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Brauch seit mehr als 140 Jahren - und Wettbewerb

Bis zu 14 Meter: Die XXL-Palmstöcke von Steinfeld

  • Eine besondere Tradition pflegt bis heute die St.-Johannes-Pfarrei im oldenburgischen Steinfeld (Kreis Vechta).
  • Dort bringen die Jungs am Palmsonntag meterlange Palmstöcke zur Kirche - Exemplare von vier bis sechs Metern sind keine Seltenheit.
  • Das Hamburger Völkerkundemuseum hat 1995 zwei der Riesen-Palmstöcke aus Steinfeld in seine Sammlung zum Thema Osterbräuche aufgenommen.
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Der Palmstock von Julius Saalfeld dürfte einer der längsten in der Geschichte von Steinfeld gewesen sein. Ein Dorflehrer, der 1935 selbst dabei war, hat die Geschichte noch Jahrzehnte später erzählt: Der Junge aus der Bauerschaft Schemde brauchte demnach sogar mehrere Helfer, um das 13,75 Meter lange Stück zum Gottesdienst in die Kirche zu tragen.

Was sich skurril anhört, das gehört in der St.-Johannes-Kirche bis heute zur gelebten Tradition. Immer noch sieht man am Sonntag vor Ostern reichlich ungewöhnliche und vor allen Dingen riesige Palmstöcke in der Kirche und bei der anschließenden Palmprozession. Das wird auch in diesem Jahr wieder so sein. „Es gehört bei uns weiterhin dazu“, sagt Rita Overmeyer, eine der beiden Pfarreiratsvorsitzenden in Steinfeld.

 

Nur Vermutungen zum Ursprung der Tradition

 

In normalen Jahren ragen am Palmsonntag Dutzende vorwiegend aus jungen Birkenstämmen gefertigte Exemplare in den weiten Raum der Steinfelder Johanneskirche, viele von ihnen mehr als vier Meter lang. In „normalen Jahren“, denn im vergangenen Jahr, so Rita Overmeyer, sei die Palmweihe wegen Corona ausgefallen. In diesem Jahr soll sie aber wieder stattfinden.

Wer nach dem Ursprung der XXL-Tradition fragt, muss sich mit Vermutungen zufriedengeben. Vielleicht hat das Ganze ja zu tun mit einer in Steinfeld überlieferten Bauernweisheit zur Fruchtbarkeit auf den Feldern: „Wo lang die Palmstöcke, so lang die Halme.“ Also: So lang wie die Palmstöcke sind, so lang werden in diesem Jahr auch die Halme des ausgesäten Getreides. Vielleicht, so hat es Rita Overmeyer von älteren Gemeindemitgliedern gehört, wollten die Jungs mit ihren Palmstöcken aber auch nur möglichst nah an die Kanzel heranreichen, von der aus der Pfarrer früher predigte. Das alles seien aber nur Vermutungen.

 

Eine Sache nur für Jungs

 


Nach Palmprozession und Palmweihe wurden die längsten Palmstöcke prämiert. | Foto: Offizialatsarchiv.

Auf jeden Fall jedoch scheint der jährliche Wettbewerb um das längste Exemplar zum Überleben der Tradition beigetragen haben. Dieser Größenvergleich ist in den Lebenserinnerungen eines gebürtigen Steinfelders bereits für das Jahr 1880 bezeugt. Lange Zeit gab es dabei sogar kleine Geldpreise zu gewinnen - für die Jungs mit dem längsten Palmstock. „Es ging meist um kleine Beträge, zwanzig, zehn und fünf Mark“, erinnert sich Rita Overmeyer.

Die Sache mit den langen Palmstöcken war den Jungs vorbehalten. Großartig geschmückt seien ihre Exemplare dafür aber nicht. „Es ist meist nur ein Baumstamm mit einem Buchsbaumsträußchen und einer Schleife“, erklärt Rita Overmeyer. „Damit sind sie längst nicht so aufwändig verziert wie die der Mädchen.“ Sie haben die in der Region üblichen geschmückten, normal großen Exemplare. „Da steckt oft viel Arbeit drin“, erklärt die Mutter von fünf Töchtern.

 

Wettbewerb um das längste Exemplar

 

Das war auch mit ein Grund dafür, dass der Pfarreirat vor einigen Jahren neben den Preisen für den längsten auch Auszeichnungen für die schönsten Palmstöcke einführte. Dieser Wettbewerb fand jedoch nur ein oder zwei Mal statt. Das Problem lag in der schlechten Vergleichbarkeit von Schönheit.

„Es gab Tränen unter den Mädchen, die nicht verstehen konnten, warum andere Palmstöcke schöner sein sollten als ihr Exemplar“, erinnert sich Rita Overmeyer. Weil man Länge leicht messen und vergleichen kann, hatte es dieses Problem bei den Jungs bis dahin nicht gegeben.

 

Steinfelder Palmstöcke im Hamburger Völkerkundemuseum

 

„Wir haben die Prämierungen dann komplett abgeschafft, auch für die Jungs“, sagt die Pfarreiratsvorsitzende. Seither bekommt jedes Kind nach der Palmweihe eine süße Belohnung für seinen Palmstock. Das Bemühen der Jungs um ein möglichst riesiges Exemplar habe das aber nicht geschmälert. „Sie kommen immer noch mit meterlangen Palmstöcken zum Gottesdienst.“

1995 kam eigens eine Wissenschaftlerin des Hamburger Völkerkundemuseums nach Steinfeld, die sich für den Brauch interessierte. Seither gehören zwei XXL-Exemplare zum Inventar der Museums-Sammlung über Osterbräuche. Für die Zukunft ist Rita Overmeyer optimistisch. „Die Tradition lebt weiter“, sagt sie. Sie glaubt auch, dass das auf absehbare Zeit so bleibt. „Weil die Väter sie an ihre Jungs weitergeben.“

Warum gibt es Palmstöcke?
Am Palmsonntag werden in der Messe traditionell Zweige gesegnet, die an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnern sollen. Aus Mangel an Palmen hat sich in Deutschland die Tradition entwickelt, mit verzierten Buchsbaumzweigen sogenannte Palmstöcke zu basteln, oft in den Familien zu Hause. Häufig werden auch von Gruppen einer Gemeinde Palmstöcke gebastelt und für einen guten Zweck verkauft. Die gesegneten Zweige werden meist daheim das ganze Jahr über aufbewahrt und zum Beispiel hinter ein Kreuz gesteckt. Palmstöcke gibt es in viele Varianten: Neben den Buchsbaumzweigen werden auch Schmuckbänder oder Blumen mit eingebunden oder sie werden mit Obst oder Eiern dekoriert.

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