BIBEL AM SONNTAG (KREUZERHÖHUNG/C)

Weihbischof em. Dieter Geerlings: Pessimismus ist Zeitverschwendung

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Früher war alles besser. Diesen Spruch kennt jeder. Doch birgt er damals wie heute Gefahren, weiß Weihbischof em. Geerlings und legt die Lesungen aus.

Von schwerem Ärger, von „Murren“ ist die Rede in der 1. Lesung der Liturgie vom Fest Kreuzerhöhung. Da ist die Geduld auf dem Nullpunkt, in der Wüste: „Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeführt?“ – „Wüste“ hat wohl einen tiefen Sinn: hier lernen sich Gott und Volk zunächst kennen, wo es still ist, wo man miteinander allein ist: Wüstenzeit – real oder im übertragenen Sinn. In dieser Wüstenzeit spielt unsere Lesung.

Das Volk will auf einmal von Gott (und Mose) nichts mehr wissen. Die Wüste mit all ihren Schwierigkeiten haben sie satt, das ganze Gerede von Freiheit. Hätten wir nicht besser in Ägypten bleiben können? Da hatten wir wenigstens genug zu essen. So wird die Vergangenheit verherrlicht. Dahin zurück! Früher war alles besser. Nein, mit diesem Gott nicht mehr! Mitten in der Wüste ein Aufstand.

Früher war alles besser?

Die Lesungen vom Fest Kreuzerhöhung im Jahreskreis / Lesejahr C zum Hören finden Sie hier.

Die Strafe Gottes kommt mit dem Gift von Schlangen. Sie stehen zeichenhaft für Ägypten. Eine Kobra ziert die Krone des Pharao: Komm ihm nicht zu nahe! Es scheint, dass diese sehr archaisch anmutende Schlangengeschichte mitten in der Wüste an Ägypten erinnern soll, wie es wirklich war: die Hölle auf Erden. Hier haben wir einen Weckruf gegen die Verherrlichung der Vergangenheit.

Viele Menschen hier und heute erleben die Gegenwart als Wüstenzeit, als Durststrecke und Dürre. Ihre Klage: Früher war alles besser – als seien wir heute im Nirgendwo. Wir erleben demonstrierende Gruppe mit Fahnen, Symbolen und Sprechchören, die von schrecklicher Vergangenheit leben. „Wer die Vergangenheit glorifiziert, wird von ihren Schatten gestochen.“ In unserer Lesung aus dem Buch Numeri setzt die Sehnsucht der Rückkehr nach Ägypten das Schlangengift frei.

Dann aber geschieht Erstaunliches. Das Volk, zumindest solche, die aus ihrer Kurzsichtigkeit und ihrer „Geisteskürze“ (Martin Buber) herausfinden, bereut seine Sünde und fordert Mose zum Gebet auf, dass Gott „von den Schlangen befreit“, von den Schlangen Ägyptens! Die Giftgeschichte wird eine Heilungsgeschichte. Gott selbst gibt das Gegengift zu den Schlangen. Wer als Gebissener die auf einer Stange „erhöhte“ metallene Schlange anblickt, der wird geheilt.

Heilender Gott

Gott befreit nicht einfach von den Schlangen, von dem Bösen. Er befreit nicht einfach vom Übel, er bereitet eine Lösung für die Befreiung vom Übel. Der Mensch muss mitarbeiten. Resignation ist Luxus, Pessimismus ist Zeitverschwendung. Hier geschieht in erfahrener Ohnmacht Mut zum zuversichtlichen menschlichen Handeln.

Ein ungewöhnliches Bild begegnet uns in dieser „Erhöhung“: Gott als Arzt. So hatte Gott sich dem Volk auch am Anfang der Wüstenwanderung vorgestellt (Ex 15, 26).

Gott heilt krankes, verletztes, bedrohtes Leben, wobei das Wort „heil“ eine große Bandbreite hat, damit Zukunft wie auch immer möglich wird (vgl. Joh 3, 16). Heilung können wir Menschen oft dadurch finden, dass wir anschauen, was uns bedroht und es nicht verdrängen.

Gottes Gegengift

Im Gespräch Jesu mit dem Pharisäer Nikodemus überträgt das Johannes-Evangelium diese Begebenheit aus dem Buch Numeri auf den gekreuzigten Jesus. „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden.“ Schon in der Erniedrigung Jesu am Kreuz geschieht die Erhöhung, seine Verherrlichung. Das ist eigentümlich im Johannes-Evangelium. Gott hat Jesus – wie Mose die Schlange für das Volk – am Kreuz erhöht. Das ist Zeichen für die ganze Menschheit. Um Leben, Heilung zu erlangen, soll man auf den Gekreuzigten blicken. Man blickt auf das, was der Gekreuzigte in seiner Erniedrigung trägt (Phil 2,7), was in seiner Erhöhung schon erlöst ist: Ungerechtigkeit, Hass und Unfriede der Menschen, all die Krankheiten und Gebrechen, die Vergänglichkeit, der Schrecken des Bösen in der Welt.

Das Böse – das spüren wir in dieser Zeit wieder besonders – hat eine eigene Macht. Aus den kollektiven Vergehen können Katastrophen erwachsen, die die Welt aus den Fugen bringen. „Es gibt auch ‚langsame‘ Katastrophen, die wie eine Seuche eine Gesellschaft nach und nach von innen heraus zerstören“ können (Carlo Maria Martini). Das sind oft Denkstrukturen, die die Hoffnung in den Herzen der Menschen auslöschen und die Liebe zerstören können. Der am Kreuz erhöhte Jesus ist Gottes Gegengift, wie der Schluss des Evangeliums zeigt: Hingabe und Liebe.

Sämtliche Texte der Lesungen vom Fest Kreuzerhöhung im Jahreskreis / Lesejahr C finden Sie hier.

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