BIBEL AM SONNTAG (4. FASTENSONNTAG/A)

Pater Ralph Greis: Es bleibt immer etwas hängen

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Unser Handeln hat Auswirkungen, auch mal negative. Dann ist die Gegenwart Gottes tröstlich, sagt Pater Ralph Greis OSB und legt die Lesungen aus.

Da ich in einem Neubaugebiet aufgewachsen bin, sind mir die einladenden, eher ausladenden gelben Schilder noch gut vor Augen: „Betreten der Baustelle verboten! Eltern haften für ihre Kinder.“ Allzu oft aber haften umgekehrt Kinder für das Fehlverhalten ihrer Eltern, müssen manchmal die Folgen an Leib und Seele ihr Leben lang tragen. Wenn die Jünger Jesus fragen, ob der Blinde am Weg wegen einer Sünde seiner Eltern blind geboren wurde, dann denken sie nicht an Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch während der Schwangerschaft. Auch nicht an die unmittelbare Konsequenz eines wie auch immer gearteten Fehlverhaltens, sondern an eine von Gott dafür verhängte Strafe.

Elterliche Schuld

Die Lesungen vom 4. Sonntag der Fastenzeit / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Es wird ihnen im Ohr gewesen sein, dass Gott schon im ersten der Zehn Gebote spricht: „Ich suche die Schuld der Väter an den Kindern heim, an der dritten und vierten Generation, bei denen, die mich hassen; doch ich erweise Tausenden meine Huld bei denen, die mich lieben und meine Gebote bewahren“ (Ex 20,5f). Gegen das Sprichwort, „Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Söhnen werden die Zähne stumpf“, stehen aber schon die Propheten Jeremia und Ezechiel auf: Keine Sippenhaftung – jeder Mensch soll nur für seine eigenen Taten Verantwortung tragen (Jer 31,29; Ez 18).

Jesus geht auf die Frage seiner Jünger nur halb ein. Ihm geht es um etwas Anderes: Das Wirken Gottes soll an dem Blinden offenbar werden. Jesus heilt ihn von seiner Blindheit, doch der Fokus der langen Erzählung liegt auf dem Umgang der Pharisäer mit dem Geheilten und mit Jesus. Der Blinde erhält das Augenlicht und kommt zum Glauben an Jesus, das Licht der Welt. Die Pharisäer verweigern sich diesem Glauben und werden blind, obwohl sie doch das Wirken Gottes in der Welt sehen.

Gefährliche Karikatur

Wir dürfen uns allerdings nicht von der Karikatur blenden lassen, die der Evangelist Johannes von den Pharisäern zeichnet, weil sie – aus ihrer Sicht mit guten Gründen – den Glauben an Jesus als den Christus nicht angenommen haben. Wenn Johannes sie pauschal mit „den Juden“ gleichsetzt, hat er dazu beigetragen, dass Christen Jahrhunderte und Generationen hindurch alle Juden dafür haftbar gemacht und ihnen Unrecht und Gewalt angetan haben. Diese Schuld aber klebt an denen, die solches getan und nicht bereut haben.

Schauen wir von hier aus auf die zweite Lesung aus dem Epheserbrief. Dort geht es darum, dass und wie wir uns sehen lassen können. Die bildliche Dunkelheit lässt das Böse an uns haften, und wir haften für das je eigene Böse, das wir im Dunkeln tun. Christus als das Licht heilt nicht nur den schuldlos Blinden, sondern kann auch uns aus selbst verschuldeter Haft befreien – zu Kindern des Lichts, zu seinen Kindern.

Erbschuld des Volkes

Wollen wir uns über das Sehen schließlich der ersten Lesung nähern, dann muss sich Samuel von Gott zum richtigen Sehen helfen lassen: Der Herr sieht nicht auf die stattliche Gestalt des Eliab, des ersten Sohnes des Isai, sondern auf das Herz. Warum David als der Erwählte dann allerdings durch seine schönen Augen und seine schöne Gestalt charakterisiert wird, erschließt sich freilich nicht ganz.

Schauen wir einmal mit dem Leitwort der Haftung auf das erbliche Königtum in Israel: Das Salböl Samuels haftet nicht nur an David, sondern an all seinen Nachfolgern. Es ist gewissermaßen die Erbschuld des Volkes, überhaupt einen König haben zu wollen. Davor hatte Samuel schon vor dem ersten Versuch mit Saul gewarnt (1 Sam 8). David und seine Nachfolger sammeln jedoch genügend eigene Schuld an, als dass sie eine solche Erbsünde bräuchten.

Messianische Erwartung

Dennoch haftet Samuels Salböl noch nach Jahrhunderten an der Erwartung eines Messias, eines Gesalbten des Herrn. Es haftet an Jesus, dem Sohn Davids. Und für unser aller Sünden übernimmt er freiwillig die Haftung. Es haftet noch an uns, wenn wir in der Taufe mit Chrisam gesalbt werden, „damit wir für immer Glieder Christi bleiben“, des Gesalbten Gottes. Wir haften an ihm.

Das Leben ist eine Baustelle, die wir betreten müssen. Dabei werden wir zwangsläufig, mit oder ohne Absicht, auch Schaden anrichten. Es bleibt immer etwas hängen. Wir alle haften füreinander und im guten Sinne auch aneinander. Wenn der Herr selbst uns Kinder Gottes nennt und wir uns ihm anvertrauen, dann übernimmt er nicht nur die Haftung für uns, wenn wir für unser Tun geradestehen, sondern spricht uns frei.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 4. Sonntag der Fastenzeit / Lesejahr A finden Sie hier.

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