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Münchner Missbrauchsgutachten überschattet die vergangenen Monate

Benedikt XVI. wird 95: Der angegriffene Papst

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Als Joseph Ratzinger 2005 zum Papst gewählt wurde, war die Begeisterung groß. Zu seinem 95. Geburtstag 2022 ist das Verhältnis stark abgekühlt, zuletzt auch wegen seiner Rolle als Erzbischof von München im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt.

Der Jubel in Deutschland war groß am Abend des 19. April 2005. Um Papst Benedikt XVI., bürgerlich Joseph Ratzinger, entstand ein Aufsehen wie sonst nur um Popstars. Er war der erste deutsche Papst seit der frühen Neuzeit. Unvergessen die Schlagzeile "Wir sind Papst". In seiner alten Heimat in der Diözese Passau wurde Papst-Bier ausgeschenkt und das Jugendmagazin "Bravo" widmete dem damals 78-Jährigen ein eigenes Poster.

Im Sommer 2005 wurde er mit großer Begeisterung beim katholischen Weltjugendtag in Köln empfangen. Doch kurz vor seinem 95. Geburtstag am Karsamstag, 16. April 2022, geriet Benedikt wegen seines Umgangs mit katholischen Missbrauchstätern in die Schlagzeilen.

Erster Papst-Rücktritt seit mehr als 700 Jahren

Nach seiner Wahl zum Papst erhofften sich viele einen Wandel des zuvor strengen Glaubenshüters. Doch Benedikt, ein akademisch hoch anerkannter Theologe, widmete sich weiter seinen Schriften und verfasste etwa eine Jesus-Trilogie. Seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicherte er sich 2013 durch seinen überraschenden Verzicht aufs Papstamt - ein Schritt, den es seit mehr als 700 Jahren nicht mehr gegeben hatte.

Ratzinger wurde am 16. April 1927 im bayerischen Marktl am Inn geboren. Im Zweiten Weltkrieg war er als Luftwaffenhelfer im Einsatz, danach studierte er in München und Freising Theologie und Philosophie, 1951 wurde er zum Priester geweiht.

Professor auch in Münster

Von da an ging seine theologische Karriere steil nach oben: Der feingeistige Musikliebhaber wurde Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising, weitere Stationen waren die Universitäten Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. 1977 wurde er Münchner Erzbischof, 1982 Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation unter Papst Johannes Paul II., 2005 dann dessen Nachfolger.

Kritik am deutschen Papst kam ausgerechnet aus dessen Heimat: Erste Kratzer bekam der Benedikt-Hype 2006 während einer Deutschlandreise. In der Universität Regensburg hielt er eine Vorlesung, in der er ein islamkritisches Zitat eines byzantinischen Kaisers aus dem Mittelalter verwendete. Muslime in aller Welt reagierten empört.

Pius-Brüder und Missbrauchs-Gutachten

Für Kritik sorgte auch Benedikts Annäherung an die ultrakonservative Pius-Bruderschaft, der auch der Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson angehörte. Selbst die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte Unverständnis.

Wie viele Bischöfe seiner Generation hat auch Benedikt Fehler im Umgang mit sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirchen gemacht. Das belegt ein im Januar veröffentlichtes Gutachten des Erzbistums München.

Keine Übernahme persönlicher Verantwortung

Benedikt bat erneut um Entschuldigung, übernahm aber keine persönliche Verantwortung für Versäumnisse beim Umgang mit Missbrauchstaten. "Ich habe in der katholischen Kirche große Verantwortung getragen. Umso größer ist mein Schmerz über die Vergehen und Fehler, die in meinen Amtszeiten und an den betreffenden Orten geschehen sind", hieß es in einer Stellungnahme.

In Freising, Regensburg und Marktl entbrannte die Diskussion, ob man ihm die Ehrenbürgerwürde aberkennen müsse. Marktl verteidigt den berühmten Sohn: Vielleicht habe Benedikt tatsächlich zu wenig unternommen, sagt Bürgermeister Benedikt Dittmann (CSU) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er wolle keinesfalls die Fälle sexuellen Missbrauchs bagatellisieren. Aber Benedikt habe auch viel Gutes getan.

Er traf als erster Papst Missbrauchs-Betroffene

In der Tat hat Benedikt den Weg mit bereitet für einen zumindest anderen Umgang mit sexualisierter Gewalt. 2001 wurde unter seiner Federführung als Präfekt der Glaubenskongregation ein Gesetz verabschiedet, das es dem Vatikan erlaubt, den Bistümern Missbrauchsverfahren zu entziehen und selbst über die Fälle zu entscheiden. Im schlimmsten Fall konnten Geistliche nun auch aus dem Priesterstand entlassen werden. Benedikt war zudem der erste Papst, der Missbrauchs-Betroffene persönlich traf.

Die Geburtstagsfeiern in Marktl fallen diesmal, auch wegen der Corona-Pandemie, kleiner aus als sonst. Am Ostersonntag soll es einen Festgottesdienst mit dem Passauer Bischof Stefan Oster geben.

Wohl keine Rückkehr mehr nach Deutschland und Bayern

Einen Besuch in der bayerischen Heimat wird es wohl nicht mehr geben. Das letzte Mal kam Benedikt im Sommer 2020, um sich in Regensburg von seinem im Sterben liegenden Bruder Georg zu verabschieden.

Seit seinem Verzicht aufs Papstamt lebt Benedikt zurückgezogen in einem Kloster im Vatikan. Anders als zunächst angekündigt, hat er sich von Zeit zu Zeit zu kirchlichen Fragen zu Wort gemeldet - mitunter konnte er sich einer Instrumentalisierung durch eher konservative Strömungen nicht erwehren.

Sein Alter macht Joseph Ratzinger inzwischen vor allem körperlich zu schaffen. In einem Schreiben zum Tod eines befreundeten Professors schrieb er im vergangenen Jahr: "Nun ist er im Jenseits angelangt, wo sicher schon viele Freunde auf ihn warten. Ich hoffe, dass ich mich bald hinzugesellen kann."

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