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Bewohner der Jugendhilfe-Einrichtung tasten sich zur Krippe vor

Bretter der Hoffnung: Wie Jugendliche im Martini-Stift Weihnachten feiern

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In der Jugendhilfe-Einrichtung der Alexianer Martini-Stift in Nottuln haben die Bewohner einen Zaun für die lebensgroße Krippe gebaut. In Worten und Bildern haben sie ihre Themen darauf gestaltet.

Es sind nur ein paar bunte Bretter, die sie zum Zaun um die lebensgroßen Krippenfiguren auf dem Platz vor ihrer Kirche zusammengeschraubt haben. Und doch erzählen sie viel über die Jugendlichen im Martini-Stift bei Nottuln. „Frieden“ steht auf einem Paneel, „Klima“ auf einem anderen. Die Jugendhilfe-Einrichtung der Alexianer ist Wohn- und Arbeitsstätte für 120 junge Menschen, die aus prekären Lebenssituationen kommen. 225 Mitarbeiter aus der Verwaltung, Betreuung und Therapie begleiten sie. Jeder hat in diesem Jahr die Möglichkeit, seine persönlichen Weihnachtsgedanken auf eine Zaunleiste zu bringen.

Die Bewohner sind minderjährig. Die meisten haben in ihren Familien Vernachlässigung und Gewalt erlebt. Im Martini-Stift finden sie einen Ort, an dem sie ihre Situationen in einem gesicherten Umfeld und mit intensiver Begleitung meistern können. Wenn die Weihnachtszeit kommt, bringt sie für viele aber jedes Mal eine besondere Wucht mit, sagt Diakon Stefan Pölling, der Seelsorger in der Einrichtung ist. „Diese Tage sind besonders intensiv, weil sie wie für jeden anderen Menschen mit vielen Erinnerungen verbunden werden – bei unseren Bewohnern nicht selten mit sehr schweren.“

Weihnachten war für Lucca immer traurig

Wie für Lucca. Der 17-Jährige erinnert sich an die Weihnachtsfeste seiner Kindheit nur ungern. „Eigentlich endeten alle damit, dass einer aus unserer Familie weinte.“ Auch mit der Krippe verbindet er schmerzliche Erinnerungen. „Meine Mutter hat immer eine aufgebaut, als ich noch klein war.“ Nach ihrem Tod vor neun Jahren wurden die Figuren eingepackt und nie wieder ausgepackt.

Mit dem Familienfest verbinden viele im Martini-Stift belastende bis traumatisierende Erlebnisse. Ihnen dann mit der religiösen Botschaft von Weihnachten zu begegnen, ist kaum möglich, sagt Pölling. „Ich kann ihnen nicht erzählen, dass Gott in die Welt gekommen ist und Mensch wurde – dann erklären sie mich für verrückt.“ Wie zu jeder anderen Jahreszeit geht es für ihn viel mehr darum, den jungen Bewohner die Möglichkeit zu geben, sich Gedanken zu ihrer Situation und ihren Perspektiven zu machen. „Ganz niederschwellig, ganz offen, ganz freiwillig.“

Erinnerungen und Hoffnungen auf einem Brett

Allein die Auseinandersetzung damit, was sie einmal für einen Gedanken loswerden wollen, indem sie ihn auf ein Brett schreiben oder malen, ist oft eine Herausforderung für die Bewohner. Die Bandbreite ist groß. „Maler“ hat jemand geschrieben, weil er die Zaunlatte stellvertretend für die Maler-Werkstatt gefertigt hat. Ein anderes Holz ist mit Wohnungsannoncen aus einer Tageszeitung beklebt. Ein Jugendlicher hat damit seine Not auf der Suche nach einer eigenen Bleibe nach der Zeit im Martin-Stift zum Ausdruck gebracht. Zur Erinnerung an eine kürzlich verstorbene Mitarbeiterin haben andere eine Kerze auf das Holz gemalt.

Dass die Krippe kein beliebiger Ort für diese Statements ist, spürt Pölling. Allein, dass die jungen Menschen manchmal davor stehen bleiben und die ausgesägten Figuren betrachten, ist für viele schon ein außergewöhnlicher Schritt. „Ein großer Teil kennt die weihnachtliche Szene gar nicht – aus kulturellem oder lebensgeschichtlichem Hintergrund.“

„Krippe hat wohl irgendwas mit Weihnachten zu tun“

Marte gibt das offen zu. „Ich kann damit gar nichts anfangen“, sagt der 15-Jährige. Weder Figuren noch Geschichte sind ihm ein Begriff. „Es hat wohl irgendetwas mit Weihnachten zu tun.“ Seitdem die Krippe im vergangenen Jahr zum ersten Mal aufgestellt wurde, hat er aber angefangen, das ein oder andere nachzufragen. Mit den Brettern, die die Jugendlichen in diesem Jahr in ihren Wohngruppen und Arbeitsbereichen gebastelt haben, ist seine Neugier noch etwas größer geworden.

Für Pölling sind solche Erfahrungen „ganz zarte Pflänzchen“. „Sie zeigen, dass sie einen Zugang zu den Sinnfragen ihres Lebens finden.“ Wenn er dann noch als Ansprechpartner dafür wahrgenommen wird, ist viel erreicht, sagt er. „Es sind dann einfache Worte, die ich finden muss, keine großen theologischen Auslegungen.“ Vielleicht ergibt sich auch das ein oder andere Gespräch beim anstehenden Weihnachtsgottesdienst. Der wird in diesem Jahr im Freien vor der Krippe gefeiert. Das passt nicht nur zu den Corona-Vorgaben, sondern auch zur Atmosphäre im Martini-Stift. Weihnachten geschieht dort vor allem auf den bunten Brettern vor den lebensgroßen Holzfiguren.

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