Papst hatte Übersetzung „Und führe uns nicht in Versuchung“ bemängelt

Bibel-Experte Söding: Vaterunser soll bleiben, wie es ist

Diskussion um das Gebet der Gebete: Papst Franziskus bemängelt, „und führe uns nicht in Versuchung“ sei eine schlechte Übersetzung. Die französischen Bischöfe haben die Bitte bereits geändert. Darf man am „Gebet des Herrn“ einfach herumlaborieren? Bibel-Experte Thomas Söding aus Münster rät zu Vorsicht.

Kirche+Leben: Herr Professor Söding, darf man Jesus korrigieren?

Thomas Söding: Wenn man es kann ... Aber wer soll das können? Wer will Jesus schulmeistern? Der Papst sicher nicht. Aber im Ernst: Wichtig ist, Jesus zu interpretieren, sodass er heute verstanden werden kann. Der erste Schritt ist dann aber, zu identifizieren, was er zu seiner Zeit gesagt hat und was die Evangelien von ihm überliefert haben. Das ist viel reicher als das, was viele Verteidiger und Kritiker daraus gemacht haben.

Warum sollte Gott uns in Versuchung führen?

Thomas SödingDr. Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum und Diözesanleiter des Katholischen Bibelwerks im Bistum Münster. | Foto: pd

Wer sagt, dass er das macht? Das Neue Testament sagt es nicht. Das Vaterunser schon gar nicht. Die Bitte will nicht Gott zu etwas treiben, was er nicht ohnedies machte und wollte. Sie will vielmehr Gottes Willen und Gottes Barmherzigkeit erkennen. Deshalb die Bitte. Ich spreche sie nicht, weil ich Angst habe, sondern weil ich Vertrauen habe. Die Bitte ist ein Bekenntnis: Würde Gott eine Versuchung über die Beter kommen lassen, würden sie nicht bestehen. Sie dürfen aber glauben, dass Gott kein Monster ist. Sie beten – in der Gewissheit, schon erhört worden zu sein, bevor die Bitte ausgesprochen ist.

Hat der Papst recht – ist unsere Übersetzung nicht gut?

Die Übersetzung ist wörtlich. Die neue französische Wendung ist keine Übersetzung, sondern eine Paraphrase. Sie ist gut gemeint, aber nicht gut. Wobei man sagen muss: Die alte französische Übersetzung „unterwerfe uns nicht der Versuchung“ („ne nous soumets pas à la tentation“) war brutal. Die musste geändert werden. Die deutsche Übersetzung ist aufrüttelnd, wie das Gebet selbst.

Was ist wichtiger: die wörtliche Übersetzung, auch wenn sie keiner richtig versteht – oder eine freiere Übersetzung, damit man Jesus versteht und mit Sinn und Verstand betet?

Wer anders beten will, als Jesus seine Jünger zu beten gelehrt hat, soll es gerne tun. Wer mit den Worten Jesu beten will, hält sich am besten ans Neue Testament. Wenn nicht auch die dunklen Seiten in das Gottesbild integriert werden, dann wandern sie in den Aberglauben aus. Da gehören sie nicht hin.

Hätten Sie eine Alternative für die jetzige Übersetzung oder braucht es mehr Predigten, damit wir besser verstehen?

Die deutsche Übersetzung braucht nicht verändert zu werden. Sie muss bleiben, wie sie ist. Ob Predigten helfen? Eine Schule des Betens braucht es, in der gelernt wird, dass jede Bitte das Jesusgebet aufnehmen sollte: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“