Björn Hirsch über Parfum und sinnliche Gotteserfahrung

Beduften statt verduften: "Aerothek" bringt neue Gerüche in Kirchen

Glaube braucht Sinnlichkeit, soviel steht fest. Längst wird in Gottesdiensten auch mit neuen Licht- und Musikklängen experimentiert. Das "Zentrum für angewandte Pastoralforschung" (ZAP) in Bochum bietet in ihrer "Aerothek" jetzt auch Düfte fürs Kirchenjahr an. Wie Pfingsten riecht und wie Gemeinden das Angebot nutzen, erklärt ZAP-Mitarbeiter und Pastoralreferent Björn Hirsch im Interview.

Herr Hirsch, der typische Kirchengeruch ist der nach Weihrauch. Warum wollen Sie das ändern?

Wir wollen das gar nicht ändern, Weihrauch hat natürlich weiterhin seine Berechtigung. Wir möchten die Möglichkeit erweitern, in der Kirche mit Düften zu arbeiten. Dafür haben wir am ZAP ein eigenes Tool entwickelt, die „zap:Aerothek“.

Was muss man sich konkret darunter vorstellen? Und wie kam es dazu?

Unser Gesprächspartner
Björn HirschBjörn Hirsch von der zap:aerothek ist promovierter Theologe und Pastoralreferent im Bistum Fulda. | Foto: privat

Wir wissen aus der Riechforschung, dass Düfte erlernt werden. Unser kulturelles Umfeld hat uns beigebracht, was wir als Wohlgeruch empfinden – und was nicht. Je weniger Menschen Kontakt mit der Kirche haben, desto weniger mögen sie beispielsweise Weihrauch. Gemeinden versuchen schon, dieser kirchlichen Entfremdung etwa bei der Musik oder der Sprache im Gottesdienst zu begegnen. Nur bei Düften passiert da merkwürdigerweise wenig.

Was machen Düfte mit uns Menschen? Was haben sie mit dem Glauben zu tun?

Düfte sprechen unser Emotionszentrum an – und vor allem unser Gedächtnis. Ein Beispiel: Ich rieche Lavendel und bin sofort in den Urlaub mit den Eltern in der Provence vor 30 Jahren zurückversetzt – oder ich denke negativ an eine ungeliebte Tante, die immer ein penetrantes Lavendelparfum nutzte. Das schafft kein anderer Sinneseindruck.

Stimmt, ich verbinde mit „4711“ bis heute die Küsterin meiner Kindheit, die mit ein paar Tröpfchen davon die Messdiener wiederbelebt hat, wenn sie wegen des Weihrauchs umgekippt waren …

(lacht) Sehen Sie!

Aber noch einmal: Was haben Düfte über diese Sakristei-Erinnerung hinaus mit dem Glauben zu tun?

Der Glaube ist für viele eher eine emotionale als eine kognitive Angelegenheit. Natürlich ist es wichtig, bestimmte Inhalte zu verstehen und manches Grundgebet zu kennen. Aber gleichzeitig ist es so, wie der Theologe Karl Rahner (1904-1984) schon vor langer Zeit gesagt hat: Wenn Menschen nicht mehr erfahren, dass es Gott gibt, wenn er nicht mehr spürbar wird für sie, dann werden sie über kurz oder lang nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Eine gewisse Inszenierung hilft bei dieser Erfahrung – etwa durch Musik, durch Licht, durch Düfte.

Am 15. August feiern wir Mariä Himmelfahrt, was traditionell mit der Weihe von Kräutern verbunden ist. Gibt es einen eigenen Duft zum Fest in der Aerothek?

Leider noch nicht, aber das wäre in der Tat eine gute Idee!

Welche Düfte für das Kirchenjahr bietet die Aerothek?

Bislang haben wir vier Düfte entwickelt: für die Hochfeste Weihnachten, Ostern, Pfingsten und für die nicht geprägte Zeit. Darüber hinaus gibt es auch die Anregung, Düfte etwa für Hochzeiten oder Paar-Segnungen etwa am Valentinstag zu kreieren.

Wie riecht denn Pfingsten?

Pfingsten riecht ganz frisch nach Zitrus, wie eine frische Brise, die den ganzen Körper anregt. Es geht an Pfingsten ja darum, dass der Heilige Geist die Menschen durchströmt, damit sie Mut finden nach der Kreuzigung Jesu und sich aufmachen, um seine Botschaft zu verkündigen. Das soll der Duft unterstützen. Es geht also nicht einfach darum, dass es etwa an Weihnachten auch in der Kirche so duftet, wie Weihnachten eben duftet – also nach Zimt und Orangen –, sondern wir möchten versuchen, den Kern, das Fest-Geheimnis zu verstärken. Es kann natürlich auch spezielle Angebote mit diesen Düften geben – wie einen Jugendgottesdienst zu „God is in the air“ oder einen „duften Mittagsimpuls“ etwa in einer Citykirche. Und darüber hinaus kann eine Dauerbeströmung vielleicht für einen guten, ganz eigenen Eindruck bei auch zufälligen Besuchern einer Kirche schaffen.

Und wie riecht ein ganz einfacher „Sonntag im Jahreskreis“?

Der riecht wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammen. Aber keine Sorge, wir haben da nicht einfach alle Duftmittel zusammengekippt! Die einzelnen Duftstoffe wurden vielmehr neu kombiniert. Die Idee dahinter: Wir haben ja letztlich an jedem Tag Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Wir erleben an jedem Tag Geborgenheit wie Jesus in der Krippe, aber auch die herausfordernden, schweren Zeiten, an denen es um Leben und Tod geht, und wir kennen Aufbruchs- und Hoffnungszeiten. Das macht unseren Glauben ja aus – an Festtagen und im Alltag.

Wie entwickeln Sie die Düfte – was die Ingredienzien angeht und die eigentliche Produktion?

Wir haben mit dem Star-Parfumeur Marc vom Ende und dem Riechforscher Professor Hanns Hatt zusammengearbeitet. Mit der Technik des Mood-Boardings wurde dann überlegt: Welche Bilder kommen mir in den Kopf, wenn ich an Weihnachten denken? Aus dieser Bilderwelt wie Geborgenheit, Familie, Heimat, Tradition, aber auch aus dem Weiterdenken von der Geburt Jesu zu seinem Tod am Kreuz hat Marc vom Ende Stück für Stück die Düfte entwickelt.

Wie kommt der Duft dann aus dem Duft-Atelier in die Kirche? Welche Möglichkeit haben Gemeinden, die Aerothek zu nutzen?

Auf unserer Homepage (www.zap-aerothek.de) kann man das Duftpaket bestellen – das ist die eigentliche Aerothek. Dazu braucht man allerdings einen Diffusor, der den Duft im Raum verströmt. Der kostet um die 1.000 Euro. Das ist zugegebenermaßen nicht wenig, aber vielleicht können ja mehrere Gemeinden gemeinsam einen anschaffen. Oder das Bistum kauft den einen oder anderen und verleiht die Geräte. Der Diffusor wird dann im Raum platziert, man füllt die Flüssigkeit ein, stellt die Intensität je nach Raumgröße ein – und dann kann es losgehen. Es gibt auch ein Begleitbuch mit Duftmeditationen und Liedern, auch mit einem Modell für einen Salbungsgottesdienst mit Duftölen. Denn letztlich geht es uns nicht nur um die Aerothek, sondern darum, Düfte im Gottesdienst einzusetzen. ­