Christian Calderone sitzt als Christ im Landtag von Niedersachsen

Beten mit Barack Obama und Alte pflegen im Heim

Barack Obama war Abgeordneter in Senat des US-Bundesstaates Illinois. Christian Calderone sitzt im niedersächsischen Landtag. Vergleichbar. Barack Obama ist Jurist, Christian Calderone ist Jurist. Ähnliche Wege. Die sich in einem Punkt kreuzen: Beide sind bekennende Christen, Obama evangelisch-freikirchlich, Calderone katholisch. Sie haben sogar schon gemeinsam gebetet: am 8. Februar 2015 beim Nationalen Gebetsfrühstück in Washington, mit 3.000 Parlamentsabgeordneten aus aller Welt.

„Ein großes Erlebnis“, sagt Calderone. Er spricht sonst nicht allzu gerne über seine religiösen Überzeugungen. Aber mit Menschen beten, die sich politisch oft sehr fern stehen, einfach über eine Bibelstelle sprechen – das habe ihn fasziniert.

Der Landtag ist eine andere Größe

Weil er das auch im Alltag des niedersächsischen Landtags macht. Weit weg von der Politik in Washington, ihrem erbitterten Kampf um politische Entscheidungen über das Schicksal von 300 Millionen Amerikanern oder über die Weltpolitik. Da ist der Landtag in Hannover eine andere Größe.

137 Abgeordnete, fünf Fraktionen, im Oktober neu gewählt. Dort vertritt Christian Calderone den Wahlkreis 73 Bersenbrück, zu dem auch die oldenburgischen Gemeinden Neuenkirchen und Damme gehören. Der CDU-Parlamentarier lädt neben seiner Arbeit in der Fraktion auch zum Gebetsfrühstück für Abgeordnete ein, immer montags um 8 Uhr am Beginn einer Sitzungswoche.

Ein kleiner Kreis aus vier Fraktionen

Kein großer Kreis, gibt er zu. Aber Abgeordnete aus mehreren Fraktionen: Zwei Grüne, zwei Sozialdemokraten, ein Freidemokrat – und acht CDU-Abgeordnete. Die Tradition stamme aus den USA, berichtet Calderone, auch die Tradition, sich ohne Geistliche zu treffen. „Abwechselnd bringt einer von uns eine Bibelstelle mit, über die reden wir dann beim Frühstück. Ganz einfach.“

Da gehe es dann nicht um Verbraucherschutz oder die Finanzen von Hochschulen, sondern um Fragen von Verantwortung, auch um die Grenzen von Politik.

Christian Calderone legt Wert darauf, dass beileibe nicht nur diese Abgeordneten als Christen gelten könnten. Besonders in seiner eigenen Fraktion, spüre er genau, dass viele „das C wirklich noch im Hintergrund haben“.

Was christlich sein kann in der Politik

Ob die CDU so etwas wie eine christliche Partei sei? Calderone schüttelt den Kopf, er halte nichts davon, sich so einordnen zu lassen. „Ist christlich einfach konservativ?“ fragt er. Er habe einen katholischen Weltjugendtag miterlebt – „sicher christlich, aber nicht konservativ“. Oder der Einsatz für Flüchtlinge: „Vielleicht nicht konservativ, aber sicher christlich.“

Er gibt zu bedenken: Immerhin sei die CDU die einzige Partei in der Europäischen Union, die das Christliche noch im Namen führe. Dafür brauche es nicht den Auftritt von Bischöfen auf einem Parteitag oder das Singen von Kirchenliedern zum Abschluss. „Sondern es läuft über die Menschen und ihr Menschenbild, über die Menschen, die aus christlicher Einstellung heraus Politik machen – und die haben wir in der Union ganz sicher.“ Das „C“ im Parteinamen der CDU hält der Abgeordnete deshalb für gerechtfertigt.

