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Lexikon des Judentums (4)

Beschneidung – Zeichen der Zugehörigkeit zum Judentum

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Wissen ist das beste Mittel gegen Vorurteile und Antisemitismus. Zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erläutert diese Serie Begriffe jüdischen Glaubens – diesmal von Clemens Leonhard, Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.

Die Beschneidung von jüdischen, männlichen Kindern erfolgt am achten Tag nach der Geburt, am Morgen, zumindest bei Tag – und damit im Sinn des Gebots im Buch Genesis: „Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden …“, was Abraham sofort ausführt.

Das Gebot wird so ernst genommen, dass die Beschneidung auch an einem Sabbat oder an Festtagen vorgenommen wird. Laut dem Buch Exodus beschneidet Zipporah, die Frau des Mose, deren Sohn, was in manchen Denominationen als Argument dafür gilt, dass auch Frauen die Beschneidung vornehmen.

Zeichen des Bundes

Der hebräische Begriff für „Beschneidung“ enthält das Wort „Bund“, wörtlich „Bund der Beschneidung“, wie im Buch Genesis zu lesen ist: „So soll mein Bund, dessen Zeichen ihr an eurem Fleisch tragt, ein ewiger Bund sein.“

Neben dem Stuhl, auf dem der sogenannte Sandak sitzt, der das Kind hält, wird ein zweiter Sitz zu Ehren des Propheten Elia symbolisch freigehalten. Elia ist „mit Leidenschaft“ für Gott eingetreten, „weil die Israeliten deinen Bund (nämlich die Beschneidung) verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben“ (1 Könige 19,14). Elia gilt als der „Bote des Bundes“.

Das Kind bekommt seinen Namen

Nach der Beschneidung erhält das Kind seinen Namen, der dann zum ersten Mal öffentlich mitgeteilt wird. Mit der Beschneidung ist ein großes Festessen verbunden. Im deutschen Judentum entstand in der frühen Neuzeit der Brauch, aus Tüchern, die sich bei der Beschneidung nahe beim Kind befanden, bestickte Bänder herzustellen, mit denen die beiden Teile der Torahrollen aneinandergebunden werden („Torahwimpel“). In der Stickerei erscheint der Segen über das Kind: „Möge Gott ihn heranwachsen lassen zur Torah, zur Trauung und zu guten Taten …“.

Der chirurgische Eingriff wird in den alten Texten der rabbinischen Literatur diskutiert. Mit der Entwicklung der Medizin änderten sich im Lauf der Geschichte die Rahmenbedingungen des Vollzugs der Beschneidung, wie der dafür gebrauchten Werkzeuge, der Einsatz von Medikamenten zur Vermeidung von Schmerz und Infektionen.

Nur durch ausgebildetes Personal

Selbstverständlich wird die Beschneidung aufgeschoben, wenn ein Kind dadurch in eine lebensgefährliche Situation geraten könnte. Die Operation wird nur von ausgebildetem Personal durchgeführt.

Wenn ein erwachsener Mann, an dem ein entsprechender medizinischer Eingriff schon vollzogen wurde, zum Judentum konvertiert (oder im Fall eines Kindes, das ohne Vorhaut geboren wird), ersetzt man die Beschneidung als Ritual durch einen kleinen Schnitt, aus dem ein Blutstropfen austritt.

Anders als die Taufe kein Eintrittsritual

Den chirurgischen Eingriff integrieren die dabei gesprochenen Gebete in das Ritual. Der Vollzug der Beschneidung beziehungsweise das Beschnittensein der Männer ist für die allermeisten jüdischen Menschen ein unaufgebbares Zeichen der Zugehörigkeit zum Volk Israel. Es gehört zur Konversion eines erwachsenen Mannes zum Judentum.

Im Unterschied zur christlichen Taufe ist die Beschneidung aber kein Eintrittsritual ins Judentum. Acht Tage nach der Geburt werden Jungen beschnitten, die schon aufgrund ihrer Herkunft Juden sind.

Der Autor
Clemens Leonhard ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt unter anderm die Liturgie des Judentums.
Clemens Leonhard ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt unter anderm die Liturgie des Judentums.

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