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Magdeburger Bischof bilanziert 30 Jahre Wiedervereinigung

Bischof Feige: West-Ost-Unterschiede brauchen mehr Aufmerksamkeit

Der Magdeburger katholische Bischof Gerhard Feige ist einer der wenigen amtierenden Bischöfe mit ostdeutscher Biografie. Er bilanziert 30 Jahre deutsche Wiedervereinigung.

Herr Bischof, was machen Sie an diesem Tag der Deutschen Einheit?

Ich bin zu einem ökumenischen Bittgottesdienst am ehemaligen Grenzübergang Marienborn eingeladen und soll die Predigt halten. Eine Stelle aus dem biblischen Buch Jesaja ist als Text ausgesucht: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht.“

Sind Sie inzwischen im vereinten Deutschland „zuhause“?

Ich lebe – so meine Selbstwahrnehmung – voll und ganz in der Gegenwart und bin dankbar und froh, nicht mehr die sozialistische – wie es hieß – „Diktatur des Proletariats“ mit ihrem Versuch der „Zwangsbeglückung“, ihrer Scheindemokratie und ihrem Spitzelsystem ertragen zu müssen. Andererseits bedrücken mich schon die immer noch spürbaren Folgen der Vor- und Nachwendezeit, vor allem aber auch die zunehmenden neuerlichen Entfremdungen und Konflikte, gesamtgesellschaftlich wie kirchlich. Das hätte ich mir vor 30 Jahren so nicht vorstellen können.

Nehmen Sie als jemand, der fast 40 Jahre in der DDR gelebt hat, heute noch manches anders wahr als Ihre West-Kollegen? Reagieren Sie vielleicht auch anders?

Darüber habe ich gerade in den letzten Jahren intensiver nachgedacht. Dabei ist mir erst so richtig bewusst geworden, welche Erfahrungen und Prägungen mich auch weiterhin begleiten und sicher auch beeinflussen. Da ist zunächst einmal die grundsätzlich positive Erfahrung, die ich mit der Kirche von Kindheit an bis elf Jahre nach der Priesterweihe gemacht habe. Eine Kirche, die weitgehend als kleine Minderheit aus Zugezogenen und Vertriebenen bestand, ins gesellschaftliche Abseits gedrängt und ohne – wie man heute sagt – Systemrelevanz war, konziliar und ökumenisch gesinnt, vielfach wie eine große Familie verbunden. Oder mit den Worten des Erfurter Pastoraltheologen Franz-Georg Friemel eine „Stätte der Freiheit, eine Gegenwelt zum verordneten Sozialismus, ein Schutzraum für das Menschliche“. Sicher war das Nischendasein kein Ideal, und ich begrüße es sehr, dass wir unter den neuen Bedingungen begriffen haben, uns vielfältig als „schöpferische Minderheit“ einzubringen. Geblieben ist bei mir aber ein feines und kritisches Gespür für alles ideologische Gehabe. Darum verstehe ich das Christentum im Gegensatz zum Marxismus mit seinem absoluten Wahrheitsanspruch auch nicht als geschlossenes System, dem sich alle nur ein- oder unterzuordnen haben. Befremdlicherweise wird von einigen Katholiken jedoch gelegentlich ein solcher Eindruck erweckt.

Welche anderen „ostdeutschen“ Prägungen nehmen Sie an sich wahr?

Zu DDR-Zeiten verstanden viele die Kunst, „zwischen den Zeilen“ zu schreiben und zu lesen. Damit konnte Kritik geübt und verstanden werden, ohne die Gegenseite direkt zu nennen. In letzter Zeit habe ich aber gemerkt, dass fast niemand mehr die Brisanz solcher Äußerungen mitbekommt. Also formuliere ich seitdem deutlicher und direkter. Andererseits betrachte ich in belasteter Erinnerung an frühere Demonstrationen oder Solidaritäts- und Protestaktionen, zu denen man uns zu nötigen versuchte, nach wie vor auch manche christlichen Großveranstaltungen oder Empörungs- und Betroffenheitsrituale mit Skepsis und kann solchen Formen kaum etwas abgewinnen.

