Katholische Besonderheiten beim Missbrauch

Begünstigen Zölibat und Klerikalismus sexuelle Gewalt?

Als vor acht Jahren die Debatte über Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland in Gang kam, sprach Jesuitenpater Klaus Mertes es als erster aus: Es gebe spezielle Bedingungen in der katholischen Kirche, die Übergriffe auf Kinder und Jugendliche begünstigten.

Inzwischen mehren sich die Stimmen, die dies so sehen und nach Veränderungen rufen. Papst Franziskus erklärte, „zum Missbrauch Nein zu sagen, heißt zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen“ – eine klare Absage an eine Haltung, die von einer unantastbaren Position von Geistlichen ausgeht.

Keine Risikofaktoren – trotzdem problematisch

Die Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche, die am Dienstag in Fulda vorgestellt werden soll, kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Neben Klerikalismus haben die Forscher die Ehelosigkeit der Priester sowie die Einstellung der Kirche zur Homosexualität in den Blick genommen.

Ihr Fazit: Zum einen stellen weder Homosexualität noch der Zölibat an sich Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen dar. Die Einstellung der Kirche zur Homosexualität sowie die Ehelosigkeit bergen demnach trotzdem Probleme.

Sexuelle Unreife und verleugnete Homosexualität

So könne die Verpflichtung zu einem zölibatären Leben Priesteramtskandidaten mit „einer unreifen und abgewehrten homosexuellen Neigung als Lösung innerpsychischer Probleme scheinen“, heißt es in der Studie. Diese bringe zusätzlich sogar die Aussicht auf ein enges Zusammenleben ausschließlich mit Männern zumindest während der Priesterausbildung. Besondere Strukturen und Regeln der katholischen Kirche könnten ein „hohes Anziehungspotential für Personen mit einer unreifen homosexuellen Neigung haben“.

Weil die Kirche homosexuelle Beziehungen oder Praktiken offiziell ablehne, bestehe die Gefahr, dass entsprechende Neigungen versteckt gelebt werden müssten. Und wörtlich: „Bei entsprechender Disposition eines Priesteramtskandidaten oder Priesters könnte ein komplexes Zusammenspiel von sexueller Unreife, abgewehrten oder verleugneten homosexuellen Neigungen in einer ambivalenten, teilweise auch offen homophoben Umgebung im Falle ungünstiger Risikokonstellationen die Schranke zu sexuellen Handlungen mit männlichen Kindern und Jugendlichen herabsetzen“. Dies böte, so die Wissenschaftler, eine weitere Erklärung für das Überwiegen männlicher Betroffener beim sexuellen Missbrauch durch Geistliche.

Klerikalismus: Bestreben, religiöse Dogmen politisch geltend zu machen

Auch zum Klerikalismus nehmen die Wissenschaftler Stellung: Sie definieren ihn „als das Bestreben, einer Religion über die religiös-geistige Einflusssphäre hinaus weltliche Macht zu verleihen und religiösen Dogmen politische Geltung und politisches Gewicht zu verschaffen“.

Sie kommen zu dem Schluss, dass „Priester mit klerikalem Amtsverständnis dazu tendieren, Laien in der Interaktion zu dominieren und asymmetrische Abhängigkeitsstrukturen zwischen sich und Laien zu schaffen“. Die Ausdehnung dieser „unglücklichen Identitätsstrategie“ und die missbräuchliche Ausübung der qua Amt und Weihe verliehenen Macht könne im Extremfall auch sexuellen Missbrauch begünstigen oder in sexuellen Missbrauchstaten münden.