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Der Präsident des Festkomitees Kölner Karneval über Trauer, Abschied und Frohsinn

Bestatter und Karnevalist in Köln – Corona trifft Kuckelkorn doppelt

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Christoph Kuckelkorn, geboren 1964 in Köln, ist Bestattungsunternehmer und seit 2017 Präsident des Festkomitees Kölner Karneval. In beiden Bereichen trifft ihn Corona mit Wucht. Ein Interview über Abschiednehmen in Zeiten der Pandemie, über die sozialen Aufgaben des Karnevals und Perspektiven für die Session 2022.

Wie hat der Lockdown im Frühjahr 2020 Ihre Arbeit als Bestatter verändert?

Wir Bestatter hatten keine Vorerfahrungen mit einer solchen Situation. Es gab auch keine Szenarien der Behörden, die irgendwelche Vorgaben für Trauerfälle machten. Auch gab es im Lockdown regional sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Auf jeden Fall war es sehr wichtig, den Angehörigen vernünftige und verlässliche Informationen an die Hand zu geben. Während des ersten Lockdowns durften hier in Köln nur bis zu zwölf Personen, ausschließlich Angehörige ersten Grades, an einer Beisetzung teilnehmen. Für viele Familien war das schrecklich, weil das bedeutete, dass Enkel, Nichten und Neffen nicht dabei sein konnten. Außerdem waren die Trauerhallen samt und sonders geschlossen, sodass wir die Trauerfeiern nur im Freien abhalten konnten. Zum Glück hatten wir im März und April sehr gutes Wetter. Stellenweise ist der Abschied von Verstorbenen dadurch doch noch stimmungsvoll ausgefallen. Bei prominenten Persönlichkeiten konnten aber die Vereine, Gesellschaften oder Schulgemeinschaften nicht an der Beerdigung teilnehmen. Eine der bekanntesten Kölner Karnevalistinnen, Marie-Luise Nikuta, konnte während des ersten Lockdowns nur im allerengsten Familienkreis bestattet werden; sonst wäre das mit Sicherheit eine ganz große Beerdigung geworden.

Wie ging es im Sommer weiter?

Im Sommer sind die Trauerhallen geöffnet worden und die Zahl der Personen, die vor einer Trauerhalle an der Feier teilnehmen darf, ist nicht mehr beschränkt. Seither leben wir vergleichsweise gut mit diesen Vorgaben, und die Menschen halten sich daran. Allerdings fällt es den meisten schwer, am Grab Distanz zu halten und sich nicht in den Arm nehmen zu können. Das ist für viele schwer auszuhalten. Je nach Größe der Trauerhalle dürfen in Köln zwischen 36 und zwei Personen in der Halle selbst dabei sein.

Haben Sie Leute beigesetzt, die an Covid-19 gestorben sind?

Während des ersten Lockdowns im Frühjahr war die Zahl der Corona-Toten, die wir bestattet haben, kaum messbar. Mittlerweile begleitet uns das jeden Tag. Das heißt im Klartext: Wir bestatten jetzt zu 30 Prozent Menschen, die an oder mit Covid-19 gestorben sind. Das Tragen von Mundschutz, Handschuhen und Kittel ist allerdings bei uns normalerweise schon Pflicht, sodass das keine Veränderung für uns darstellt. Übrigens erfahren wir bei weitem nicht immer, woran jemand verstorben ist. Jeder Tote kann prinzipiell infektiös sein, das ist in Corona-Zeiten nicht völlig anders. Ein unbefangenes Abschiednehmen ist nicht möglich. Allerdings ist eine Einäscherung bei Corona-Toten nicht Pflicht; auch eine Erdbestattung ist möglich.

Wie kann sich die Familie von einem Verstorbenen mit Covid-19 verabschieden?

Viele Familien sind unsicher und fragen sich: Wie gehe ich damit um? Bei jedem „normalen“ Sterbefall besteht die Möglichkeit, sich zu verabschieden. Bei Covid-19-Todesfällen war das, vor allem im Frühjahr, häufig nicht möglich. Das ist sehr tragisch, denn für die Trauerarbeit ist das sehr wichtig. Unser Bestattungsinstitut hat den Angehörigen ziemlich früh die Möglichkeit eingeräumt, sich statt im Rahmen eines „realen“ Trauergesprächs digital beraten zu lassen oder sich über Telefon auszutauschen. Das ist eine sehr große Herausforderung, aber auf die haben wir uns inzwischen eingestellt.

Sie sind nicht nur Bestatter, sondern auch Karnevals-Präsident. Was kann in der Session 2021 überhaupt stattfinden?

Impressionen aus dem Kölner Karneval. | Foto: Festkomitee Kölner Karneval
Einen Rosenmontagszug wird es in  Köln 2021 nicht geben. | Foto: Festkomitee Kölner Karneval

Karneval in seiner bekannten Form ist in der Session 2021 nicht möglich. Dass zigtausende Menschen in den Sitzungssälen oder auf den Straßen gemeinsam feiern, ist angesichts der Infektionszahlen undenkbar. Deshalb haben wir alle Sitzungen und den Rosenmontagszug früh abgesagt. Vorstellbar sind nur noch kleine karnevalistische Kulturveranstaltungen an überschaubaren Spielorten sowie digitale und hybride Formate.

