BIBEL AM SONNTAG (2. FASTENSONNTAG/A)

Schwester Ancilla Röttger: Fremde Wege und eine Gewissheit

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Der Weg ins Ungewisse mag steinig sein, aber er lohnt sich, sagt Schwester Ancilla Röttger und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Seit dem Auszug aus dem Paradies ist der Mensch auf dem Weg und wird von Gott immer neu in die Bewegung gerufen. „Mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen“, sagt der Verfasser des Zweiten Timotheus-Briefes – nicht weil wir es verdient hätten, sondern weil Gott selber uns in seiner Sehnsucht nach uns nicht aufgibt und uns immer wieder in Bewegung bringt.

Welch eine tröstliche Botschaft: Gott selbst bricht das Haus immer wieder auf, in dem wir uns eingerichtet haben. Und sei es, dass es um unser Leben unter den Augen Gottes geht – sobald wir dort sesshaft eingerichtet sind, ruft der lebendige Gott uns selbst von dort wieder heraus.

Gott spricht zu Abram

Die Lesungen vom 2. Sonntag der Fastenzeit / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Schon Abrams Vater Terach zog mit ihm, mit Abrams Frau Sarai und mit Lot, dem Sohn seines schon in Ur verstorbenen Bruders Haran, aus Ur in Chaldäa fort, um in das Land Kanaan zu gehen. Doch so weit kamen sie nicht, sondern ließen sich schon unterwegs nieder. Dann hört plötzlich Abram die Stimme eines Gottes, den er noch nicht kennt. Er sieht ihn nicht und kann ihn nicht greifen wie die Götter aus Holz und Stein, die man im Gepäck mitnahm. Erschreckend, aufschreckend, in Bewegung bringend.

Gott sprach zu Abram: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). Zieh weg aus deinem Land, von dem du glaubst, dass es dich nährt – es nährt dich nicht. Zieh weg von deiner Verwandtschaft, von der du glaubst, dass sie dich birgt – sie birgt dich nicht. Zieh weg aus deinem Vaterhaus, von dem du glaubst, dass es dir Identität schenkt – sie schenkt dir keine. Lass alles hinter dir, worin du dich festgemacht hast, und mach dich auf zu den Rändern der Erde, wo ich dich selbst zum Segen machen werde für alle, die kein Land haben, die sich in keiner Verwandtschaft bergen können, die sich auf keine Identität berufen können. Zieh weg – dorthin, wohin ich dich führe, und du wirst ein Segen sein! Und Abram zog weg.

Plötzlich wird es uns klar

Worauf hören wir nicht alles und lassen uns davon in Bewegung bringen? So vieles dringt durch unsere Ohren in uns ein und lockt uns in die unterschiedlichen Richtungen, die oft alle Leben versprechen, ohne es schenken zu können. Können wir unter den vielen Stimmen noch Gottes Stimme wahrnehmen?

Manchmal ist es in uns urplötzlich ganz klar, was dran ist. Und wir haben die Kraft, es auch zu tun. Manchmal ist es wie ein Licht, das uns hell und wärmend im Innern aufstrahlt. Manchmal ist es ein tiefer Friede, der unter aller oberflächlichen Zerrissenheit erfahrbar wird und uns in eine innere Stille führt. Danach wird der Weg nicht unbedingt leichter. Er kann trotz allem dunkel bleiben – aber da ist eine Gewissheit in uns, die uns weitergehen lässt, die uns fraglos auf den Weg bringt.

Dem Ruf Gottes folgen

Und es kann geschehen, dass wir – wie Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Tabor – plötzlich Jesus in einem neuen Licht sehen. Jemanden in einem neuen Licht sehen heißt, ihn ganz anders wahrzunehmen, ihn in einem neuen Blickwinkel und einem bisher nicht gesehenen Kontext zu sehen und ihn dadurch besser zu verstehen. Die drei Jünger erkennen Jesus im Kontext der Schrift – Gesetz und Propheten. Und wieder spricht Gott: „Auf ihn sollt ihr hören!“ Das ist die einzige Gewissheit auf dem Weg, die wir haben: Gottes Wort führt ins Leben.

Dem Ruf Gottes zu folgen und sich seinen Verheißungen zu öffnen, führt uns manchmal in Dunkelheit und Angst, Fremdheit und Schrecken. Da vertraut jemand Gott und wird doch Schritt für Schritt durch Krankheitsdiagnosen geführt, die ihn das Fürchten lehren. Da öffnet sich jemand Gottes Verheißungen des Lebens und steckt im Alltag doch nur zu oft fest im Schlamm der Hoffnungslosigkeit.

Ein Schimmer des Lichts

Wo immer wir hingehen, wir tragen die Erde in uns, aus der wir stammen. Und es wird immer auch Erde von Gethsemani sein. Es ist Erde, auf die Leid getropft ist, Tränen um andere und um uns selbst – Leid für das Evangelium, wozu Paulus im Brief an Timotheus ermutigt. Aber es ist auch Leid, in das ein Schimmer des Lichtes Gottes gedrungen ist – Hoffnung vom Tabor, wenn Jesus im Evangelium dieses Sonntags mit den Jüngern nach der Verklärung den Berg wieder hinabsteigt.

Auch wenn der Weg zurückführt in den Alltag des Lebens, bleibt doch – gerade selbst in der so dunklen Weltsituation – ein Hoffnungsschimmer, der uns auf Ostern hin stärken will.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 2. Sonntag der Fastenzeit / Lesejahr A finden Sie hier.

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