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Interview mit Schwester Katharina Kluitmann, Theologin und Psychologin aus Münster

Berufene Frauen - Kann Gott wollen, was katholisch nicht geht?

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"Kirche-und-Leben.de" berichtet in dieser Woche über Frauen, die sich berufen fühlen - zu Priesterlichem, zu Priesterinnen, auch wenn das lehramtlich weiterhin ausgeschlossen wird. Doch kann es eine Berufung zu etwas geben, das es kirchlich (noch) nicht gibt? Wer entscheidet das? Wie sollen Frauen damit umgehen? Antworten Schwester Katharina Kluitmann aus Münster. Die Theologin und Psychologin ist seit drei Jahren Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz.

Wenn Frauen sich zum Priestertum berufen fühlen – ist das mehr als ein Gefühl?

Erst einmal ist es ein Gefühl. Und das sollte eine Frau wahrnehmen und es sich nicht verkneifen. Vermutlich ist es aber nicht nur ein Gefühl, sondern mehrere, die auch widerstreiten können. Darum ist es wichtig klarzubekommen: Was reizt mich da besonders? Wie hat sich das entwickelt? Gibt es einen roten Faden? Ist das eine Idee, die ich seit gestern habe oder schon immer? Und dann gilt es, die Gefühlsebene zu verlassen und so genau wie möglich zu benennen: Wonach sehne ich mich da? Was ist das genau?

Frauen in der katholischen Kirche fühlen sich zu Priesterinnen berufen. Kann Gott wollen, was römisch-katholisch nicht geht?

Das ist eine schwierige Frage, die theologisch noch nicht gut durchdacht ist. Es gibt eine Spannung zwischen dem, was offenbar nicht wenige Frauen spüren, und der kirchenrechtlichen und lehramtlichen Realität. Das heißt allerdings nicht: Ich bin verkehrt mit dem, was ich da spüre! Das heißt gleichwohl auch nicht, jeden Vogel, den ich habe, für den Heiligen Geist zu halten. Da muss man gut abwägen, und dafür ist Begleitung wichtig. Gott wird mir sicherlich keinen Strick daraus drehen, wenn ich etwas nicht tue, was ich nicht tun kann. Er wird nicht erwarten, dass ich morgen in der Messe die Orgel spiele, denn das wäre für niemanden ein Glück. Und doch stellt sich die Frage, ob in dieser Wahrnehmung etwas ist, das Gott sehr wohl wollen kann. Dazu hätte ich eine Menge Ideen.

Nämlich?

Ich schaue nach Alternativen. Wenn ich mir persönlich gut vorstellen kann, Beichte zu hören und das Sakrament der Versöhnung zu spenden, dann bin ich relativ nah da dran, wenn ich psychotherapeutisch oder als geistliche Begleiterin gearbeitet habe. Aber – und das ist der zweite Schritt: Es ist eben nicht dasselbe. Diesen Schmerz muss ich zulassen. Ich kann dann betrauern, was nicht geht. Und die dritte Möglichkeit ist, zu kämpfen: etwa durch theologische Forschung und Diskussion. Etwa durch die Medien, denen ich meine Geschichte erzähle; das machen Frauen – und das ermöglichen Sie ja in dieser Woche auch bei Kirche-und-Leben.de. Etwa durch Gemeinschaft, wenn sich Frauen zusammentun – zum Beispiel bei Maria 2.0. Kämpfen ist schlussendlich und am extremsten auch durch Ungehorsam möglich: zu predigen, obwohl ich es nicht darf; die Eucharistie zu feiern, obwohl ich es nicht darf; aus der Kirche auszutreten oder zu konvertieren … Da gilt es, gut und persönlich abzuwägen. Nicht alle diese Formen wären meine. Und doch kann ich Menschen begleiten, die einen Weg gehen, der nicht meiner wäre.

Was bedeutet es für die Kirche, wenn Frauen in ihr eine Berufung spüren, die die Kirche nicht vorsieht?

Die Kirche nutzt hoffentlich synodale Strukturen, um das gut ins Gespräch zu bringen. Wenn ich sage, dass Frauen sich begleiten lassen sollen, heißt das nichts anderes als: Bleibt im Dialog. Das müsste die Kirche selbstverständlich auch tun, und das müsste sie auch stärker tun. Der Synodale Weg ist dafür ein guter Anfang, aber da ist noch Luft nach oben. Es stellt sich schlichtweg die Frage nach der Kompetenzkompetenz: Wer hat das Recht zu sagen, wer es zu sagen hat? So wie Papst Franziskus in einem anderen Kontext sinngemäß formuliert hat: Wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte? Ich meine, diese Frage darf man auch an die Kirche stellen: Wer seid ihr, dass ihr Gott hindern könnt? Kirche lebt sicher nicht nur von Mehrheitsentscheidungen. Aber die große Zahl von Menschen, die das so sehen, ist eine klare Anfrage. Damit sind ja nicht nur die Frauen gemeint, die eine Berufung zur Diakonin oder Priesterin spüren, sondern auch diejenigen, die merken: Ich würde gern bei einer Frau beichten. Oder: Es wäre stimmiger für mich, wenn meine Krankenseelsorgerin mir auch die Krankensalbung spenden würde. Es geht nicht nur um jene, die diesen Dienst tun wollen, sondern auch um die, die das Bedürfnis haben, dass eine Frau ihnen diesen Dienst erweist.

Wann ist eine Berufung „echt“?

Theologisch ist eine Berufung echt, wenn sie subjektiv empfunden und objektiv angenommen wird. Dennoch gibt es offenbar derzeit die Berufung vieler Frauen, dafür zu kämpfen, dass sich da etwas ändert. Dabei ist es ganz wichtig, dass die Frauen nicht in eine Opferrolle geraten oder sich selber da hineinmanövrieren. Gott macht keine Fehler, Menschen schon. Ich glaube, dass Gott einen Plan mit diesen Entwicklungen hat.

Wer entscheidet darüber, ob eine Berufung echt ist?

Zur Zeit objektiv die Kirche. Allerdings: Wenn wir in allen möglichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen Bereichen auf Diversität setzen und in der Kirche eine relativ kleine Sorte Menschen entscheidet: nur Männer, nur Männer mit einer bestimmten Ausbildung, nur Männer in einem bestimmten Alter … In einem Wirtschaftsunternehmen würde man sagen: Das ist ein Mangel an Diversität, und das nimmt uns Charisma. Das nimmt uns Kompetenzen. Das nimmt uns Sichtweisen.

Sie sind seit 31 Jahren Ordensfrau, seit fast zehn Jahren in Leitungsposition. Wären Sie auch gern Priesterin?

Als Theologin bin ich schon immer danach gefragt worden. Lange Zeit habe ich dann geantwortet: Ich stelle mir die Frage nicht, weil es eben nicht geht. Ich merke aber zunehmend, dass es Elemente des Priesterseins gibt, die ich sehr gern leben würde. Ich persönlich möchte zum Beispiel sehr gern als Beichtmutter arbeiten, dagegen reizt es mich überhaupt nicht, der Eucharistiefeier vorzustehen. Predigen wiederum finde ich ganz klasse. Aber stellen Sie sich vor, es gäbe eine Dombeichtmutter – wie viele Menschen würden sich wohl darüber freuen! Als Studentin habe ich immer gesagt: Ich werde Priesterin, wenn das vor meinem 50. Geburtstag möglich wird. Jetzt bin ich 56, und ich würde trotzdem darüber nachdenken. Auf jeden Fall werde ich zur ersten Priesterweihe einer Frau reisen, um das mitzufeiern.

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