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Ferdinand Starmann will Kreuz restaurieren und kann es nicht

Bleibt die Kreuz-Schändung von Vechta ungesühnt? Künstler entsetzt

  • Vier Wochen nach der Tat sind die Täter der Kreuz-Schändung am Vechtaer Stoppelmarkt noch nicht ermittelt.
  • Eine solche Sachbeschädigung wird nur selten von der Polizei aufgeklärt.
  • Weil das passende Material fehlt, kann der Künstler Ferdinand Starmann sein Werk nicht vollständig restaurieren.
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Keine Täter ermittelt. So fasst Polizeisprecherin Uta-Masami Bley vier Wochen nach der Kreuzschändung am Stoppelmarkt in Vechta die Arbeit der Polizei zusammen. Nach dem Zeugenaufruf unmittelbar nach der Tat am 18. August hätten sich keine verwertbaren Hinweise ergeben. Am letzten Tag des diesjährigen Stoppelmarkts hatten Unbekannte dem Korpus am „Hohen Kreuz“ beide Arme abgebrochen.

Einen Mann lässt das nicht ruhen: Ferdinand Starmann. „Zutiefst erschüttert und frustriert“, so beschreibt der 82-jährige Künstler aus Neuenkirchen (Oldenburg) seine erste Reaktion, nachdem die Tat bekannt geworden war. „Wie kann man christliche Symbole überhaupt zum Ziel solcher Gewalttaten machen?“ Die erste Vermutung der Polizei, Jugendliche hätten das Kreuz auf dem Rückweg vom Stoppelmarkt angegriffen, kann ihn nicht beruhigen. „Welch gespaltenes Gefühl zur Religion müssen die haben!“

Frühes Werk des Herrgottschnitzers

Starmanns Erschütterung ist verständlich. Der Korpus gehört zu den Werken des bekannten Holzschnitzers und Bildhauers, der in Nord- und Westdeutschland durch seine religiösen Werke bekannt geworden ist. Starmann, auch in Oberammergau ausgebildet, schnitzte den Korpus 1976 für die damalige Pfarrgemeinde Vechta Maria Frieden.

Das Kreuz bildet den Endpunkt des traditionellen Franziskaner-Kreuzwegs, der aus der Stadt zum Stoppelmarkt führt und damals neu belebt wurde. Noch heute gehen jedes Jahr die katholische und die evangelische Gemeinde der Stadt am Mittwoch der Karwoche diesen Kreuzweg gemeinsam.

Das alte Holz gibt es nicht mehr

Ferdinand Starmann
Der Künstler Ferdinand Starmann aus Neuenkirchen (Oldenburg) hat das Kreuz 1976 geschnitzt. | Foto: Franz Josef Scheeben

Starmann hat der Pfarrgemeinde in Vechta sofort angeboten, das Kreuz zu restaurieren. Er brauche dafür nur beide abgebrochenen Arme, sagt er im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“. Das Problem: Nur ein Arm ist verfügbar. Der fand sich kurz nach der Tat auf einem Feld. Der zweite blieb verschwunden. „Neu schnitzen kann ich den nicht“, sagt Starmann.

Denn damals habe er Mingiva-Holz verwendet, ein besonders hochwertiges und witterungsbeständiges Holz aus Afrika, das ihm heute nicht mehr zur Verfügung stehe. Ein neuer Arm müsse also aus anderem Holz gestaltet werden, er werde nicht mehr den gleichen Farbton haben. „Das ursprüngliche Kreuz ist das dann nicht mehr“, sagt der Künstler. 

Erhebliche Gewalt im Spiel

Starmann sieht bei den Tätern auch eine besondere kriminelle Energie. Das Mingivaholz sei sehr hart und „reißfest“, es lasse sich „nicht einfach so“ abbrechen. Die Täter hätten mit erheblicher Gewalt handeln müssen.

Diese kriminelle Energie hat Starmann schon mehrmals bei Schändungen seiner Kunstwerke erlebt. Er erinnert sich an einen Fall in seiner Heimatgemeinde Neuenkirchen. Vor einigen Jahren habe man dort bei einem von ihm gestalteten Wegkreuz sogar bewusst das Gesicht des Korpus abgeschnitten.

Juristisch eine Sachbeschädigung

Von einem Trend könne er trotzdem nicht sprechen, sagt Starmann. Seit mehr als 50 Jahren arbeite er als frei schaffender Künstler. In seinem ganzen Einzugsgebiet seien bei seinen Werken solche Taten „eigentlich wenig“ vorgekommen.

Dass die Täter der Kreuzschändung noch nicht ermittelt wurden, ist kein gutes Zeichen. Denn so geht es bei vielen solcher Straftaten. Juristisch gilt die Schändung des „Hohen Kreuzes“ als Sachbeschädigung. Den Sachschaden schätzt die Polizei für das Kreuz auf 500 Euro, bei einer solchen Größenordnung bleibt es zunächst beim örtlichen Zeugenaufruf. Die Aufklärungsquote ist dann meist niedrig.

Sachbeschädigungen nur selten aufgeklärt

Insgesamt gab es in Niedersachsen im Vorjahr 50.534 Sachbeschädigungen, bei 31 Prozent wurde der Täter ermittelt. Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen, zuständig für den NRW-Teil des Bistums Münster, teilt seinerseits mit, dort habe man im gleichen Zeitraum 123.470 Sachbeschädigungen festgestellt, 24 Prozent wurden aufgeklärt. Wie oft es zu Beschädigungen speziell an Kreuzen und anderen sakralen Gegenständen kommt, kann die Polizei nicht sagen. Sie erfasst in ihrer Statistik nur allgemein die Sachbeschädigungen. Im Landeskriminalamt Niedersachsen heißt es, bei der Vielfalt dieser Delikte lasse sich nicht für jede beschädigte Sache eine besondere Statistik führen.

Sachbeschädigungen machen in beiden Ländern jeweils rund ein Zehntel aller Straftaten aus. Im Durchschnitt werden Straftaten zu 50 Prozent aufgeklärt.

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