Experte Jens Wiemken über Gefahren und Chancen der neuen Medien

Bloß kein Smartphone zur Kommunion!

Internet und Co. haben längst die Familien erobert. Selbst für Achtjährige sind Tablet und Smartphone, Facebook und Instagram keine Fremdwörter. Viele Eltern sind verunsichert. Sie fragen sich: Ist das auch gut für die Kinder? Medienexperte Jens Wiemken spricht im Interview mit Kirche+Leben über Gefahren und Chancen der neuen Medien.

Kirche+Leben: Herr Wiemken, Computer, Internet und Smartphone gehören heute ganz selbstverständlich zum Leben dazu. Manche Eltern fragen sich aber zum Beispiel beim Smartphone: Ab wann ist das sinnvoll? Vielleicht zu Weihnachten für den Achtjährigen oder als Kommuniongeschenk?

Jens Wiemken: Ganz klar: Ein Smartphone ist kein angemessenes Geschenk zur Kommunion! Für Grundschüler ist unkontrolliertes Surfen im Internet viel zu gefährlich. Das wird schon deutlich, wenn man darauf schaut, was Kinder damit alles anstellen können, was sie von sich preisgeben können. Grundschüler brauchen keine Smartphones. Die Schulen sind meist fußläufig zu erreichen. Da zählt auch nicht das Argument, es sei wichtig für den Kontakt nach Hause.

Kirche+Leben: Das wird manche Kinder enttäuschen!

Wiemken: Sicher, aber es gibt ja noch Alternativen, die in dem Alter völlig ausreichen: tragbare Spielekonsolen, mit denen man spielen, fotografieren und sich auch mal mit Freunden vernetzen kann. All das kann ich damit üben. Der Vorteil gegenüber Smartphones: Es kommt nichts davon ins Internet. Diese Gefahr ist Grundschülern nicht bewusst. Was wir vermitteln müssen, ist unter anderem die Bedeutung von Privatsphäre und die Eigenheiten des Kommunikationsraums Internet.

Kirche+Leben: Gibt es denn ein Mindestalter für die ersten eigenen Computerspiele?

Wiemken: Die Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle, kurz: USK, geht von drei Jahren aus. Vorher ist der Umgang damit zwar nicht schädlich, aber auch nicht sinnvoll. Ein Muss ist er sowieso nicht.

Kirche+Leben: Gilt die Faustformel: Je später ein Kind mit Internet, Computer und Smartphone in Berührung kommt, desto besser?

Wiemken: Nein, das kann man so nicht sagen. Der Grundsatz sollte eher lauten: Nicht fördern und nicht verhindern. Wenn ein Kind sich nicht für diese Dinge interessiert, dann besteht überhaupt kein Anlass, es damit künstlich zu konfrontieren. Umgekehrt lässt es sich aber auch nicht verhindern, wenn Kinder sich damit aus­ei­n­andersetzen wollen. Der Nachteil: Wenn sie zu Hause keine Möglichkeit haben, dann gehen sie eben zu einem Freund. Und dann ohne die Chance für Eltern, die Kinder dabei zu begleiten. Und gerade dieses Begleiten ist enorm wichtig.

Kirche+Leben: Brauchen Grundschüler heutzutage einen eigenen Computer?

Wiemken: Es gibt mittlerweile auch für die Grundschule Lernangebote, die Computer und Internet nutzen. Das heißt aber nicht, dass die Kinder einen eigenen PC haben müssten, womöglich auch noch im Kinderzimmer. Aber ein Familiencomputer, an dem sie begleitet arbeiten, spielen und das Internet nutzen können, wäre unter Umständen sinnvoll. Am besten begrenzt auf einen geschützten Internet-Bereich, also abgeschirmt durch spezielle Filter, die nur die Inhalte freigeben, die Eltern zulassen.

Kirche+Leben: Wie lange kann man sich denn auf diese Filter verlassen?

Wiemken: Bei Grundschulkindern geht das. Spätestens ab einem Alter von zwölf Jahren hat man verloren. Dann können die meisten die Mechanismen mit Tricks aushebeln. Weil sie im Internet oder bei Freunden gesehen haben, wie so etwas geht.

