Evangelischer Amtsträger warnt vor „unterschwelligen Ressentiments gegenüber Juden“

Bischof Hein fordert erneut Antisemitismus-Beauftragten

Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, hat seine Forderung nach einem Antisemitismusbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bekräftigt. „Bei uns gibt es etliche Anzeichen dafür, dass der Antisemitismus wieder 'gesellschaftsfähig' wird“, sagte Hein in einem am Sonntag veröffentlichten Interview der „Jüdischen Allgemeinen“.

Dies gelte auch bei manchen Menschen, „die in unseren Kirchen leben“, so der Bischof. „Wir stehen ja nicht abseits der Gesellschaft. Wir müssen auch immer vor unserer eigenen Tür kehren. Und ich vermute, dass es bestimmt bei vielen Christen unterschwellige Ressentiments gegenüber Juden gibt.“ Sie seien „durch nichts begründet, sondern werden im Grunde seit Jahrhunderten weiter kolportiert“.

„Kirchen dürfen nicht zur schweigenden Mehrheit gehören“

Hein beklagte, dass es zu wenige Begegnungen mit Juden gebe. Christen dürften zudem nicht akzeptieren, dass jüdische Gotteshäuser beschmiert würden. „Kirchen dürfen nicht zur schweigenden Mehrheit gehören“, betonte der Bischof.

Sein Vorschlag für einen Antisemitismus-Beauftragten der EKD sei nicht neu. Zum ersten Mal habe er diesen Vorstoß vor etwa einem Jahr gemacht. „Ich beobachte in unserer Gesellschaft sehr deutlich - auch gefördert durch die AfD - die Stimmung: 'Man wird das doch wohl mal sagen dürfen.' Und in unserer allgemeinen Empörungskultur, in der wir leben und die durch die 'sozialen' Medien verstärkt wird, findet Antisemitismus viel mehr Anklang, als man sich das früher hätte vorstellen können“, sagte der Bischof.

Begegnung und Bildung

Das sei erschreckend. „Wir müssen zeigen: Wir nehmen den Antisemitismus als gesellschaftliche Erscheinung und als Sammlung von Ressentiments wahr und leisten unseren Anteil, das zu benennen und Möglichkeiten der Abhilfe zu schaffen. Ein Antisemitismus-Beauftragter wäre Ansprechpartner, aufmerksamer Beobachter, aber auch Initiator von Begegnungen auf verschiedenen Ebenen“, erklärte Hein.

„Es wäre wichtig, dass die Stelle angemessen ausgestattet ist, um ihre Aufgaben wahrzunehmen und mithilfe von Religionspädagogischen Instituten oder Evangelischen Akademien ein Bildungsprogramm zu entwerfen, wie sich zum Beispiel jüdisches Leben heute darstellt und wie die Begegnung von Menschen jüdischen und christlichen Glaubens gestaltet werden kann“, so Hein. Auch müsse man sich über die Definition von Antisemitismus verständigen.