BIBEL AM SONNTAG (2. SONNTAG/A)

Elmar Salmann: Gegenparts und Vorgänger

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Gegensätzliche Paare durchziehen die Geschichte. Warum es derer bedarf, erklärt Elmar Salmann OSB und legt die Lesungen aus.

Es fallen die Paarbildungen an den Anfängen und Übergängen der Religions-, Politik- und Geistesgeschichte auf, die sich alle im Raum zwischen schicksalhaft verfügtem und hoch mehrdeutigem Band, Konkurrenz bis zu Konflikt und Feindschaft, schwieriger Versöhnung und großer Fruchtbarkeit bewegen.

In der Bibel finden wir Kain und Abel, Abraham und Lot, Mose und Aaron, Esau und Jakob, Saul und David, Könige und Propheten, sodann Petrus und Paulus, Petrus und Johannes der Evangelist, endlich Jesus und Johannes der Täufer, vielleicht auch Jesus und Judas. In der Welt des Geistes Heraklit und Parmenides, Platon und Aristoteles; die Zeit der deutschen Klassik und Romantik ist voll an solchen Gegensatzpaaren.

Blick in die Geschichte

Die Lesungen vom 2. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

So auch in der griechischen und römischen Geschichte und neuerdings in jener der Parteien: Man denke an Willy Brandt und Herbert Wehner oder Helmut Schmidt, an die alliierten Konkurrenten um Gerhard Schröder, ähnlich bei den Grünen zuletzt noch Robert Habeck und Annalena Baerbock. Die CDU beruhigte sich nie ganz um die Achsen Kohl-Geißler, Kohl-Schäuble, Merkel-Merz herum. Viele Familiendramen nähren sich von solchen auf Dauer gestellten Fremdheiten, die sich unweigerlich durch die Jahrzehnte ziehen, unauflösbar. Es sind verlässliche Biotope, Allianzen, tragische Verkettungen, Komödien. Jedem Leser, jeder Leserin werden noch manche Beispiele einfallen.

An dieser Stelle handelt es sich um den biblisch-religiösen Bautyp des Mysteriendramas von Erwählung und Verwerfung, Schuld, Sühne und Gnade, die einander ergänzende, zugleich schmerzende und aufreizende Verschiedenheit, ja scheinbare Unvereinbarkeit der Sendungen zwischen Gott und Mensch. So muss man die vielen biblischen Figuren lesen, vielleicht auch die Spannungen zwischen alttestamentlichem und neuem Bundesvolk, gar den christlichen Konfessionen bis heute. Eine der ursprünglichsten Sollbruchstellen bildet die Nähe und Ferne zwischen Jesus und Johannes dem Täufer, die das alte und neue Kirchenjahr thematisch prägt. Sie sind dazu bestimmt, einander zu ihrer Bestimmung zu führen.

Ein tragischer Knoten

So wird der Täufer als Größter des Alten Bundes und als Kleinster im Himmelreich bezeichnet, ständig von Jesus abgesetzt, obgleich man ihn nie ganz beiseiteschieben darf, bis in die Apostelgeschichte und den Prolog des Johannes-Evangeliums hinein. In den ersten Kapiteln aller Evangelien wohnen wir einem solchen Ballett von hochgestimmter Gewissheit und Demut bei, bis sich der Knoten bei der Jordantaufe festzieht und zu lösen scheint.

Und doch bleibt eine Zone des Missverstehens, des Zweifels, der unterschiedlichen gegenseitigen Bewertung. Es sind zwei religiöse Genies, zwei Botschaften, zwei Weisen, aufeinander bezogen zu sein, unlösbar und doch nie ganz passend. Ein tragischer Knoten, der sich wohl nur aus der Sicht des Osterdramas und des Himmels lösen lässt.

Viele Wandlungen

Dazu bedarf es auch einer langen Geschichte, in der Biografie des Einzelnen mit ihren vielen Wandlungen – so wie in der Abfolge der Ämter und Amtsträger, der Darsteller im Drama: Man betrachte nur die unterschiedlichen Stile der urkirchlichen Gemeinden, bei Paulus, Petrus, der Apostelgeschichte, den Pastoralbriefen, mit einer je eigenen Stellenumschreibung des Bischofs und anderen Akzenten im Glauben.

Oder wie in der Historie eines Klosters oder der Kirche die Charaktere und Typen der Äbte und Päpste einander ablösen. Es ist, als ob instinktiv oft der ergänzende Gegentyp und -part zum Vorgänger gewählt würde, damit viele Menschen ihren Ort in der Kirche oder im Sozialwesen finden – und das Mysterium in seiner Fülle und Vielperspektivität gegenwärtig bleibe.

Keine Rollen oder Statisten

So widerfährt es dem Gottesknecht im babylonischen Exil, der einen anderen Ort für die ihn verfolgenden Juden und die nun auftauchenden Heiden finden muss, ein anderes Bild von seinem Gott. Ähnlich Paulus, der oft schon am Beginn seiner Briefe zu einer Glaubensformel finden muss, die Altes und Neues verbindet und dann in einen Gruß an die Heiligen in Christus mündet. 

Hier werden die Menschen, werden die Mitchristen nicht als Charaktere, Nervensysteme, als Rollen oder Statisten wahrgenommen, sondern als von der Gnade des Geistes Christi beseelt, als dem Reich Gottes zugehörig. Ob auch uns dergleichen beschieden sein mag?

Sämtliche Texte der Lesungen vom 2. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A finden Sie hier.

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