Kirche+Leben: Und dann?

Wiemken: Dann wird Vertrauen zwischen Eltern und Kindern noch wichtiger. Aber das ist nicht einfach da. Ich muss es mir als Vater oder Mutter erst erarbeiten. Zum Beispiel, indem ich mich gemeinsam mit meinem Kind mit digitalen Spielen und dem Internet aus­ei­n­andersetze.

Kirche+Leben: Müssen Väter oder Mütter also selbst zu Experten werden, sich über alle neuen Trends informieren?

Wiemken: Nein, man kann von Eltern nicht erwarten, dass sie beim Thema Computerspiele ständig auf dem neuesten Stand sind. Aber man kann erwarten, dass sie wissen, wo sie sich über Spiele oder Internetseiten informieren können. Und ich muss meinem Kind signalisieren: Ich bin bereit, über alles mit dir zu sprechen. Über alles, was du siehst und was dir da begegnet. Ob Pornobilder, Rechtsradikalismus oder andere merkwürdige Dinge.

Kirche+Leben: Viele Eltern beklagen, dass Kinder oft tage- oder auch nächtelang vor dem Computer hängen. Gibt es Anzeichen, an denen sie erkennen können: Es ist zu viel?

Wiemken: Durchaus. Zum Beispiel, wenn durch stundenlanges Spielen Kontakte zu Freunden vernachlässigt werden. Wobei es durchaus okay sein kann, wenn Kinder eine Zeit lang extrem lang und intensiv spielen, weil ein Spiel sie eben besonders fasziniert.

Kirche+Leben: Viele Eltern haben dabei dennoch ein mulmiges Gefühl.

Wiemken: Sicher, aber Kinder und Jugendliche bewegen sich eben immer auch in Risikobereichen. Das ist Auftrag von Jugend. Und der Job der Eltern lautet, sie davon zurückzuhalten und ihnen zu zeigen, was es sonst noch gibt.

Kirche+Leben: Wie sinnvoll sind denn feste, starr begrenzte Computerzeiten am Tag?

Wiemken: Die können durchaus sinnvoll sein. Aber man sollte dabei Zeiten setzen, die realistisch sind. Kürzer ist da nicht unbedingt besser. Wenn ich zum Beispiel einem Zwölfjährigen eine Stunde Computerspiel am Tag gestatte, dann könnte es passieren, dass er nie den Zugang zu pädagogisch sinnvollen Spielen bekommt. Weil man sich da vielleicht erst einmal eine Stunde einarbeiten muss, um das erste Erfolgserlebnis zu haben. Also wird er sich Spielen zuwenden, wo er möglichst schnell Erfolg hat. Und das sind dann halt häufig die so genannten Ballerspiele mit zehn Abschüssen in einer halben Stunde.

Kirche+Leben: Aber zeitliche Grenzen sind dennoch wichtig?

Wiemken: Ja, auch deshalb, weil die Kinder Impulskontrolle lernen müssen. Mit dieser Eigenschaft kommen sie nicht zur Welt, sondern sie müssen sie erlernen, um irgendwann aus eigenem Antrieb den Fernseher oder den Computer auszuschalten.

Kirche+Leben: Wie sieht es mit Ballerspielen, etwa den so genannten „Ego-shootern“ aus, bei denen ein Spieler zum Beispiel in der Rolle eines Soldaten seine Gegner töten muss? Darf man Kindern so etwas erlauben?

Wiemken: Grundsätzlich sollte man sich zunächst an den Vorgaben der USK orientieren. Die hat die Spiele geprüft und für ein bestimmtes Alter zugelassen. Fest steht aber: Diese Spiele üben einen sehr großen Reiz auf Menschen aus, nicht nur auf Kinder. Das Problem sind sicher die Kriegs- und Gewaltszenen. Hier sollte ich als Erwachsener Stellung beziehen und diskutieren. Da sind vor allen Dingen Väter gefragt. Denn in den Augen der Söhne haben Mütter „keine Ahnung vom Krieg“, Väter schon. Deshalb ist hier das Vater-Sohn-Gespräch gefragt und – nebenbei – auch eine Chance für die Beziehung.