BIBEL AM SONNTAG (22. SONNTAG/C)

Jessica Tomkin: Gott nimmt den Druck raus

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Viele Menschen wollen immer die Ersten sein. Jesus nicht, sagt Pastoralreferentin Jessica Tomkin in ihrer Auslegung der Lesungen dieses Sonntags.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – oder: liegt zuerst. Urlaubszeit, Sommerzeit – wer kennt es nicht? Schon frühmorgens schleicht jemand mit einem Handtuch bewaffnet zum Hotelpool, legt es auf den Liegestuhl in der ersten Reihe, direkt mit Blick auf das Wasser, und verschwindet wieder. Der Platz ist gesichert. Nicht für den Moment, sondern für später. Hauptsache, der beste Platz.

Mich bringt dieser Gedanke zum Schmunzeln. Und doch steckt etwas in mir, das genau das will: vorne sein, gut dastehen, einen Vorteil haben. Manchmal schleicht sich der Gedanke ein: „Wenn ich nicht selbst dafür sorge, dass ich vorne dabei bin – wer tut es dann?“ Vielleicht kennen Sie das auch? Genau hier setzt Jesus an.

Jesus setzt anders an

Die Lesungen vom 22. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C zum Hören finden Sie hier.

Auch bei ihm geht es um die Plätze und das Drängeln nach dem ersten Rang. Bei seinem Besuch im Haus eines führenden Pharisäers beobachtet er, wie sich Leute die besten Plätze aussuchen und sich in Szene setzen.

Und er sagt: Geh lieber einen Schritt zurück. Setz dich auf den letzten Platz. Nicht, weil du nichts wert bist, sondern weil dein Wert nicht davon abhängt, ob du vorne oder hinten sitzt.

Dass Gott uns sieht, verändert alles

Jesus rückt die Perspektive zurecht: Du musst nicht im Mittelpunkt stehen, um gesehen zu werden. Du bist schon gesehen: Gott sieht dich, das verändert alles. Es nimmt den Druck raus.

Es gibt dir die Freiheit, dich nicht selbst in Szene setzen zu müssen. Du kannst leben, ohne ständig auf Applaus zu warten. Ohne dich vergleichen und größer machen zu müssen als du bist. 

Liebe statt Leistung

Die Lesung aus dem Hebräerbrief weitet dieses Zugehörigkeitsgefühl aus. Sie erinnert an die Zeit Israels in der Wüste, an die Geschichte vom Sinai, als das Volk Gott aus der Ferne begegnete. Eine Szene voller Angst, Donner und Dunkelheit wird geschildert, bevor der Brief deutlich macht, dass wir zu etwas anderem eingeladen sind. 

Wir sind eingeladen in die Nähe Gottes zu kommen. Nicht mit Angst, sondern mit dem Vertrauen, dass wir dazugehören. Nicht, weil wir uns diesen Platz verdient haben, sondern weil Gott uns in seine Gemeinschaft ruft. In eine Gemeinschaft, in der nicht Status zählt, sondern Beziehung. In der nicht Leistung zählt, sondern Liebe.

Ein Blick auf die anderen

Ein zweiter Schritt des Evangeliums führt vom Blick auf die eigene Person zum Blick auf die anderen. In dieser Situation sind wir selbst Gastgeber.

Jesus sagt dazu: Wenn du ein Fest gibst, dann lade nicht die ein, die dich sowieso wieder einladen. Nicht die, von denen du dir etwas erhoffst, sondern die, die nichts zurückgeben können, die am Rand stehen, die sonst keiner sieht.

Was es heißt, demütig zu sein

Jesus fordert uns damit heraus, unsere Gewohnheiten zu hinterfragen. Provokant gesagt, demütig zu sein. Diesen Begriff der Demut fächert das Buch Jesus Sirach in der ersten Lesung auf: „Je größer du bist, umso mehr demütige dich.“

Demütig, das meint hier die Tugend, nicht alles zum eigenen Nutzen ge- und verbrauchen zu müssen, sondern ehrlich, aufrecht, offen, wach für andere. Demütig ist ein Mensch, der stark genug ist, von sich abzusehen. 

Ein Wort, das Freiheit schenkt

Das althochdeutsche „diomuoti“ bezeichnet die Haltung, dienstwillig zu sein. Es geht nicht um falsche Bescheidenheit, sondern um eine Haltung, dass jeder Mensch vom Anfang des Lebens bis zuletzt auf den Dienst anderer angewiesen ist und darum auch im Umkehrschluss bereitwillig seinen eigenen Beitrag leistet. Eine Haltung, die Raum schafft – für Andere, für Unerwartetes, für das, was trägt.

Mir schenken diese Texte des Sonntags große Freiheit. Sie sagen mir: Du musst nicht leisten, um gesehen zu werden. Du musst dich nicht größer machen, als du bist. Gott sieht dich schon längst.

Gottes Weg in die Welt

Weil du gesehen wirst, kannst auch du anders sehen. Jesus selbst hat das vorgelebt. Er hat nicht von oben herab gepredigt, sondern mit den Menschen gelebt. Er hat nicht Position gesucht, sondern Nähe. Er hat sich nicht bedienen lassen, sondern selbst gedient.

Das ist kein romantisches Ideal. Das ist der Weg Gottes in diese Welt. Gott lädt mich ein, mein Leben mit seinem Leben zu verbinden. Hier, in meinem Alltag. Es kostet Vertrauen, dass Gott auf den hinteren Plätzen so präsent ist wie auf den vorderen. Es kostet Vertrauen, dass Gott nicht festgelegt ist auf Prestige und Erfolg. 

Vertrauen aber ist das andere Wort für Glauben. Ich darf darauf vertrauen, dass ich mir keinen Platz sichern muss, weil mir einer längst zugesagt ist. Das ist Frohe Botschaft.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 22. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr C finden Sie hier.

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