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„Es war eine schöne Beerdigung“: Über den Satz freut sich eine angehende Bestatterin. Ein Besuch auf dem weltweit wohl einzigen Lehrfriedhof.
„Klack! Klack! Klack!“ Ein Luftdrucktacker ist an diesem Morgen das meistgenutzte Werkzeug im Werkstattraum der Theo-Remmertz-Akademie im unterfränkischen Münnerstadt. Heute lernen die Auszubildenden, einen Holzsarg auszukleiden. Überstehende Nägel werden mit Pappe abgedeckt, dann folgt eine Schicht Ölpapier, dann die weiche Sargmatratze. Jede Lage wird festgetackert, zum Abschluss folgt ein letzter Überzug: „Klack! Klack! Klack!“ Nun ist der Sarg bereit, einen Leichnam zu beherbergen. Die Särge werden später für echte Beerdigungen verwendet.
Alle Auszubildenden hier sind im zweiten Lehrjahr. Wenn sie die Ausbildung abgeschlossen haben, dürfen sie sich Bestattungsfachkraft nennen.
Azubi-Anzahl verdoppelt
Ein Beruf, den immer mehr junge Menschen ergreifen; in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Auszubildenden verdoppelt. Eine von ihnen ist Klara Maurer (20). Ihre Ausbildung macht sie im Bergischen Land, aber für den überbetrieblichen Teil kommt sie – wie alle anderen in Deutschland – nach Unterfranken in das Bundesausbildungszentrum der Bestatter.
Zur Ausbildung ist sie durch einen Zufall gekommen – über ein Schulpraktikum. „Ich glaube, dass gerade wieder vermehrt junge Menschen ins Handwerk gehen“, ist ihre Vermutung für den Ausbildungs-Boom. „Aber bei vielen, die ich kenne, macht auch die Dankbarkeit einen großen Teil aus, die Angehörige einem entgegenbringen. Und es wird nie langweilig.“
Gräber schaufeln auf dem Lehrfriedhof
Sarg oder Urne kommen in der Regel in ein Grab. Das will ausgehoben werden. Das lernt an diesem Morgen eine andere Gruppe Azubis auf dem nach Angaben des Ausbildungszentrums weltweit einzigen Lehrfriedhof.
Er liegt eine kurze Autofahrt entfernt von der Akademie, direkt am städtischen Friedhof Münnerstadt. Hier reihen sich echt aussehende, aber leere Gräber nebeneinander. Eine Stelle am Boden ist schon vorbereitet, um ein neues zu schaufeln und abzustützen. So können die Azubis unter realistischen Bedingungen üben.
Alle Azubis dürfen mal baggern
Zuerst geht es darum, den Bagger richtig zu positionieren – denn der steht auf vier Füßen, um das Gewicht gleichmäßig auf dem Boden zu verteilen. Die müssen einzeln an die richtige Stelle gesetzt werden – ganz schön frickelig.
Alle Azubis dürfen es einmal probieren. Danach nimmt eine von ihnen im Bagger Platz und beginnt unter Anleitung des Dozenten, die Hebel zu bedienen. Bald hat sie ihre erste Baggerschaufel voll Erde in einen Container manövriert, den die Gruppe am Vortag aufgebaut hat.
Nach etwas mehr als einem Lehrjahr ist auch Emily Mendoza noch immer überzeugt, dieser Beruf sei das Richtige für sie. „Je weiter man kommt, desto schöner wird es“, sagt die 19-Jährige, die ursprünglich Psychologie studieren wollte, sich nach einem Praktikum aber für den Ausbildungsberuf entschied. „Man sammelt Erfahrung, man lernt Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten kennen. Und jede Bestattung ist individuell.“
Mehr Individualisierung der Trauer
Und das sogar zunehmend – das beobachten die Dozenten Tobias Kraus und Steffen Werth. „Bei uns in Hessen kommen wir ein bisschen weg von Trauerfeiern, es sind eher Lebensfeiern“, sagt Werth. „Die Leute wollen etwas geboten bekommen.“ Dazu gehörten etwa Luftballons oder das Bemalen von Särgen vor Einäscherungen. „Auch Urnen werden zum Beispiel von Kindern mit Fingerfarbe bemalt, sodass jeder individuell und personalisiert Abschied nehmen kann.“
Auch derartige Entwicklungen werden in der Ausbildung thematisiert – neben Fächern wie Warenkunde, Recht, der hygienischen Versorgung von Verstorbenen oder Trauerpsychologie. Ebenso wird Grundkenntnis über den Ablauf von Trauerfeiern in verschiedenen Religionen vermittelt – schließlich gibt es Unterschiede etwa zwischen einem katholischen, evangelischen, nichtreligiösen oder muslimischen Begräbnis. Bei letzteren steige die Nachfrage, da viele Muslime sich nicht mehr in ihre alte Heimat überführen ließen, sondern in Deutschland aufgewachsen seien und daher auch hier begraben werden wollten.
Bis zur Deko wird alles geübt
Um all das in der Praxis zu lernen, steht den Auszubildenden in der Akademie eine „Übungskapelle“ zur Verfügung – ein Raum, den sie für fiktive Trauerfeiern dekorieren. Braucht man Weihwasser oder ein Kreuz? Welche Hobbys oder Vorlieben hatte der Verstorbene? Um das bei Trauerfeiern abbilden zu können, können sie sich in einem großen Lagerraum bedienen: Urnen, Kerzen, Kreuze, verschiedene Deko-Elemente und eine große Auswahl an Kunstblumen warten hier auf ihren Einsatz.
Abgesehen von religiösen Wünschen beobachtet Kraus vor allem einen Wandel im Bestattungswesen: „Den Umgang mit dem Friedhof.“ Viele Menschen hätten keine Lust auf Grabpflege; Friedhöfe seien nicht mehr die primären Anlaufziele zum Trauern. Das bestätigt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas, laut der nur elf Prozent der Befragten eine Stätte auf einem Friedhof zum Trauern bräuchten.
Azubis beklagen Tabuisierung des Themas
Dass sich der gesellschaftliche Umgang mit dem Tod ändert, das wünscht sich die Auszubildende Klara. „Man hört noch viel zu oft, dass das ein Thema ist, über das nicht gesprochen werden soll“, sagt die 20-Jährige. „Das sollte man ändern. Denn das ist das Einzige im Leben, das wirklich feststeht.“ Auch das Thema Bestattungsvorsorge kommt, wenn es nach ihr geht, noch zu kurz: „Dass man selbst darüber bestimmen kann. Dazu muss man ja vorher drüber gesprochen haben.“
Und was macht den Auszubildenden am meisten Spaß? „Kostenaufstellungen“, sagt Klara lachend. „Das klingt komisch, aber ich mag Mathe. Oder die Dekoration bei Beerdigungen.“ Auch Emily macht die Begleitung von Trauerfeiern Spaß, ebenso die Büroarbeit. „Als Bestatter muss man auch viel Menschlichkeit zeigen“, sagt sie. „Um die Menschen in einer Ausnahmesituation aufzufangen. Ich freue mich, wenn die Angehörigen später sagen: Es war eine schöne Beerdigung.“