Am 3. Oktober 1990 hat Karl Lehmann, damals Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, gesagt: „Wir brauchen ein neues Denken und Fühlen, um uns wirklich wechselseitig anzunehmen.“ Wie sehen Sie den Stand der Dinge?

Zweifellos sind wir zusammengewachsen und interessieren uns mehr oder weniger füreinander. Manches hat sich im Lauf der Zeit sehr positiv entwickelt, anderes hat seine Besonderheit verloren und ist wieder zurückgegangen. Dankbar sind wir vor allem für jede Unterstützung, die uns seitdem gewährt wurde. Wir hoffen, dass Subsidiarität und Solidarität der potenteren Bistümer mit uns im Osten auch weiterhin anhalten. Tatsache ist nämlich, und das wird oftmals kaum wahrgenommen, dass die Bistümer insgesamt – personell, finanziell, strukturell und kontextuell – sehr ungleich sind. Ob die Verwaltungsbehörde eines Bistums etwa 1.000 Mitarbeitende hat oder – wie wir in Magdeburg – nur etwa 40, ist nicht unerheblich. Von allen Bistümern müssen jedenfalls dieselben Standards garantiert werden. Die betreffenden Herausforderungen haben nicht ab-, sondern zugenommen. Statt Personal zu verringern, müsste noch neues eingestellt werden. Woher aber soll das angesichts der gesellschaftlichen Situation bei uns kommen, und dann auch noch unter Ostkonditionen? Wie viel investieren einige Bistümer doch in den Kommunikationsbereich oder andere Aktionen und Projekte, wovon wir noch nicht einmal träumen können! Je kleiner ein Bistum ist, umso größer sind die Pro-Kopf-Ausgaben. Zugleich stellen wir auch fest, dass das Pro-Kopf-Einkommen aus Kirchensteuern bei uns wesentlich niedriger ist als anderswo. Ein deutlicher Hinweis auf die mangelnde regionale Wirtschaftskraft und die soziologische Zusammensetzung unserer Katholiken. Zudem ist unsere Stellung in der Öffentlichkeit bei Weitem nicht mit der in anderen Teilen Deutschlands zu vergleichen. Ich wünschte sehr, dass diese Diskrepanzen erst einmal eine größere Aufmerksamkeit fänden und dazu führten, unsere Verhältnisse wenigstens etwas besser zu verstehen. Vielleicht könnte daraus ja noch mehr erwachsen.

Geschieht das nicht schon durch kirchliche Medien?

Keine Frage, es gibt zum Teil neben den Bemühungen ostdeutscher Journalisten, uns ins gesamtdeutsche Bewusstsein zu bringen, erfreulicherweise auch eine diesbezüglich sehr differenzierte und engagierte Berichterstattung westdeutscher Journalisten. Inzwischen befragt man nicht mehr nur den vertrauten „Onkel in der Kolonie“ nach seiner Einschätzung, sondern hört sich die Einheimischen selbst an. Vieles ist also authentischer geworden. Andererseits kann man sich aber auch wundern, dass zum Beispiel eine „Katholische Sonntagszeitung“ mit dem Anspruch „für Deutschland“ den Ostbistümern kaum einmal ein paar Zeilen widmet. Und dann auch nur, wenn es einigermaßen den eigenen redaktionellen Vorstellungen entspricht. Und bei „Vatican News“ fällt neuerdings auf, dass manche kritischen Äußerungen sowohl west- wie ostdeutscher Zunge leicht systemkonform „zurechtgebügelt“ werden.

Was wünschen Sie sich?

Es wäre sicher hilfreich und ermutigend, wenn die katholische Kirche in Deutschland bei allen berechtigten Eigeninteressen der verschiedenen Bistümer sich insgesamt für die Entwicklung in den östlichen Landesteilen noch verantwortlicher fühlen und stärker machen würde.

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