Wie haben Sie den 11.11. erlebt?

Ich habe den 11.11. nur ganz knapp und kurz begangen, war ganz still und nachdenklich in der Stadt unterwegs. Ein Live-Stream von der Eröffnung der Session im WDR war die einzige Aktion, die wir hatten. Danach sind wir nach Hause gegangen und haben den Martinstag gefeiert. Das war sehr traurig, aber leider unvermeidbar. Vor dem 11.11. hatten Stadtverwaltung und Festkomitee in einer gemeinsamen Kampagne die Karnevalisten dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben. Dass die Kölner sich in einem solchen Maße daran gehalten haben, macht mich stolz und zeigt, dass sie genau wissen, wann die Zeit zum Feiern ist und wann man notgedrungen darauf verzichten muss.

Der Karneval hat in Köln, wie Sie stets betonen, auch eine soziale Funktion. Was ist in dieser Session überhaupt möglich?

Damit muss man unter Corona-Bedingungen sehr erfindungsreich umgehen. In vielen Altenheimen gibt es zum Beispiel im Erdgeschoss einen großen Raum für die gemeinsamen Mahlzeiten. Da wäre es vorstellbar, dass das Dreigestirn das betreffende Altenheim besucht, aber im Innenhof bleibt und sein Auftritt von den Fenstern und Balkonen des Altenheims aus verfolgt werden kann. Momentan sind wir vom Festkomitee dabei, jede einzelne Alteneinrichtung in Köln zu kontaktieren und zu klären, was vor Ort machbar ist. Die Karnevalsvereine stellen sich derzeit darauf ein, ihre Veranstaltungen als digitale Formate stattfinden zu lassen. Das ist für kleine Vereine eine größere Herausforderung als für größere, bei denen es schon digitale Formate gab. Ziel ist, ein Programm auf die Beine zu stellen, mit dem Teilnehmer, Freunde, Förderer und Sponsoren des Karnevals zufrieden sind. Das Festkomitee selbst ist schon länger digital aufgestellt; für uns ist das insofern keine große Veränderung.

Sie haben im Sommer gesagt, Karneval könne man genauso wenig absagen wie Weihnachten. Aber jetzt haben wir doch praktisch mit einer Absage zu tun.

Ich sehe das nicht so. Im Gegenteil: So wie jeder für sich unter Corona-Verhältnissen Weihnachten feiert, mit Tannenbaum, Krippe und der engsten Familie, so wird auch jeder auf seine Weise Karneval feiern – ohne Schunkeln, ohne Bützchen und ohne Alkohol. Aber man wird sich auf ganz andere, corona-taugliche Weise treffen und Frohsinn leben. Es gibt Vorbilder in den 1950er und 60er Jahren, in den man sich schick angezogen und mit Mettbrötchen, Chips und Kölsch zu Hause gefeiert hat. So kann man sich auch in dieser Session kostümieren und den Karneval so zelebrieren, wie er momentan gefeiert werden kann. Es hat auch immer den stillen, nachdenklichen Karneval gegeben, und der ist jetzt wieder angesagt. Der Lebensfreude und positiven Grundstimmung muss das keinen Abbruch tun.

Wie wird die Session 2021/22 ablaufen?

Das ist sehr schwer vorherzusagen, aber wir verfolgen die Entwicklung bei den Impfungen genau. Wir haben keine Chance und müssen uns der Situation so stellen, wie sie bis dahin ist. Auf jeden Fall werden wir auf die Herausforderung durch die Pandemie besser vorbereitet sein als noch vor ein paar Monaten. Vieles kann in der nächsten Session besser werden. Ob dann alles normal ist, steht auf einem anderen Blatt.

Können Sie sich Karnevalssitzungen vorstellen, bei denen nur Geimpfte Zutritt haben?

Der Karneval grenzt von seinem Wesen her niemanden aus, sondern nimmt jeden mit. Vielleicht kann es sogar eine zusätzliche Motivation sein, sich impfen zu lassen, wenn man weiß, dass man dann ohne Bedenken am Karneval teilnehmen kann. Im Rahmen des organisierten Karnevals gibt es nach meiner Beobachtung viel Zuspruch für Impfungen.

Gewöhnen sich die Leute den Karneval ab, wenn er nicht wir gewohnt stattfindet?

Gerade in Krisenzeiten hat der Karneval sich stets großen Zuspruchs erfreut und den Menschen für ein paar Tage oder Stunden eine Flucht aus dem Alltag ermöglicht. Insofern glaube ich fest, dass die Lust auf Karneval hinterher umso größer ist, wenn wir den Motor wieder richtig anwerfen. Um die Gastronomen und Künstler, die ihr Auskommen, manchmal sogar ihr Jahresauskommen durch den Karneval haben und deren Einkünfte massiv wegbrechen, mache ich mir große Sorgen. Aber wenn es beim Karnevalsausfall nur in diesem Jahr bleibt, lässt sich das noch irgendwie auffangen. Und was man nicht vergessen darf: Auch viele soziale Projekte finanzieren sich durch den Karneval. Dieser Bereich darf unter Corona nicht auf Dauer leiden.

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