BIBEL AM SONNTAG (WEISSER SONNTAG/A)

Katharina Kluitmann: Über die göttliche Verwundbarkeit

Anzeige

Der Sonntag nach Ostern hat immer dasselbe Evangelium: Thomas und der Auferstandene. Doch Katharina Kluitmann sagt: Da wandelt sich etwas!

Ach, Thomas, da bist du ja wieder! Mit schöner Regelmäßigkeit tauchst du am Weißen Sonntag in der Leseordnung auf. Ein stabiler Faktor. Du bist jedes Jahr dran, während die anderen Texte der Osterzeit sich brav im Dreijahresrhythmus verändern.

Ehrlich gesagt, habe ich erstmal gestöhnt, als ich sah, dass wir uns hier begegnen. Was ist dazu noch zu sagen? Auch in der Messe gefühlt jedes Jahr die gleiche Predigt.

Die Thomas-Predigten haben sich verändert

Aber halt! Wenn ich genau nachdenke, dann hat sich im Lauf der Jahre doch was verändert. Als ich ein Kind war, warst du der „ungläubige Thomas“. Mahnend wurde darauf hingewiesen, dass die selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Du warst der Glaubens-Schwächling, der es nötig hatte, Jesus zu sehen. Erst dann glaubtest du. Chance vertan, nicht zu sehen und doch zu glauben! Leider verloren.

Ein Lob dem Zweifler

Die Lesungen vom 2. Sonntag der Osterzeit / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Doch dann änderte es sich: Immer öfter Predigten, in denen ein Lob auf den Zweifel gesungen wurde. Auf deinen Zweifel. Auf unseren Zweifel. Zweifel gehört zum Glauben, hieß es.

Eher kontemplativ veranlagte Prediger (Predigerinnen gab es damals bei uns noch nicht) wiesen wohl auch hin auf dein tiefgläubiges „Mein Herr und mein Gott“. Ein Wort, das ein Verstummen ist. Ein Niedersinken in Staunen und Anbetung. Auch wenn da von Niedersinken gar nichts steht. Ebenso wenig wie davon, ob du nun deine Hand in seine Seite gelegt hast. 

Die Wunden

Und dann, Thomas, trat in den Predigten, die ich hörte, ein neuer Akzent auf. Die Wunden. In einer scheinbar unverwundbaren Welt wurde die Verwundbarkeit entdeckt. So sehr, dass sie einen Fachbegriff erhielt, „Vulnerabilität“.

Du erkennst Jesus an seinen Wunden. Erst hattest du, der Glaubensschwächling, dich in den berechtigt fragenden Gläubigen verwandelt. Dann drang die Veränderung durch ins Jesusbild.

Kein Triumphalismus

Auch er ist nicht einfach glorreich auferstanden, sondern der Gekreuzigte. Verwundung auf beiden Seiten. Der Triumphalismus: ausgedient!

Ich weine ihm keine Träne nach. Obwohl es natürlich irgendwie einfacher war: Das Grab leer, der Held erwacht – gläubig auf die Knie sinken! Aber das Verständnis heute, bei aller Mühsal, das scheint mir echter, authentischer, menschlicher – und biblischer.

Das Gottesbild ändert sich

Ja, Thomas, es ist eben gerade göttlich, dass dieser Jesus uns auch in seiner Verwundbarkeit nahekommt. Auch das Gottesbild ändert sich.

Gott ist nicht nur unbewegter Beweger in himmlischen Höhen. Er ist ein Gott, der sich berühren lässt, der sich verletzen lässt. Der sich verändern lässt, ja, sogar „umkehrt“, wie es schon im Ersten Testament gelegentlich heißt.

Macht das Gott kleiner?

Macht ihn das kleiner? Ganz im Gegenteil. So eine Liebe kann überwältigen, ganz leise, zart, sanft.

Aber jetzt, Thomas, muss ich noch auf die anderen Lesungen schauen, die dich nur jedes dritte Jahr begleiten. Machst du mit? 

Der Petrusbrief

Der Petrusbrief kreist um unsere Themen von gerade. Nur hymnisch und damit glorreicher als die Begegnung eines verwundeten Auferstandenen mit einem zweifelnden Glaubenden.

Der Weg der Prüfungen, die zu bestehen sind, klingt hier nur leise an. Der Schwerpunkt liegt auf dem Ziel, der Herrlichkeit des Himmels. Darauf läuft es hinaus. Das ist die Zielperspektive.

Das verkürzte Idealbild

Genauso die Lesung aus der Apostelgeschichte, nur auf die Gemeinschaft bezogen. Rosarot. Diese ersten Christgläubigen: wunderbare Harmonie, soziale Gerechtigkeit, gemeinsames Gebet, missionarische Kraft. So geht Kirche!

Dumm nur, dass sie eben auch damals schon nicht nur so ging. Das ist das Problem an den kleinen Häppchen Bibel in der Messe. Schaut man sich das Ganze an, ist klar: Gar so wundervoll war das damals auch nicht. 

Die ganze Apostelgeschichte lesen!

Ob ich in der Osterzeit die Apostelgeschichte mal wie einen Roman lese? Geht schnell. Ist zwar mehr als eine Kurzgeschichte, aber längst nicht Dan Brown oder Rosamunde Pilcher.

Aber so dramatisch wie Brown und manchmal so romantisch wie Pilcher! Hier eben ein eher romantisches Stück. Ein bisschen vom Ideal, um uns daran auszurichten. Um zu sehen, wie wir versuchen könnten, heute Kirche zu sein.

Mut zum Bruchstück

Ja, Thomas, ich weiß, dass es diese Ideale, die persönlichen wie die gemeinschaftlichen, braucht. Aber mir ist deine Weggeschichte lieb geworden, die lebensechte, mit Zweifeln, Wunden und eben auch einer verbeulten Kirche aus verbeulten Menschen.

Danke, Thomas, für deinen Realismus und den Mut zum Bruchstück und zum offenen Wort. Echt schön, dass wir uns hier begegnet sind!

Sämtliche Texte der Lesungen vom 2. Sonntag der Osterzeit / Lesejahr A finden Sie hier.

Anzeige

Komplet - der Abend-Newsletter von Kirche+Leben

JETZT KOSTENLOS ANMELDEN



Mit Ihrer Anmeldung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.