Schwieriges Verhältnis zu den Deutschen während des Pontifikats

Benedikt XVI. – der nicht nur deutsche Papst

Er würdigt Benedikt XVI. nicht nur, er bittet ihn um Verzeihung. Öffentlich, vor Journalisten, für sämtliche Fehler aus den Reihen der deutschen Kirche. Ein unerwarteter Akt des damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, bei deren Vollversammlung Mitte Februar 2013. Ein Akt aber, der zum vollständigen Bild des Verhältnisses der Deutschen zum „deutschen“ Papst gehört.

„Ich möchte den Heiligen Vater um Verzeihung bitten für alle Fehler, die vielleicht aus dem Raum der Kirche in Deutschland ihm gegenüber begangen wurden“, sagt Zollitsch. Zugleich dankt er ihm „im Namen vieler Millionen Menschen in Deutschland“, die sich „geistlich genährt“ und im Glauben unterstützt gefühlt hätten.

Neugier und Stolz zu Beginn

Zwischen diesen Positionen bewegt sich das Verhältnis der Deutschen – und der deutschen Katholiken – zu ihrem Landsmann. Das zeigt sich bereits am Tag nach der Papstwahl 2005. Während eine Boulevard-Zeitung findet: „Wir sind Papst“, formuliert die linke „Tageszeitung“ die Schlagzeile „Oh mein Gott“. Auch sie trifft die Gedanken mancher Deutscher. Und mancher deutscher Katholiken.

Anfangs überwiegen Neugier und Stolz. Beim Weltjugendtag 2005 – im Heimatland Benedikts XVI. – reibt sich mancher die Augen: In Köln wirkt der Papst gelöst, er begeistert Jugendliche, nimmt sich zurück, erinnert an Johannes Paul II., den „Erfinder“ der Weltjugendtage.

Große Theologie in einfachen Worten

Sollte das jener Joseph Ratzinger sein, der 24 Jahre an der Spitze der Glaubenskongregation über die Reinheit der katholischen Lehre wachte? Und dabei manchen Reformer vor den Kopf stieß, auch manchen Bischof?

Ratzinger hatte wesentlichen Anteil daran, dass die deutsche Kirche aus dem staatlichen System der Schwangerenberatung nach Paragraf 218 ausstieg: Wer sich heute in katholischen Stellen beraten lässt, erhält keinen Schein mehr, um straffrei eine Abtreibung vornehmen zu können.

Auf Begeisterung trifft vieles von dem, was Benedikt XVI. sagt und schreibt. Der Spitzen-Theologe formuliert so einfach, dass ihm jeder folgen kann. Und für Deutsche klingen viele Aussagen eindringlich, weil der Papst in seiner Muttersprache formuliert.

Bayern-Besuch als Höhepunkt

Zu einem Höhepunkt im Verhältnis zu seinen Landsleuten – nicht nur zu den Katholiken – gerät der Besuch in Benedikts eigentlicher Heimat Bayern. Die Region und Mentalität um seinen Geburtsort Marktl und um Regensburg, wo er bis 1977 seine letzte Professur innehatte, bleibt ihm lieb und teuer, wie er mehrfach sagt. Beim Abflug aus Bayern 2006 formuliert er „tief empfundenen Dank“ für die „Begeisterung und die starke Religiosität der großen Massen von Gläubigen“.

Getrübt wird das Verhältnis der Heimat zum Papst 2007 und 2009. Viele Katholiken befremdet, dass Benedikt XVI. im Juli 2007 die tridentinische Messe in größerem Umfang als zuvor zulässt. Diese Entscheidung lässt ahnen, dass unter Benedikt XVI. eher die Bewahrung der Tradition zu erwarten ist als Veränderungen, die gerade deutsche Katholiken immer wieder fordern: Prominente katholische Politiker regen im Januar 2011 die Zulassung Verheirateter zum Priesteramt an, wenige Wochen später legen mehr als 150 Theologieprofessoren ein Reform-Memorandum vor, katholische Frauen verlangen wiederholt ihre Zulassung zum Diakonenamt.

Piusbrüder-Affäre und Missbrauchs-Skandal

Viele Deutsche, auch katholische, sind empört, als Benedikt XVI. Ende Januar 2009 die Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Piusbruderschaft aufhebt. Denn zu den vieren zählt Richard Williamson, von dem kurz vor der Entscheidung – offenbar ohne Wissen Benedikts XVI. – ein Interview auftaucht. Darin zweifelt Williamson, ob der nationalsozialistische vorsätzliche Massenmord an den Juden tatsächlich sechs Millionen Menschen das Leben kostete. So groß ist das Entsetzen in Deutschland über die Begnadigung eines Völkermord-Leugners, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel öffentlich eine Klarstellung verlangt, wie der Vatikan zum Holocaust steht.

