BIBEL AM SONNTAG (2.ADVENT/A)

Michael Hürter: Ist Frieden doch nur eine Illusion?

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Frieden scheint heute wie zu Zeiten von Jesaja schwer erreichbar. Allzu oft beginnt er als zartes Pflänzchen, sagt Michael Hürter.

Seit Beginn des Ukraine-Krieges feiern wir in der Pfarrgemeinde St. Georg in Saerbeck jeden Freitag um 18 Uhr ein meditatives Friedensgebet. Unterschiedliche Gruppen der Gemeinde, auch in ökumenischer Verbundenheit, gestalten dieses Gebet mit. Und dennoch werden Kriege nicht nur in der Ukraine und im Nahen Osten weitergeführt, neue Konflikte kommen hinzu.

Dem gegenüber steht eine ausdrückliche Friedensvision aus dem Buch des Propheten Jesaja. Fast würde ich schreiben: Friedensillusion. In den Kapiteln, die dem Kapitel 11 vorangehen, hält Jesaja ein sozial- und innenpolitisches Plädoyer für Recht und Gerechtigkeit, denn der Hintergrund ist die bittere Erfahrung, die das Volk Israel in seiner Gefangenschaft machen musste.

Geduld war vonnöten

Die Lesungen vom 2. Adventssonntag / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

So entwirft Jesaja ein Friedensgemälde, in dem Raubtiere friedliche Mitbewohner werden, kleine Kinder sich ihre positive Naivität und Neugierde bewahren und niemand mehr Angst zu haben scheint. In dieser globalen Welt scheint es gerecht zuzugehen. Niemand bereichert sich mehr am anderen und Gott ist einfach da in dieser Sehnsucht nach Frieden. Gott will in dieser Schöpfung und für die ganze Menschheit Heil erwirken.

Die Beschreibung des Propheten Jesaja deutet auf den kommenden Christus hin. Es ist eine zutiefst messianische Hoffnung, die der Prophet den Menschen seiner Zeit und auch uns heute mit auf den Weg geben möchte. Doch diese Hoffnung fängt bescheiden mit einem jungen Trieb an. Der Traum des Propheten wäre genial, wenn er Wirklichkeit werden könnte. Das könnte gelingen mit der Haltung, die uns Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom beschreibt: mit „Geduld und Trost“ Gottes (Röm 15, 5). Geduld war sicherlich vonnöten in dieser wenig homogenen Gemeinde, bestand sie doch aus einer jüdischen Diasporagemeinde und aus Heidenchristen. Das war keine einheitliche Gruppe mit einer gemeinsamen Geschichte. Auch werden Kultursensibilität und kulturbewusste Kommunikation mit der jeweils anderen Gruppe nicht besonders ausgeprägt gewesen sein. Sonst würde Paulus nicht die Einheit so betonen und ermutigend schreiben: „Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat“ (Röm 15,7). Von Einheit war wenig zu spüren und dennoch wollte die Gemeinde nach außen hin durchaus ein geeintes Bild abgeben.

Sehnen nach Christus

Paulus will eine versöhnte Einheit erwirken. Ihm ist aber klar, dass dies nicht nur mit gutem Willen zu erreichen ist. Es braucht dazu Christus, der in die Gemeinde zusammenhaltend hineinwirkt. Christus allein ist fähig, Menschen zusammenzuführen, die zunächst einmal nicht zusammenpassen.

Juden- und Heidenchristen spüren ein Sehnen nach Christus. Die Judenchristen wünschen sich einen Messias, der die traditionellen Verheißungen erfüllt. Die Heidenchristen sehnen sich nach Gottes Barmherzigkeit. So unterschiedlich die Zugänge zu Christus auch sein mögen, so gemeinsam ist doch der Glaube. Dies will Paulus betonen. Es geht es nicht um die Nivellierung der Unterschiede, sondern um die Stärkung des Zusammenhörigkeitsgefühls in der Gemeinde. Konflikte sollen da nicht einfach wegharmonisiert oder verschwiegen werden. Sie gilt es sachlich anzugehen und zu lösen, mit einer inneren Haltung der ehrlichen Annahme des Anderen. Das braucht die Einstellung und den Willen, Veränderungen in sich und in seinem Umfeld zuzulassen.

Gänzlich neue Lebensführung notwendig

In einer außerordentlichen Radikalität verkündet das Johannes der Täufer. Man könnte ihn als alternativen Aktivisten in eine politische Ecke stellen. Er irritiert mit seiner Botschaft. Fast könnte man meinen, er sei ein Aussteiger aus der Gesellschaft. Sein Ziel ist aber keineswegs die empörende Provokation, sondern die Umkehr der Menschen. Auffordernd lädt er zur Umkehr ein und ist ganz auf den Kommenden hin geordnet.

Die Umkehr meint nicht eine bloße Änderung der Fahrtrichtung, wie beim Navigieren auf der Straße. Sie meint eine gänzlich neue Lebensführung. Johannes sieht sich in der Linie des Propheten Jesaja lediglich als Wegbereitenden. Das macht seine Faszination und auch seine bescheidende Hilflosigkeit aus. Er verkündet nur einen Anderen. Er steht ganz und gar in der Dynamik des Vorläufigen und bleibt sich in seiner Rolle treu, die Herzen der Menschen für den kommenden Christus vorzubereiten.

Advent heißt, sich mit offenen Herzen zur Veränderung der Dynamik des Vorläufigen zu stellen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 2. Adventssonntag / Lesejahr A finden Sie hier.

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