Ausnüchtern und Quatschen in der Backstube

Bäcker aus Herzfeld empfängt Nachtschwärmer nach Partys

Diese Schinkenschleifen sind Gold wert. Gerade jetzt, als es die Jugendlichen mit großem Hunger in die Backstube von Bernd Voschepoth treibt. Eine lange Feier liegt hinter ihnen. Der Appetit ist groß, das Gebäck, mit Schinken und Käse überbacken, kommt frisch auf dem Ofen. In diesem Moment passt alles. Die Stimmung ist ausgelassen.

Es ist vier Uhr am Sonntagmorgen und in der Bäckerei in Herzfeld kreuzen sich zwei Wege: Hier die jungen Partygäste, die auf dem Heimweg ihren traditionellen Stopp vor dem Backofen einlegen. Dort der Konditormeister, der mit seinem Gesellen schon seit einer Stunde Teig knetet. Bis zur Öffnung der Bäckerei werden sie über 1000 Brötchen gebacken haben.

Herz für die Jugendarbeit

Auf den Besuch kann er sich verlassen, sagt er. „Fast jeden Sonntag kommen sie, wenn die Partys zu Ende gehen.“ Mal 10, mal 20 hungrige Kandidaten werden dann versorgt. „Beim Schützenfest sitzen hier auch mal 40 Jugendliche.“ Voschepoth freut sich über jeden einzelnen. Nicht allein, weil sie Abwechslung in seine Backstube bringen. „Vor allem, weil ich so zu ihnen Kontakt halten kann“, sagt der 41-Jährige.

Denn Voschepoth setzt sich in der Pfarrgemeinde St. Ida vor allem in der Jugendarbeit ein. Seit einigen Jahren ist er Pfarrgemeinderatsvorsitzender. Schon viel länger aber engagiert er sich in Angeboten für die unterschiedliche Zielgruppen. Messdiener, Firmlinge, offene Jugendarbeit – mit einigen Mitstreitern ist das eine Herzensangelegenheit für ihn. Und das Herz dieses Einsatzes schlägt nicht selten in seiner Backstube.

Frische Brötchen zum Beschwichtigen der Eltern

Die Themen, die dort am frühen Morgen auf den Tisch kommen, haben selten Tiefe, sagt Voschepoth: „Die Mädels und Jungs sind aufgekratzt und haben Hunger – oder sie schlafen fast ein.“ Manche warten bei ihm auf die Abholung durch ihre Eltern. Hin und wieder bringt er selbst jemanden nach Hause. „Wenn ich merke, dass er es allein nicht mehr so gut hinbekommt.“ Nicht selten nehmen die Jugendlichen eine Tüte mit frischen Brötchen mit. „Damit können sie wunderbar die Eltern beschwichtigen, wenn diese sie eigentlich früher zuhause erwartet haben.“

Ein halbe Stunde, dann ist der Spuk meistens vorbei. Und doch gibt es dabei hier und da Themen, bei denen nicht gealbert wird. „Da waren zwei gute Freunde, die sich verkracht haben“, erinnert sich Voschepoth. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie doch beide super Typen sind und deswegen keinen Grund dazu hätten.“ Vielleicht trugen seine Worte dazu bei, dass sie sich später versöhnten. „Am häufigsten sind aber Beziehungsprobleme“, sagt Voschepoth. „Kein Wunder – in dem Alter.“

Eine offene Tür für alle

Was da in der Backstube passiert, sei aber keine Seelsorge, sagt der Konditor. Oder doch? „Es werden keine Glaubensgespräche geführt oder gebetet.“ Wohl aber gezeigt, dass es hier ein offenes Ohr gibt, dass er gastfreundlich ist und dass er sich Gedanken um die jungen Gäste macht. „Bringt euch gegenseitig heim, passt im Straßenverkehr auf, schlaft euch erst mal richtig aus“, gibt er ihnen mit auf den Weg. „Wertschätzung“, nennt er das. Er schließt die Türen seiner Backstube in diesen Stunden eben nicht ab. Er öffnet sie – für alle.