Nach Williamson wenden sich Teile der deutschen Öffentlichkeit vom Papst ab. Das Bekanntwerden von sexuellem Missbrauch in der Kirche, auch der deutschen, erschüttert 2010 das öffentliche Vertrauen weiter. Vor seinem Deutschland-Besuch 2011 entbrennt ein Streit, ob ein Papst im Bundestag reden darf. Befürworter verweisen darauf, dass er ein Staatsoberhaupt ist, sie setzen sich durch.

Gespaltenes Verhältnis

Bei den Katholiken bleibt das Verhältnis zum „deutschen“ Papst gespalten. Benedikt XVI. erreicht die Herzen Vieler, zum Beispiel in Deutschland 2011: Im protestantisch-atheistisch geprägten Thüringen pilgern Zehntausende zu einer Marienvesper im Wallfahrtsort Etzelsbach.

In Berlin übertrifft der Andrang die Erwartungen derart, dass die Eucharistie im Olympiastadion mit 70.000 Gläubigen stattfindet – statt wie anfangs überlegt vor dem Schloss Charlottenburg, wo weniger Platz ist. Doch auch beim Gottesdienst in der deutschen Hauptstadt irritiert der Papst – er feiert ihn in der Weltkirchen-Sprache Latein.

Enttäuscht zeigen sich zeitweilig auch organisierte Laien. Zwar weiß Benedikt XVI. um die Stärke der deutschen Verbände, zudem startet die Bischofskonferenz nach der Vertrauenskrise infolge der Missbrauchsfälle einen Dialog mit den Laien zur Zukunft der Kirche in Deutschland. Dazu aber kein Wort, als der Papst Laienvertretern begegnet. Stattdessen lässt seine Freiburger Rede Skepsis erkennen vor einer Kirche mit starken Organisationen – und schwindendem Glauben.

Keine „Geschenke“ in der Ökumene

Vom Papst aus dem Land der Reformation hatten nicht nur Protestanten Fortschritte in Fragen der Ökumene erhofft. Die Ankündigung, er werde 2011 das Augustinerkloster in Erfurt besuchen, wo der Reformator Martin Luther wirkte, lässt die Erwartungen wachsen.

Hinter verschlossenen Türen in Erfurt, im Gespräch mit der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland, würdigt der Papst Luther als beharrlichen Gottsucher. Im öffentlichen ökumenischen Gottesdienst macht er allerdings klar, die von manchen erhofften „ökumenischen Gastgeschenke“ könne es nicht geben.

Zwölf neue Bischöfe für Deutschland

Die Protestanten sind dennoch nicht unzufrieden. Gleichwohl sagt der damalige Ratsvorsitzende Präses Nikolaus Schneider nach der Rücktritts-Ankündigung des Papstes, es habe manche Protestanten brüskiert, dass dieser den Eindruck erweckt habe, in der Ökumene könnten Konfessionen „wie politische Parteien“ verhandeln.

Benedikt XVI. bewegt viel in der deutschen Kirche: Er beruft Bischöfe für zwölf der 27 Diözesen, er ernennt Felix Genn für Münster und Franz-Josef Overbeck für Essen. Er macht den Visbeker Johannes Bahlmann zum Bischof von Obidos in Brasilien. Und bei seinem Besuch 2011 hinterlässt der Papst den Deutschen Reden, an denen sie lange kauen, etwa zur „Entweltlichung der Kirche“.

Wahrnehmung als Deutscher

Als Deutscher wird Benedikt XVI. vor allem im und vom Ausland gesehen: 2009 besucht er die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem, schon im Mai 2006 steht er im nationalsozialistischen Konzentrationslager Auschwitz in Polen. An diesem „Ort des Grauens“ zu sprechen, sagt er, sei „fast unmöglich“, ja „besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt“. Diese Auftritte bringen Benedikt XVI. weltweit Respekt ein, auch in Deutschland.

In solchen Momenten ist Benedikt XVI. nicht nur Papst, sondern auch Deutscher. Genauso bewusst aber ist er in der großen Mehrzahl seiner Worte und Gesten ein Papst mit Blick auf die ganze Weltkirche.

Benedikt XVI. ist Deutscher, präziser muss man wohl Bayer sagen. Er war Papst. Aber er wollte ein nicht nur deutscher Papst sein.