DIÖZESE

Bistum Münster: Was ein neuer Bischof erwarten darf

Anzeige

Die Erwartungen an den neuen Bischof von Münster sind groß. Vielleicht hilft da ein Perspektivwechsel, meint Jan Loffeld.

Vergangenes Jahr waren Freunde aus Münster hier in Utrecht zu Gast. Natürlich wollten sie an einem Nachmittag nach Utrecht-Zuilen, dem Geburtsort des heiligen Liudger, des ersten Bischofs von Münster. An der Stelle, wo er wahrscheinlich geboren und aufgewachsen ist, steht heute ein kleines Schloss, worin ein Museum untergebracht ist. Nichts erinnert mehr an Liudger und seine Familie. Als wir im Museumskaffee nachfragen, ob man einen Bischof oder Missionar Liudger kenne, war die Antwort: „Ja, hier gab's mal einen Magier im Mittelalter.“ Ob wir allerdings dieselbe historische Figur meinten, ließ sich nicht eruieren.

Vieles wird und wurde an Erwartungen an den neuen Bischof von Münster formuliert, der der 76. Nachfolger auf dem Bischofsstuhl des heiligen Liudger sein wird. Klar ist, dass er seinen Dienst wahrscheinlich genau in dieser Spannung wird tun müssen: ein radikales kulturelles Vergessen dessen, wofür das Christentum stand und steht, sowie fast messianischen Erwartungen, das Ruder doch noch irgendwann und irgendwie rumreißen zu können. Gerade letztere Erwartung wird er aller Voraussicht nach enttäuschen müssen.

Was darf der neue Bischof von Münster erwarten?

Der Autor
Jan Loffeld (*1975), Theologiestudium in Münster und Rom, 2003 Priesterweihe für das Bistum Münster. Seit 2019 Professor für Praktische Theologie in Utrecht/Niederlande. Unter anderem Berater der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Pastoraltheologie im deutschen Sprachraum.

Daher könnte es lohnend sein, den Spieß einmal gedanklich umzudrehen: Was könnte, was darf ein neuer Bischof von uns, seinen Priestern und Diakonen, seinen Mitarbeitenden im pastoralen Dienst in Haupt- und Ehrenamt, den Ordensleuten, von der Caritas, der Verwaltung und den vielen an anderen Stellen erwarten?

Nach der Wahl von Papst Leo wurde überdeutlich: Auch in der katholischen Kirche sind wir von der gesamtkulturellen Tendenz zur Personalisierung geprägt; das heißt, Verantwortungen oder Problemüberhänge werden auf eine einzige Person projiziert. Gerade die Struktur der katholischen Kirche bietet hierfür – bei allen Vorteilen – sicherlich eine willkommene Einflugschneise: Sowohl die weiße Papst- als auch die violette Bischofssoutane eignen sich hervorragend für die Projektion eigener Wunschbilder.

Größtmögliche Transparenz erfordert Mut

Daher einmal umgekehrt: Was kann und darf ein Bischof vom Volk Gottes in seiner Diözese erwarten? Am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. soll es ein geflügeltes Wort gegeben haben: In der Nähe des Königs stirbt die Wahrheit zuerst. Nicht von ungefähr riet der Wiener Kardinal Schönborn seinem Nachfolger bei dessen Bischofsweihe im vergangenen Januar: Höre vor allem auf diejenigen, die Dir schlechte Nachrichten bringen.

Für uns kann das heißen, uns selbst und einem Bischof nichts vorzumachen. Manchmal kann es gerade bei Pastoralbesuchen eine Versuchung sein, zeigen zu wollen, wie gut (noch) alles läuft. Hier ist auf beiden Seiten vielleicht der Mut zu einer realistischen Nüchternheit angesagt, nicht Pessimismus, aber eine neue „Mystik wirklich offener Augen“. Das kann auch einem Bischof zeigen: „Wir haben verstanden, Du musst Entscheidungen treffen, die wehtun. Nur wenn Du sie nicht triffst, wäre das die schlechteste Entscheidung von allen. Wir tragen es mit.“  Freilich erfordert das vonseiten der Verantwortlichen größtmögliche Transparenz, vor allem aber Vertrauen auf allen Seiten.

Perspektivwechsel angesagt

Vielleicht ist daher im Gottesvolk samt aller seiner Glieder ein Perspektivwechsel angesagt. Wir haben lange die Pastoral nach dem Bild des „Galiläischen Frühlings“ gedacht. Das waren die „erfolgreichsten“ Zeiten Jesu: „Alle suchen Dich“ (Mk 1,37) und „die ganze Stadt steht vor der Tür“ (Mk 1,32) heißt es da. Daher ist es auch für die Pastoral wichtig, zu sehen, dass das Leben Jesu auch noch eine andere Seite hatte: die Verlassenheit von allen, der Abschied, das Nicht-Weiterwissen, die Verzweiflung an Gott und der Welt. Doch genau dies war offenbar notwendig für das Neue. Und um dieses Zeugnis geht es.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Anzeige

Komplet - der Abend-Newsletter von Kirche+Leben

JETZT KOSTENLOS ANMELDEN



Mit Ihrer Anmeldung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.