BADEN-WÜRTTEMBERG

Grünen-Wahlsieger Cem Özdemir: Türkische Wurzeln – christlich geprägt

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Wie Kretschmann ist Cem Özdemir religiös geprägt. Er wird voraussichtlich der erste Landesvater mit türkischen Wurzeln.

Er bezeichnet sich selbst als “anatolischen Schwaben” und schwäbelt sehr gerne. Als Cem Özdemir noch Bundeslandwirtschaftsminister in Berlin war, hörte man seinen Dialekt nur selten. Vor der baden-württembergischen Landtagswahl wurde der Spitzenkandidat der Grünen nicht müde zu betonen, er wolle “Minischterpräsident” werden. Nun scheint er es tatsächlich geschafft zu haben: Cem Özdemir (60) wird voraussichtlich neuer Ministerpräsident von Baden-Württemberg und damit Nachfolger von Winfried Kretschmann.

Kretschmann amtierte seit Mai 2011 – also seit fast 15 Jahren – als erster und bis dahin einziger grüner Regierungschef eines Bundeslandes. Der 77-Jährige trat aus Altersgründen nicht erneut an. Mit Özdemir bliebe das Ministerpräsidentenamt in der Hand der Grünen.

Cem Özdemir: "Alles für dieses Land geben"

Seinen Wechsel von Berlin nach Stuttgart hatte Özdemir am 25. Oktober 2024 eingeleitet. In einem damals veröffentlichten Brief an die Bevölkerung schrieb er: "Meine Entscheidung steht: Ich möchte Ihnen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, als Ministerpräsident von Baden-Württemberg dienen und alles für dieses Land geben."

Dass er dies schaffen würde, schien lange Zeit eher unwahrscheinlich, lag er doch in Umfragen deutlich hinter dem CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel (37). Erst auf den letzten Metern holte Özdemir enorm auf. Die Grünen wurden nun bei der Landtagswahl am Sonntag stärkste politische Kraft knapp vor der CDU. Laut dem vorläufigen amtlichen Endergebnis erreichten die Grünen 30,2 Prozent der Stimmen und die CDU 29,7 Prozent. Özdemir sprach von einer "fulminanten Aufholjagd". Hagel gratulierte ihm und sagte in der ARD, der Auftrag zur Regierungsbildung liege nun "bei Herrn Özdemir".

Gastarbeiterkind Özdemir

Özdemirs Wahl stellt ein Novum in Deutschland dar: Er wird damit voraussichtlich der erste “Landesvater” mit türkischen Wurzeln. Am 21. Dezember 1965 im schwäbischen Urach (heute Bad Urach) als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren, wuchs er in einem muslimischen Elternhaus auf. Er bezeichnet sich inzwischen aber als säkularen, nicht praktizierenden Muslim und war 2018 Mitbegründer einer Initiative für liberale Muslime.

Berührungsängste mit den Kirchen hat Özdemir nicht. Bereits in der Grundschule schickte ihn seine Mutter mit der Begründung, der Unterricht werde ihm nicht schaden, in den evangelischen Religionsunterricht. Wie Özdemir in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erzählte, habe ihn der Unterricht tatsächlich fasziniert. Auch in einer christlichen Jugendgruppe war er lange aktiv.

Cem Özdemir zu Gast in der Vesperkirche

Seinen Kindern versucht Özdemir, Islam und Christentum nahezubringen. Der gelernte Erzieher studierte Sozialpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen in Reutlingen. Bei seinem diesjährigen Besuch der Vesperkirche für Bedürftige in Stuttgart sagte Özdemir der KNA: “Für mich ist das gelebtes Christentum, was hier den Menschen angeboten wird.” Und fügte hinzu: “Meine Eltern haben mir beigebracht: Wenn's deinem Nachbarn nicht gutgeht, dann kann es dir auch nicht gutgehen.”

Wie der Katholik Kretschmann ist also auch Özdemir religiös geprägt. Aus Sicht Kretschmanns hat er auch charakterlich das Zeug zum Regierungschef: “Er hat bewiesen, dass er Rückgrat hat und auch vor schwierigen Herausforderungen nicht zurückschreckt”, sagte Kretschmann schon 2024. Am Wahlabend sprach er von einem “talentierten Nachfolger”.

Özdemirs Weg an die Parteispitze

Bei den Grünen machte Özdemir schnell Karriere: Bereits mit 16 Jahren trat er der Partei bei. 1994 schaffte er – der innerhalb der Partei dem Realo-Flügel zugeordnet wird – erstmals den Sprung in den Bundestag, um diesen dann 2002 abrupt zu verlassen, unter anderem weil bekannt wurde, dass er dienstlich erworbene Bonusmeilen privat verflogen haben soll.

Sein Weg führte dann in das EU-Parlament, schließlich gelang ihm 2008 der Sprung an die Parteispitze. Abgelöst wurden er und seine damalige Kollegin Simone Peter 2018 schließlich vom Duo Robert Habeck und Annalena Baerbock.

Cem Özdemir: Kritisch gegenüber Islamverbänden

2021 wurde der Vegetarier Özdemir schließlich Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Und zeigte dabei, wie man medienwirksam Themen setzt. Etwa, als er im April 2024 das Café “Raupe Immersatt” in Stuttgart besuchte. Das einst bundesweit erste Foodsharing-Café engagiert sich seit 2019 gegen die Verschwendung von Lebensmitteln.

Besonders nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel äußerte sich Özdemir kritisch gegenüber traditionellen Islamverbänden. Als er bereits vor Jahren für härtere Regeln in der Asyl- und Migrationspraxis eintrat, werteten das viele schon als eine Bewerbung für die Spitzenposition in Baden-Württemberg, wo die Grünen traditionell konservativ sind.

Gemeinsame Auftritte mit Palmer

Özdemir überraschte auch damit, dass er sich kurz vor der Landtagswahl von dem Ex-Grünen und Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer trauen ließ; Özdemir heiratete seine Lebensgefährtin, die kanadische Juristin Flavia Zaka. Auch im Wahlkampf absolvierte Özdemir gemeinsame Auftritte mit dem Tübinger OB – und schloss eine Einbindung Palmers in eine künftige Landesregierung nicht aus.

Update, 10.20 Uhr: Vorläufiges amtliches Endergebnis im vierten Absatz ergänzt. (jdw)

Das sagen die Kirchen zur Wahl in Baden-Württemberg
Die evangelische Landesbischöfin in Baden, Heike Springhart, hat sich erleichtert gezeigt, dass Baden-Württemberg "auch in den kommenden Jahren von einer Regierung der demokratischen Mitte regiert wird". Im Blick auf das AfD-Ergebnis sagte die Landesbischöfin am Sonntagabend auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): “Dass Menschen auch auf Demokratie zersetzende Kräfte setzen, ist bitter.” Positiv hoben die Kirchen die hohe Wahlbeteiligung hervor. "Die deutlich gestiegene Wahlbeteiligung auf über 70 Prozent zeigt, dass die Menschen die Zukunft unseres Landes aktiv mitgestalten wollen. Das ist ein ermutigendes Signal für die Lebendigkeit unserer demokratischen Kultur", betonte der Freiburger Erzbischof Stephan Burger. (KNA)

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