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Weihnachten ist nicht nur Lametta, es geht um echte Menschen, weiß Stephan Orth und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.
Rückblende: Es ist Anfang 2022 und ich befinde mich in meinem ersten Jahr der Pastoralassistenz. Wieder einmal ist es acht Uhr morgens, ich stehe vor einer fünften Klasse am Theodor-Heuss-Gymnasium in Dinslaken. Viele wissen nicht: Auch eine Schulausbildung gehört zur Berufseinführung der Pastoralreferentinnen und -referenten. Zum Einstieg in den Unterricht sollen die Kinder an die Tafel schreiben, was sie über Jesus wissen. Nach und nach kommen die kleinen Menschen nach vorne und schreiben allerhand auf.
Als kein Platz mehr ist, will ich die Ergebnisse zusammenfassen. Doch dann fällt mir etwas ins Auge. Da steht: „Josef wollte sich verdrücken.“ Ich bin irritiert. Wie bitte? Josef wollte sich verdrücken? Also frage ich ganz direkt nach – getreu dem Sesamstraßen-Motto: „Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ Ein Junge zeigt auf und sagt ziemlich abgeklärt: „Naja, Josef wollte sich verdrücken. Das wussten Sie nicht, Herr Orth?“ – Nein, das wusste ich tatsächlich nicht. Ich kann es weder bestätigen noch verneinen und kündige an, nachzuschauen.
Will Josef sich verdrücken?
Die Lesungen vom 4. Adventssonntag / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.
In der Freistunde tue ich genau das. Ich schaue nach. Und siehe da: Josef wollte sich tatsächlich verdrücken. Ich bin völlig perplex. All die Jahre des Theologiestudiums, all die Jahre als Messdiener – aber dieses Detail war mir komplett entgangen. Aber jetzt ist es geklärt. Der Junge hat recht. Damit wäre die Sache eigentlich erledigt. Und doch lässt sie mich nicht los. Ich frage mich: Wie kann es sein, dass gerade ich als „Experte“ dieses Detail nicht auf dem Schirm habe? Schon höre ich die Stimmen mancher Kollegen und Freunde, die meinen, ich würde lieber über große theologische Fragen lamentieren, aber wüsste nicht, was „wirklich“ in der Bibel steht.
Spannend finde ich aber eine ganz andere Sache: Warum war ausgerechnet dieser Punkt für das Kind so bedeutsam? Warum wollte gerade dieses Kind uns erzählen, dass Josef sich „verdrücken“ wollte? Ich suche das Gespräch mit meiner Schulmentorin. Und dabei stellt sich heraus: Die Eltern des Jungen sind geschieden.