Immer noch Lektor in der Heimatgemeinde

Calderone selbst ist in der katholischen Jugend groß geworden, in Quakenbrück. Er war in einer Jugendgruppe, ist begeistert bei Zeltlagern dabeigewesen, ist in die Kolpingsfamilie eingetreten. Er schwärmt vom Kaplan, der damals dort lebte und ihn beeindruckt habe. „Eine starke Zeit“, sagt er im Rückblick. Noch heute liest er als Lektor in seiner Heimatkirche sonntags die Lesung, einmal im Monat.

Zugleich wurde der junge Mann aufmerksam auf die Politik. Sein Deutschlehrer sprach ihn an: Ob er nicht für den Stadtrat kandidieren wolle? „Ich fand Helmut Kohl damals cool, wie er die Chance für die deutsche Einheit gepackt, wie er Europa zusammengeführt hatte!“ Der 19-Jährige trat in die Junge Union ein und bewarb sich um ein Ratsmandat.

„Ich habe erst einmal krachend verloren“, erinnert er sich und lacht. Aber sein Ehrgeiz war gepackt; fünf Jahre darauf schaffte er den Sprung in den Stadtrat, wurde 2006 CDU-Vorsitzender in Quakenbrück, 2010 im Landkreis Osnabrück. „Das ist der einwohnerstärkste Kreis in ganz Niedersachsen.“

Lieber in aller Ruhe führen

Keine einfache Aufgabe, wie Calderone zugibt. In der Partei habe es ernsthafte Zerwürfnisse gegeben, er benutzt sogar das Wort „drohende Spaltung“. Die Lager zusammenzuführen, sei nicht einfach gewesen. Geholfen habe ihm, „immer eher sanft und auf leisen Sohlen daherzukommen“. Eine Lokalzeitung habe ihn deshalb einmal den „Zauderer“ genannt. Calderone findet das treffend, vielleicht sogar ein Lob. Die Partei im Kreis blieb jedenfalls zusammen.

Im Landtag in Hannover ist der Jurist Calderone  rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion, er hat in diesen Fragen im Herbst bei den Verhandlungen für die Große Koalition mitgewirkt. Christliches Profil lasse sich durchaus auch dort zeigen, betont er, nicht nur bei der großen Politik im Bundestag. „Wenn Bürger mit dem Staat in Berührung kommen, haben sie immer Landesbeamte vor sich: Polizei, Schule, Justiz.“ Aber auch Krankenhäuser seien Thema im Landtag.

Auch im Landtag geht es um christliche Themen

Im Einzelnen sei ein christlicher Abgeordneter da sehr oft in seinen Überzeugungen gefragt. Sonntagsarbeit etwa – die regelt der Landtag. Seine Position: „Wir brauchen mehr Sonntagsschutz und nicht weniger.“ Religionsunterricht – den regelt der Landtag. Seine Position: „Der gehört zum Grundrecht auf Bildung, da gibt es für mich keine Diskussion.“

Investitionen in Krankenhäuser – dafür fließt Geld vom Land. Calderone kennt sich dort aus: Seinen Zivildienst machte er auf der neuro-chirurgischen Station im Christlichen Krankenhaus Quakenbrück. Klassische Pflege am Krankenbett. Heute sitzt er im Aufsichtsgremium des Hauses.

Als Abgeordneter Arbeit im Altenheim

Bei einer üblichen Rundreisen durch den Wahlkreis besuchte er im Sommer das katholische Altenheim Maria Rast in Damme. Aber nicht nur zum Gespräch mit der Hausleitung über Finanzen und Belegung. Calderone arbeitete auch in der Frühschicht eines Altenpflegers mit. Er half Menschen aus dem Bett, reichte ihnen das Essen. „Da habe ich hautnah gemerkt, wo die Probleme liegen. Die Pflegenden in Damme machen ihre Arbeit den Menschen zugewandt. Aber weniger Kräfte dürfte es nicht geben. Wir brauchen viel, viel mehr.“ Diesen Eindruck wolle er in die Landespolitik mitnehmen.