Vatikan-Papier zu Pfarreileitung: Kardinal Kasper und Bischof Hanke sehen Positives

Bischof Feige: Kirche wird sich noch dramatischer verändern

Die Vatikan-Instruktion zu Reformen in katholischen Gemeinden sorgt weiterhin für Debatten. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige kritisierte das Papier mit deutlichen Worten. „Als Lernende nehmen wir Anregungen gern an“, schreibt Feige in einem am Montag veröffentlichten Brief an die Gläubigen seines Bistums. „Als Bischof lasse ich mich von deren restriktiven Anordnungen aber nicht lähmen und blockieren, da vieles darin ziemlich wirklichkeitsfern ist - besonders was unsere extreme Diaspora-Situation betrifft, die man sich offenbar gar nicht vorstellen kann - und auch keinerlei positive Lösungsmöglichkeiten angesichts des noch größer werdenden Priestermangels aufgezeigt werden.“

Manche werde die Instruktion demotivieren, sich für die katholische Kirche überhaupt noch einzusetzen, so der Bischof. Die Gestalt von Kirche werde sich noch dramatischer verändern als bisher, mahnte Feige: „Da hilft es kein bisschen weiter, nur hehre Prinzipien heraufzubeschwören und auf kirchenrechtliche Vorgaben zu verweisen.“ Stattdessen müsse unter Beachtung der theologischen und personellen, regionalen und ökonomischen Rahmenbedingungen verantwortungsbewusst und einfühlsam sowie kreativ und mutig überlegt, besprochen und entschieden werden, in welcher Form Pfarreien und Gemeinden in Zukunft bestehen können.

Kardinal Walter Kasper: Kritik geht am Anliegen vorbei

Der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper verteidigte die Instruktion dagegen. „Die deutsche Kritik geht am eigentlichen Anliegen der Instruktion, der pastoralen Umkehr zu einer missionarischen Pastoral, völlig vorbei“, schreibt Kasper in einem Gastkommentar für das kirchliche Kölner Online-Portal domradio.de. In den ersten Kapiteln des Dokuments sowie in der Zusammenfassung sei ausführlich von der gemeinsamen Verantwortung der ganzen Gemeinde die Rede. Die Gesamtverantwortung des Priesters als Pfarrer der Gemeinde zu betonen, bezeichnete der Kardinal als theologisch legitim.

„Dauerdiskussionen“ über Zölibat, Frauenpriestertum und Leitungsteams verursachten Unsicherheiten, fügte Kasper hinzu. Diese führten neben anderen Gründen zum Priestermangel. Zudem binde das Dokument Bischöfe an einklagbare Kriterien, wenn sie Pfarreien umstrukturieren wollten.

Theologe Georg Essen: Rechtsreform nötig

Der Theologe Georg Essen bezeichnete das Papier als „Dokument der Hilflosigkeit“. Das „Zueinander von Weltkirche und Ortskirche“ sei aus den Fugen geraten, erklärte er im Deutschlandfunk. „Ein so klerikerfixiertes Papier, das ist doch wirklich sehr merkwürdig.“ Es sei für ihn ein „Ärgernis“, dass weltkirchliche Nöte ignoriert würden. Dass der Vatikan innerhalb kurzer Zeit so viel Widerspruch ernte, zeige, „wie brisant die innerkatholische Situation ist“. Seiner Ansicht nach braucht es eine Weiterentwicklung des Kirchenrechts. Die geltende Rechtsordnung scheine nicht mehr in der Lage, „produktiv und konstruktiv Wirklichkeit zu gestalten“. 

Die Reaktionen vieler deutscher Bischöfe auf die Instruktion zeugten von Mut, fügte Essen hinzu. Sie machten deutlich, dass sie sich für das Heil der Seelen in ihrer jeweiligen Diözese verantwortlich fühlten: „Von dieser Aufgabe kann man einen Bischof in seiner Diözese nicht dispensieren.“ Es bedürfe „offenbar immer noch des Mutes, aus einer bestimmten konfliktscheuen Umgangskultur auszubrechen“.

Essen: Durchsetzungskraft Roms nimmt ab

Der Theologe warnte zugleich vor einem Bruch. Wenn Rom die aktuellen Reaktionen abprallen lasse, drohe eine Spaltung in die offiziellen Regularien einerseits und deren Missachtung in Gemeinden vor Ort andererseits. Dass die Durchsetzungskraft Roms abnehme, sei teils berechtigt, „weil die Wirklichkeit einfach nicht wahrgenommen wird. Aber ich halte das für eine ungute Situation.“

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke sieht in der Instruktion „viele wertvolle Impulse“ für den missionarischen Aufbruch der Pfarreien. „Das Dokument ermutigt und unterstützt alle, die bereits solche Wege eingeschlagen haben“, erklärte der Bischof in einer Stellungnahme. „Pastorale Umkehr als Verlebendigung des missionarischen Geistes soll die Kirche vor Ort, die Pfarrei mit ihren traditionellen Strukturen erneuern. Dieser Erneuerungsprozess geschieht durch Evangelisierung.“

Bischof Hanke: Wertvolle Impulse

Hanke fügte an: „Im deutschsprachigen Raum erfuhr die Instruktion zum Teil kritische Bewertungen, wohl hauptsächlich wegen der zweiten Hälfte des Dokuments, in der die Formen der Hirtensorge thematisiert und im Blick auf das Kirchenrecht beschrieben werden.“ Doch das Dokument ziele vielmehr auf die „konkretisierte Sakramentalität“ der Kirche. „Dazu gehört die Ordnung des Zueinanders von Amt und Charisma, von gemeinsamem Priestertum aus Taufe und Firmung und Priestertum des Dienstamtes.“

Die Instruktion „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ hebt unter Berufung auf das Kirchenrecht die Rolle des Pfarrers hervor. Bestrebungen, die Leitung von Pfarreien beispielsweise Teams aus Priestern und kirchlich Engagierten anzuvertrauen, widerspricht das Schreiben direkt.

UPDATE 28. Juli: Bischof Hanke