Das hat eine besondere Ausstrahlung auf die Jugendlichen. Da ist einer, der locker drauf ist. Der weiß, wie groß der Hunger am Ende der Party-Nacht sein kann. Der quatscht, blödelt, aber auch zuhören kann. „Ein normaler Typ“, sagt er über sich selbst. „Aber alle wissen auch, dass ich Christ bin.“ Die Kombination helfe gegen Vorurteile, die es mittlerweile durchaus gebe. „Wir Katholiken sind aber keine Exoten oder irgendwie speziell.“

Treffen mitten im Leben

Will er damit missionieren? „Nein!“ Voschepoth muss lachen. „Wenn einer von ihnen nicht in die Kirche gehen will, dann hilft auch ein Backstuben-Gespräch nicht.“ Trotzdem sieht er in dem morgendlichen Kontakt einen von vielen wichtigen Wegen zu den Jugendlichen. „Weil ich sie genau dort treffe, wo ihr Leben gerade verläuft.“ Zumindest am Wochenende sind das vor allem gesellige Treffen. „Bei der Landjugend genauso wie bei den Messdienern, Firmlingen oder Jugendlichen, die sonst in keiner kirchlichen Gruppe auftauchen.“

„Wahrnehmen, was sie gerade beschäftigt.“ Voschepoth nimmt das ernst. Mit seinem Team für die Firmvorbereitung hat er die Jugendlichen zu Beginn gefragt, mit welchen Dingen sie sich auseinander setzen wollen. Die häufigste Antwort war „Bier.“ Ein Thema, das für die Jüngeren sicherlich noch zu früh kommt und bei dem man bei den Älteren auf die Bremse treten muss.

Glaube geht durch den Magen

„Wer fragt, muss aber auch mit der Antwort ernsthaft umgehen.“ Also wird jetzt das Bier zu einem Thema in der Firmvorbereitung in Herzfeld. „Da geht es natürlich nicht ums Trinken“, sagt Voschepoth. „Wir gehen das anders an.“ Ein Besuch in einer Brauerei ist geplant. Bei einem Stationsspiel soll ein Bierfass zu Punkten gerollt werden, an denen sich die Firmlinge mit Glaubensfragen auseinander setzen werden.

Irgendwie scheint der Glaube bei Voschepoth häufig durch den Magen zu gehen. Zu seiner Meisterprüfung etwa baute er eine „Süße Hommage an die heilige Ida von Herzfeld“. Kirche, Heiligenstatue, Kirchenfenster und kleine Messdiener entstanden aus Schokolade, Zucker und Marzipan.

Genn mag sein Marzipan

Auch Bischof Felix Genn hat seine Konditor-Künste bei seinem Antrittsbesuch in Herzfeld kennen und lieben gelernt. Es gab einige weitere Begegnungen, wenn der Bischof ins Ostwestfälische kam. „Er saß auch schon mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann bei uns im Café.“ Der Kontakt ist mittlerweile so gut, dass jedes Jahr zu Weihnachten eine große Marzipan-Figur den Weg in die Sakristei des St.-Paulus-Doms findet. „Mal ein Engel, mal ein Stern oder eine Kerze.“ Das Dankeschön des Bischofs steht auf einer Karte an der Pinnwand der Backstube.

Viele weitere Karten dort zeigen, dass sich nicht nur seine Fähigkeiten als Konditor herumgesprochen haben. Auch seine gesellige und einladende Ader ist über die Grenzen Herzfelds hinaus bekannt. So war schon eine Firmgruppe aus Greven zu Gast, die zwischen Meditationen und Diskussionen bei ihm Pralinen fertigte. „Vor Kurzem war Sonntagmorgen nach dem Schützenfest eine Gruppe hier, die ich gar nicht kannte“, erinnert sich Voschepoth. Im Gespräch erfuhr er, dass sie Messdiener aus Stromberg waren. „Wir haben uns gegenseitig unsere Ideen und Projekte vorgestellt.“

Es sind diese Momente, die ihm bei allem Stress seines Jobs viel Energie geben. Der Tagesrhythmus im Backgewerbe ist hart, seine Arbeitszeit beträgt oft 80 Stunden in der Woche. Die ehrenamtlichen Stunden für die Pfarrgemeinde dagegen sind für ihn Stressabbau. Vor allem die halbe Stunde in der Backstube am frühen Sonntagmorgen.