Brief an die Katholiken in den Gemeinden des Bistums Essen

Bischof Overbeck zu Missbrauch: Großes Versagen der Kirche

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hat sich „zutiefst erschüttert und traurig“ über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche geäußert. Die in dieser Woche bekannt gewordenen Ergebnisse einer Studie der deutschen Bischöfe bescheinige der Kirche „ein großes Versagen“, heißt es in einem am Freitag veröffentlichten Brief des Bischofs an die Kirchengemeinden. „Ich kann den Zorn verstehen, der viele Menschen in unserem Land und sicher auch viele von Ihnen erfasst hat.“

„Wir erleben eine sehr dunkle Stunde unserer Kirchengeschichte, die hoffentlich zu einer Reinigung und Erneuerung führen wird“, heißt es in dem Schreiben. „Unsere Kirche hat schwere Schuld auf sich geladen.“ Verantwortliche hätten „zu wenig oder nichts getan, um Verbrechen zu verhindern, aufzudecken, aufzuklären und zu ahnden“. Zwar seien in den vergangenen Jahren schon viele richtige Schritte eingeleitet worden, um Missbrauch zu verhindern. Die Kirche stehe dabei aber erst am Anfang. „Die Gefahren sind bei weitem nicht gebannt“, so Overbeck. „Wir müssen befürchten, dass es unter uns nach wie vor sexuellen Missbrauch gibt und geben kann.“

„Ich bin bereit, mich allen kritischen Anfragen zu stellen.“

Gerade in früheren Jahrzehnten hätten viele Katholiken manche sexual-moralischen Forderungen der Kirche als überzogen, belastend und bedrängend erlebt, so der Bischof. „Umso schrecklicher ist es dann, wenn sich im Rückblick zeigt, in welch einem Ausmaß Amtsträger unserer Kirche moralisch versagt haben.“ Das Ruhrbistum werde die Ergebnisse und Empfehlungen der Wissenschaftler sehr ernst nehmen. „Dazu gehören vor allem auch die alarmierenden Hinweise, dass einige Vorstellungen und Aspekte unserer katholischen Sexualmoral sowie manche Macht- und Hierarchiestrukturen sexuellen Missbrauch begünstigt haben und immer noch begünstigen.“

Overbeck kündigte einen offenen Dialog darüber an, welche grundsätzlichen Veränderungen in der Kirche erforderlich seien. „Ich bin bereit, mich allen kritischen Anfragen zu stellen.“ Unmittelbar nach der offiziellen Vorstellung der Missbrauchs-Studie am 25. September werde er Verantwortlichen in der Diözese Gespräche über Konsequenzen führen.

Was bisher bekannt ist

Am Mittwoch waren erste Ergebnisse der Studie bekanntgeworden. Demnach gab es in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe von mindestens 1.670 Priestern. Bei den zwischen 1946 und 2014 erfassten Betroffenen handelte es sich überwiegend um männliche Minderjährige; mehr als die Hälfte war zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre. Die komplette, mehrere hundert Seiten umfassende Auswertung wollen die Bischöfe am 25. September bei ihrer Herbstvollversammlung in Fulda vorlegen.