzuweisen.

Salomo bittet nicht darum, selbst festzulegen, was gut und was böse ist. Er bittet darum, die Ordnung zu erkennen, welche Gott in die Schöpfung hineingelegt hat. Wahre Weisheit beginnt deshalb mit dem Hören, denn das hörende Herz ist offen für eine Wahrheit, die größer ist als der Mensch selbst.

Eine neue Perspektive

Die Lesungen vom 17. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Aus dieser Perspektive erschließt sich das Evangelium in seiner ganzen Tiefe. Jesus erzählt zunächst die Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle. Ein Mann findet einen Schatz, ein Kaufmann entdeckt eine Perle von außergewöhnlichem Wert. Beide verkaufen ihren sonstigen Besitz, um das Gefundene zu gewinnen.

Die Pointe dieser Gleichnisse liegt nicht im materiellen Wert von Schatz oder Perle. Entscheidend ist die Erkenntnis, welche die beiden gewinnen. Sie entdecken etwas, das so kostbar ist, dass alles andere dahinter zurücktritt. Nicht weil alles andere wertlos geworden wäre, sondern weil sie einen neuen Maßstab gefunden haben, von dem her sich ihr ganzes Leben neu bestimmen lässt. Jesus nennt diese Wirklichkeit das Reich Gottes.

Was führt tiefer?

Damit ist nicht ein Lebensbereich neben anderen gemeint. Das Reich Gottes ist die Gegenwart Gottes selbst, seine Herrschaft, seine Wahrheit. Wer das Reich Gottes entdeckt, findet nicht bloß etwas Wichtiges unter vielem anderen, sondern das Entscheidende. Er erkennt das Letztgültige, von dem her alles andere seinen Sinn und seinen Wert empfängt.

An diesem Punkt begegnet das heutige Evangelium einer zentralen Einsicht des heiligen Ignatius von Loyola. Für ihn besteht das geistliche Leben wesentlich in der Unterscheidung der Geister. Es geht um die Erkenntnis, welche Regungen den Menschen näher zu Gott führen und welche ihn von Gott entfernen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Was erscheint mir attraktiv oder nützlich? Sondern: Was führt mich tiefer in die Gemeinschaft mit Gott? Genau das geschieht bei dem Mann auf dem Acker und dem Kaufmann. Sie erkennen das Höchste und können deshalb alles andere neu bewerten.

Gut und Böse unterscheiden

Doch das Evangelium endet nicht mit Schatz und Perle. Es folgt das Gleichnis vom Netz, das gute und schlechte Fische sammelt, welche dann am Ufer voneinander getrennt werden. Auch hier geht es um die Unterscheidung von Gut und Böse. Denn am Ende wird sich zeigen, was Bestand hat und was vergeht. Das Gericht Gottes als die Offenbarung der Wahrheit des Lebens selbst.

Schließlich fügt Jesus noch ein letztes Bild hinzu: Der Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, gleicht einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt. Wer das Reich Gottes gefunden hat, verwirft nicht einfach das Alte zugunsten des Neuen. Vielmehr lernt er, beides in seinem Zusammenhang zu verstehen. Das Neue hebt das Alte nicht auf, sondern erschließt es. Die Verheißungen Israels werden im Licht Christi neu verstanden, ohne ihren Wert zu verlieren.

So entsteht eine innere Bewegung durch die Texte dieses Sonntags: Salomo erbittet die Gabe der Unterscheidung. Jesus offenbart im Reich Gottes den letzten Maßstab aller Unterscheidung. Das Gleichnis vom Netz erinnert an die Wahrheit, die am Ende offenbar werden wird. Und das Bild vom Hausvater zeigt die Frucht dieser Weisheit: die Fähigkeit, Altes und Neues aus dem einen Schatz Gottes hervorzuholen.

Eine neue Lebensbitte

Vielleicht sollten wir deshalb die Bitte Salomos neu zu unserer eigenen machen: Nicht zuerst um Erfolg, Sicherheit oder Einfluss zu bitten, sondern um ein hörendes Herz. Ein Herz, das Gut und Böse unterscheiden kann. Ein Herz, das im Reich Gottes den wahren Schatz erkennt. Ein Herz, das die Wahrheit liebt, und ein Herz, das aus dem einen Schatz des Glaubens Altes und Neues hervorholt, weil es gelernt hat, alles von Gott her zu sehen. Denn dort, wo Gott zum Maßstab des Lebens wird, ordnet sich nicht nur eine einzelne Entscheidung, dort ordnet sich der Mensch selbst neu.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 17. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A finden Sie hier.

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