BIBEL AM SONNTAG (14. SONNTAG/A)

Stefan Jürgens: Liebe statt Vorschriften

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Wer offen für das Geheimnis Gottes ist, kann reich beschenkt werden. Stefan Jürgens legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Jesus hat Probleme. Mächtige Probleme hat er mit den Mächtigen von damals. Mit den religiös Gebildeten macht er schlechte Erfahrungen, mit den klugen Frommen. Den Reichen ist er zu arm, den Gebildeten ist er zu einfach, den Frommen ist er zu frei. Jetzt hilft nur noch beten. Und Jesus betet: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.“

Jesus kommt bei den einfachen Leuten gut an. Zu seiner Zeit nennt man diese Leute „am-haarez“, die Leute aus dem Volk. Sie sind Unmündige, weil sie nicht mitreden können, weil man ihnen den Mund verbietet. Weil sie die 613 Detailvorschriften des jüdischen Gesetzes weder lesen noch befolgen können, gelten sie bei den Gelehrten als der letzte Dreck. Gerade ihnen will Jesus wieder eine Chance geben.

613 Vorschriften

Die Lesungen vom 14. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

613 Vorschriften, eine ungeheure Last. Da kann Jesus nur noch sagen: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch ... meine Last ist leicht!“ Bei Jesus geht es nicht um Gesetz, sondern um Geist. Es geht nicht um Vorschriften, sondern um Liebe. Deswegen sagt er: „Meine Last ist leicht!“ Darin liegt die Chance der kleinen Leute: Nicht in der Klugheit, sondern in der Offenheit für Gott.

Die Mächtigen und Einflussreichen von damals haben Jesus mittels ihrer gesetzlichen Weisheit ans Kreuz gebracht. Sie wollten, dass alles so bleibt, wie es ist; die Gewohnheit war ihnen wichtiger als die Wahrheit. Die meisten Gelehrten lehnten ihn ab, weil er nicht in ihre Denkschemata passte. Die meisten einfachen Leute nahmen ihn an, weil sie spürten: Er ist anders, er lehrt mit göttlicher Vollmacht, nicht wie die Schriftgelehrten.

Offen für das Geheimnis Gottes?

Warum ist das so? Die Weisen und Klugen sind selbstgerecht. Sie haben schon alles fertig, halten sich an Kleinigkeiten auf, wollen immer das letzte Wort haben. Die einfachen Leute spüren oft schneller, worauf es ankommt. Die Weisen und Klugen hören sich gerne reden, die Einfachen hören gerne zu. Die Weisen und Klugen haben ein großes Hirn, die Einfachen haben ein weites Herz. Die Weisen und Klugen meinen, dass sie schon alles haben. Die einfachen Leute können sich beschenken lassen. Und schließlich: Die Weisen und Klugen vertrauen so sehr auf ihre Erkenntnis, dass sie manchmal für das Geheimnis Gottes nicht mehr offen sind.

Jesus singt kein Lob der Dummheit, das wäre etwas ganz Anderes. Doch Jesus weiß: Wer schon alles zu haben glaubt, wessen Meinung schon festliegt, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer sich aufgrund eigener Klugheit dem Geheimnis Gottes verschließt, dessen Weisheit war eben doch nur eingebildet. Experten lernen solange vieles über Weniges, bis sie alles über Nichts wissen. Thomas von Aquin, der große Theologe des Mittelalters, weigert sich am Ende seines Lebens, auch nur noch eine Zeile Theologie zu schreiben. „Es ist alles Stroh, was ich geschrieben habe“, sagt er, nachdem er im Gebet eine Ahnung von Gott bekommen hat.

Gottvertrauen als Haltung

Glauben heißt für mich: Aus dem Geheimnis Gottes heraus die Liebe zu leben. Dafür braucht man jene Offenheit der einfachen Leute, für die Jesus seinen Vater im Himmel preist. Dafür braucht man jene Haltung, die man Gottvertrauen nennt.

Die erste Lesung aus dem Propheten Sacharja geht in dieselbe Richtung. Der von Gott Gesandte ist demütig; er reitet auf einem Esel, bringt den Frieden und stellt sich den angeblich so starken Kriegstreibern angst- und gewaltfrei entgegen. Auch wenn die Perikope aus einem anderen historischen Zusammenhang stammt, darf man in ihr eine Prophezeiung des Friedenskönigs Jesus sehen. Am Palmsonntag wird Jesus genauso in Jerusalem einziehen, wie Sacharja es beschreibt. Wir singen davon im Adventslied „Tochter Zion“.

Vertrauen auf die Gnade

Wenn Paulus in der zweiten Lesung aus dem Römerbrief die Begriffe „Fleisch“ und „Geist“ spannungsreich gegeneinander stellt, meint er damit keineswegs eine platonische oder prüde Abwertung des Irdischen zugunsten des Geistigen. Vielmehr steht für Paulus das „Fleisch“ synonym für das Vertrauen auf die eigene Leistung, währenddessen „Geist“ das Vertrauen auf die Gnade Gottes meint. Paulus überwindet die alte Gesetzlichkeit und setzt allein auf das neue Leben in Christus. Zu ihm dürfen alle kommen, die mühselig und beladen sind; alle, die nicht mithalten können, dafür aber Sehnsucht haben nach Erlösung.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 14. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A finden Sie hier.

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