BIBEL AM SONNTAG (12. Sonntag/A)

Thaddäus Vos OSB: Haarige Wertschätzung

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Das Himmelreich ist nahe, auch wenn es vorher gefährlich werden kann, sagt Thaddäus Vos OSB und legt die Lesungen dieses Sonntags aus.

Es wird Sommer; wer in diesen Tagen an die frische Luft geht, hört die Vögel zwitschern. Das werden wohl die allermeisten von uns als etwas sehr Schönes empfinden: Da flattern sie durch die Gegend, leicht und schnell, und wir haben unsere Freude an ihnen. Ob wir sie manchmal etwas beneiden, wie sie da so leicht durchs Leben fliegen? Sie fliegen herum und keiner von ihnen fällt zur Erde ohne den Willen des Vaters. Spatz müsste man sein!

Oder? Zwei Spatzen verkauft man für „einen Pfennig“; das ist wirklich nicht viel, und wenn der Spatz erst einmal verkauft ist, dann wird er wohl nicht mehr so frei herumfliegen. Entweder findet er sich in Gefangenschaft wieder, oder es geschieht noch Schlimmeres mit ihm. Ein halber Cent.

Vom Wert des Menschen

Die Lesungen vom 12. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

„Ihr seid mehr wert als viele Spatzen, und jedes Haar auf eurem Kopf ist gezählt …“ Als ob es nicht Wichtigeres gäbe als die genaue Anzahl der Haare auf dem Kopf! Aber so wertvoll sind wir, so wichtig sind wir ihm, dass er nicht einmal dieses Detail vergisst – wie wenig dann alles andere, was uns wirklich angeht! Ihr seid viel mehr wert als sehr viele Spatzen.

Banal eigentlich, nicht wahr? Aber bedeutsam. Denn wenn wir das glauben, dann hat es Konsequenzen. Die Aussage Jesu steht ja in einem Zusammenhang. Sie ist ein Ausschnitt aus einer längeren Rede, mit der er seine Apostel aussendet. Sie sollen zu den Menschen gehen und seine Botschaft verkünden. Sie sollen ihnen Gutes tun und sie sollen ihnen auch sagen, warum sie das tun: „Das Himmelreich ist nahe!“ – die Botschaft Jesu.

Er muss ihnen aber in dieser Rede auch sagen, dass sie nicht überall Aufnahme finden werden. Es wird Orte geben, wo sie nicht willkommen sind, wo man nicht hören will; ja, es wird sogar gefährlich werden. Und in dem Zusammenhang sagt er ihnen das Bild mit den Spatzen, um zu verdeutlichen, wie sehr sie in Gottes schützender Hand aufgehoben sind: „Fürchtet euch also nicht!“

Vom Verleugnen des Herrn

Mit dieser Zusage freilich ist der Auftrag verbunden; das ist der letzte, der etwas dunkle Satz des heutigen Evangeliums: Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, der braucht keine Angst zu haben, „zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“

Was bedeutet das? Müssen wir nun doch wieder Angst haben, Angst vor ihm, der uns vor dem Vater verleugnen will, Furcht vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann? Ja, das könnte er. Aber er will es nicht. Ernstgenommen werden möchte er. Die Botschaft Jesu Christi ist kein geistlicher Rosinenkuchen, aus dem ich mir – wie ein Spatz – herauspicken könnte, was mir gefällt. Die Botschaft Jesu ist immer Zuspruch und Anspruch.

Die Seele können sie nicht töten

Aber was für ein Zuspruch – und was für ein Anspruch: Ihr seid mir so viel wert, dass ich sogar die Nebensächlichkeit jedes eurer Haare für wichtig halte; ihr seid so in meiner Hand geborgen, dass euch letztlich nicht ein einziges Haar gekrümmt werden kann – nur verleugnet mich nicht vor den Menschen; versteckt euch nicht feige und verbreitet nicht halbe Wahrheiten über mich!

Es kann gefährlich werden, wenn man sich nicht darauf beschränkt, nur „Jesus hurra!“ zu rufen; Ähnliches hat ja der Prophet Jeremia erlebt; in der Lesung ist davon die Rede. Es kann gefährlich werden, und es ist sehr bemerkenswert, wie Jeremia und nach ihm bis heute so unendlich viele dennoch beim Bekenntnis zu diesem ihrem Gott geblieben sind: Bekennt euch vor den Menschen zu mir auch in den Konsequenzen meiner Botschaft. Fürchtet euch dabei nicht vor denen, die vielleicht sogar so weit gehen, dass sie den Leib töten; die Seele – wirklich euch – aber können sie nicht töten. Diese Märtyrer, diese Zeugen bis ins persönliche Leid hinein, gibt es bis heute, im Großen wie im Kleinen, in fernen Ländern wie in unseren eigenen Familien.

Vom nahen Himmelreich

Jesu Botschaft ist aber dann und darin auch immer Verheißung: Das Himmelreich ist nahe; dieser Satz – vielleicht können Sie ihn schon bald nicht mehr hören, weil ich ihn immer wieder zitiere und aufgreife –, aber er ist nun einmal die zentrale Botschaft des Predigers Jesus: Es ist nahe, und es kommt! Wie immer man es sich dann vorstellen mag – wir wissen ja nicht, wie es sein wird. Gut wird es sein, und vielleicht gibt es dort auch fröhlich pfeifende Spatzen.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 12. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A finden Sie hier.

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