BIBEL AM SONNTAG (26. SONNTAG/A)

Christoph Kiefer: Weisheit hat niemand gepachtet

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Der zweite Sohn sagt Ja, ohne es zu meinen. Der erste Sohn sagt Nein und hinterfragt sich. Was ist die christliche Haltung?

„Ist doch klar, dass diese Politiker nichts hinkriegen“, „Typisch, von einem Bischof kann man nichts anderes erwarten“, „Ich hab’s gewusst, dass die Beziehung scheitert – bei so einer Schwiegertochter!“ Einschätzungen, was von einer Person oder Sache zu halten ist, gehen mir schnell von der Hand. Ich bilde mir ein Urteil – und das steht. Gegenläufige Argumente erreichen mich dann kaum noch.

Auch für die Hohepriester war klar, in welche Schublade Jesus gehört. Er hielt sich nicht ans Gesetz und maßte sich eine Sonderrolle an. In der Blase der damaligen religiösen Elite war Jesus unten durch. Was er tat und sagte, bestätigte ihr Feindbild. Ihr Narrativ ließ keine andere Deutung zu: Jesus muss bekämpft werden – bevor es zu spät ist.

Viele Feindbilder

Die Lesungen vom 26. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A zum Hören finden Sie hier.

Feindbilder gibt es derzeit in- und außerhalb der Kirche jede Menge. Wer das Renteneintrittsalter erhöhen will, ist unsozial. Wer findet, die Energiewende laufe überhastet, muss sich warm anziehen. Katholische Christen, die Verheiratete und Frauen zur Priesterweihe zulassen möchten, sind schismatisch.

Das Evangelium ist eine Einladung, innere Trutzburgen zu hinterfragen. Vorbild ist der Sohn, der die Weinbergsarbeit zunächst ablehnt, sich aber eines Besseren besinnt.

Dieser Sohn ist nicht nur ein Mann der Tat, sondern steht für Bereitschaft zur Umkehr. Matthäus vergleicht ihn mit Zöllnern und Dirnen – das sind in diesem Bild Menschen, die um ihre Grenzen wissen. Sie sind nicht blockiert durch die Überzeugung, alles richtig zu machen. Diese Menschen hören auf den Ruf des Täufers und sind bereit, sich zu ändern.

Die Weisheit gepachtet

Der zweite Sohn ist selbstgewiss. Sein „Ja“ kommt ihm zwar schnell über die Lippen, ist aber hohl. Seine vermeintliche Sicherheit, Bescheid zu wissen, macht ihn blind für das, was Gott von ihm erwartet.

Wer die Weisheit scheinbar gepachtet hat, ist immun gegen Kritik. Ein Beispiel liefern die Piusbrüder. Sie meinen, besonders kirchentreu zu sein. Aber im entscheidenden Moment stellen sie sich über das päpstliche Lehramt.

Nicht gefeit vor Selbstgerechtigkeit

Auch Reformer sind nicht gefeit vor Selbstgerechtigkeit. Papst Franziskus hatte die katholische Kirche in Deutschland 2019 aufgefordert, Erneuerung nicht auf Macht- und Strukturfragen zu begrenzen, sondern auch Wege der Glaubensverkündigung zu entwickeln. Der Synodale Weg – das Reformprojekt im Zuge des Missbrauchsskandals – legte das Schreiben leider zur Seite. Eine Chance, Defizite zu beheben, wurde vertan.

Das Gleichnis vom willigen und unwilligen Sohn ist in unserer aufgeheizten Gesellschaft eine Einladung zum Dialog. Unversöhnliche Lager gibt es genug.

Orte des Dialogs

Was fehlt, sind Orte, an denen konträre Überzeugungen ins Gespräch kommen. Wo jemand angehört wird, der Israels Kriegsführung im Gazastreifen verteidigt – und mit der internationalen Kritik an den schweren Menschrechtsverletzungen konfrontiert wird. Wo Refugees-Welcome-Gruppen ihr Unverständnis über eine strenge Migrationspolitik äußern – und sich mit Fehlern der „Wir-schaffen-das“-Haltung befassen. Wo afrikanische Christen, denen kirchlicher Segen für Homosexuelle eine Zumutung ist, ihre Werte darlegen. Und wo sie von den Verletzungen hören, die der Ausschluss von Segen und Sakrament bei Homosexuellen anrichtet.

Es wäre ein Segen, wenn Kirche die Dialogbereitschaft zwischen abgeschotteten Lagern fördern könnte. Wenn sie dazu beitrüge, dass Bereitschaft zur Empörung nicht schneller wächst als Wissen über Hintergründe.

Bist du bereit, dich zu hinterfragen?

Eine Brandmauer zu einer Partei schützt vor nichts, wenn nicht über die Motivation ihrer Wähler und deren Sorgen gesprochen wird. Genauso wenig erfolgreich war Papst Johannes Paul II., der die Debatte über Frauenordination mit einem „Basta“ beenden wollte. Klare Positionen zu beziehen und die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen, schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Sie geben einer Haltung Gewicht.

Das Matthäus-Evangelium fragt: Lässt du dich von Gott überraschen? Bist du bereit, dein Verhalten und deine Positionen zu korrigieren?

Auf diesem Weg können wir wachsen. Jesus lädt ein, einen Schritt zurückzutreten und vom Reden ins Hören zu kommen. Gott spricht durch andere Menschen, Ereignisse, im Gebet. Es liegt an uns, diese Stimme zu hören. Jesus weist auf die Gefahr hin, sich selbst absolut zu setzen. Und er stellt klar: Wer sich zur Umkehr bewegen lassen kann, der steht im Weinberg des Herrn.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 26. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A finden Sie hier.

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