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Interview mit dem scheidenden Ständigen Vertreter des Offizials in Vechta

Bernd Winter: Es geht in der Kirche nicht um die Kirche

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Aus gesundheitlichen Gründen beendet Bernd Winter (60) heute seinen Dienst als Ständiger Vertreter des Offizials in Vechta und geht in den Ruhestand. Im Interview sagt er sehr ehrlich, wie es ihm geht, was er als langjähriger Pfarrer jedem Kirchenverwaltungsmenschen ins Stammbuch schreiben würde - und worauf es nach seiner Erfahrung als Seelsorger für die Zukunft der Kirche ankommt.

Prälat Winter, nach 16 Jahren im Offizialat Oldenburg ist heute Ihr letzter Arbeitstag vor Ihrem Ruhestand. Mit welchem Grundgefühl gehen Sie?

Als Bischof Reinhard Lettmann mich im Herbst 2004 bat, diese Aufgaben hier zu übernehmen, wusste ich nichts vom Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta, vom Offizialatsbezirk Oldenburg und seinen Gegebenheiten. Ich kannte hier niemanden, und ich hatte keine Verbindung in diese Gegend.

Heute schaue ich erstaunt und dankbar auf das, was daraus geworden ist: So viele Menschen habe ich kennengelernt, mit denen ich in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zu tun hatte – hier in unserer großen Dienstgemeinschaft, in den Pfarreien und Gemeinden, in so vielen Einrichtungen, in Gruppen, Verbänden und Gremien, haupt- und ehrenamtlich engagierte Menschen in großer Zahl. Ein für mich neues Land habe ich hier kennen und lieben gelernt und einen besonderen Teil des Bistums Münster mit seinem großen Charme, seinem Stolz, seiner Treue und einer starken Verbundenheit untereinander.

In diesen gut 16 Jahren durfte ich vieles erleben, mitgestalten, verantworten. Manches ist gelungen, manches auch nicht. Mit so vielen Menschen durfte ich kürzere oder längere Wegstrecken gemeinsam gehen, mit so vielen Menschen durfte ich zusammenarbeiten.
Ich gehe mit einem Grundgefühl der Dankbarkeit.

Durch eine Pressemitteilung wurde öffentlich, dass gesundheitliche Gründe für Ihre Entscheidung ausschlaggebend waren. Wie geht es Ihnen?

Bis vor etwa zehn Jahren habe ich jedes Jahr von meiner Krankenkasse Beitragsrückerstattungen bekommen, weil ich so gut wie nie einen Arzt in Anspruch nehmen musste. Jetzt schicke ich mindestens zweimal im Monat dicke Abrechnungen dorthin. Das skizziert vielleicht die Entwicklung. Neben meinem Diabetes, der sich nicht so entwickelt, wie ich mir das wünsche, haben sich nach und nach mehrere chronische Grunderkrankungen eingestellt, die das Leben und das Arbeiten beeinträchtigen. Und das Gehen fällt mir zuweilen wirklich schwer. Letzteres sieht man ja auch. Die Wirklichkeit ist, wie sie ist. Ich bin bei ganz unterschiedlichen Ärzten in regelmäßiger Therapie und Begleitung; gut, dass das so möglich ist.

Ich bin dankbar, dass ich die vielen dienstlichen Verpflichtungen jetzt loslassen kann und hoffe, dass sich manches stabilisieren wird. Und in all dem: Ich gehe zuversichtlich und gelassen in den nächsten Lebensabschnitt und werde mich an allem Guten und Schönen freuen.

32 Ihrer 60 Lebensjahre waren Sie Priester im Bistum Münster, am längsten als Pfarrer in Rheine, vorher in Wesel und Billerbeck. Welche Erfahrung in der Seelsorge war am wichtigsten für Ihre leitende Tätigkeit in der Verwaltung?

Die Menschen sind immer ganz konkrete Menschen. Sie haben ihre ganz konkreten Lebensfragen, ihre ganz konkreten Bedürfnisse und Erwartungen an die Kirche, an ihre Gemeinde, an ihre Seelsorgerinnen und Seelsorger. Man darf nicht theologische, ekklesiologische oder sonstige Ideen entwickeln und dann versuchen, die Menschen diesen Ideen anzupassen. Sondern man muss versuchen, die frohe Botschaft von der befreienden und heilenden und bedingungslosen Liebe Gottes in das konkrete Leben der Menschen hinein zu buchstabieren. Oder anders gesagt: Es geht in der Kirche nicht um die Kirche, sondern um die konkreten Menschen. Das muss uns leiten, wenn wir leiten und verwalten.

Vieles in der Kirche ist im Umbruch. Was macht Ihnen am meisten Sorge?

Umbrüche sind ja einerseits notwendige Weiterentwicklungen und andererseits mühselige und schmerzhafte Prozesse. Mir macht Sorge, dass es in diesen derzeitigen Umbrüchen zu viele kirchenpolitische Grabenkämpfe gibt, die höchstens Verletzungen oder Gewinner und Verlierer hervorbringen können. Ich denke, dass es wirkliche Veränderungen geben muss, die diesen Namen auch verdienen. Mit Kosmetik ist es nicht getan. Aber diese Veränderungen müssen errungen werden in solchen Auseinandersetzungen, die im Rahmen gegenseitiger Wertschätzung und gemeinsamen Hörens auf den Geist stattfinden. Ob es um die Rolle der Frau in der Kirche geht, um die Lebensform der Priester, um die Veränderung der Machtstruktur in der Kirche weg von der absolutistischen Monarchie hin zu einer viel synodaleren Verfassung oder um die moraltheologische Einordnung gelebter Partnerschaft (und Sexualität) in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und Zusammenhängen: Wir dürfen uns nicht gegenseitig nach politischer Art zerfleischen, sondern wir müssen kraftvoll und mutig im Diskurs voranschreiten und in allen Veränderungen darauf setzen, dass Gottes Geist uns treu bleibt. Die wichtigste Frage ist: Was dient den konkreten Menschen wirklich. Oder, um es mit einem alten theologischen Klassiker zu sagen: „Salus animarum prima lex“ ("Das Heil der Seelen ist das erste Gesetz").

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?

Ich weiß noch gar nicht, ob ich in meiner bisherigen Aufgabenkonstellation überhaupt einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin bekommen werde. Das wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Möglicherweise werden die Zuständigkeiten und Aufgaben auch noch einmal ganz neu geordnet. Einem möglichen Nachfolger sage ich dennoch, sozusagen ins Blaue hinein:
Es gibt nichts Kostbareres als einen konkreten Menschen. Lass Dich davon leiten!

 

Offizialatsbezirk Oldenburg
Der niedersächsische Teil des Bistums Münster wird eigenständig verwaltet. Der Bischöfliche Offizial leitet mit bischöflicher Amtsgewalt eine eigene Verwaltungsbehörde. In Abstimmung mit dem Bischof, aber unabhängig von dessen Generalvikariat in Münster. Der Bischöfliche Offizial verwaltet auch die Finanzen seines Bezirks selbstständig nach eigenem Kirchenvermögensrecht. Diese in der Weltkirche einmalige Regelung geht zurück auf einen Vertrag, den 1831 der Großherzog von Oldenburg mit dem Bischof von Münster geschlossen hat. 1965 wurde er in einem Konkordat mit dem Land Niedersachsen bekräftigt. | fjs

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