Über einen Traumberuf, Zwergenglauben und Gottvertrauen

Buch-Tipp: „Damit der Glaube erwachsen wird“ von Stefan Jürgens

Einen Zwergenglauben, der schon bei der ersten Lebenskrise wie ein Kartenhaus zusammenfällt – dagegen wendet sich Stefan Jürgens. Fromme Gefühle, meint der Pfarrer der Innenstadtgemeinde Heilig Kreuz in Münster, sind eben nicht genug – der Glaube müsse erwachsen und reflektiert werden. „Kinderglaube ist Zwergenglaube, denn wer nicht wächst, bleibt kein Kind, sondern wird ein Zwerg“, stellt er fest und: „Wenn Erwachsene ihren Kinderglauben nicht abgelegt haben, dann glauben sie meistens mehr an Magie als an Jesus.“

Was genau er mit diesen Sätzen meint, das erklärt Jürgens ausführlich in dem gut lesbaren Buch in kurzen, prägnanten Sätzen. Die knappen Kapitel waren ursprünglich Radiobeiträge und wurden im WDR gesendet. Um eine schlichte Zweitverwertung seiner Essays und Gedanken handelt es sich jedoch nicht. Der Leser erfährt vielmehr sehr direkt, was der Autor über seinen Glauben, über Religion und die Kirche denkt und welche Erfahrungen er damit gemacht hat. Neben grundlegenden Positionen finden sich in einem zweiten Abschnitt kurze Denkanstöße für den Glaubensalltag.

Seelsorger in allen Lebenslagen

Buchtipp:
Stefan Jürgens
"Fromme Gefühle sind nicht genug – Warum Glaube erwachsen werden muss"
176 Seiten, 14,95 €,
Camino-Verlag 2018
ISBN 978-96157-063-8

Jürgens skizziert zum Beispiel, was Glaube für ihn bedeutet („Vertrauen haben, eine Beziehung leben“) und warum er Priester geworden ist: Er war, so stellt er fest, „von Jesus fasziniert, von seinem Gottvertrauen, seinem Leben und Sterben“. Seelsorger in allen Lebenslagen möchte er sein, aber auch Theologe, „denn nur der reflektierte Glaube wird zukunftsfähig sein“. Das regelmäßige Gebet ist ihm wichtig und die Feier der heiligen Messe.

Priester zu sein, das ist für ihn ein Traumberuf – selbst, wenn er mitunter so manche Erfahrungen als Kaplan, Jugendseelsorger und Landpfarrer enttäuscht und ernüchternd erlebt hat. Jürgens beschreibt seine Zeit seit seiner Weihe im Jahr 1994 zusammengefasst dennoch als überwiegend positiv, verbunden mit der Feststellung: „Gottesdienst und Predigt, Seelsorge und Gespräch erfüllen mich bis heute mit innerer Zufriedenheit.“ Das mache er alles sehr gerne.

Autoritäten waren ihm schon immer suspekt

„Ich gehöre zu den Kirchenreformern, die sich eine glaubwürdige Kirche anders vorstellen“, meint Jürgens jedoch auch und hält sich für kritisch, „aber aus Loyalität“. Reformen sind für ihn nicht ein Selbstzweck, sondern er möchte, dass der Glaube dadurch zukunftsfähig wird. Der Priester prangert Versuchungen wie Macht, Besitz und Ruhm an, kann über klerikale Eitelkeit nach eigenem Bekunden nur lächeln und will Weihnachten aus der „Tannenbaumromantik“ herausholen.

Einige seiner Gedanken werden Vorgesetzten sicher missfallen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ihm Autoritäten „schon immer suspekt“ waren. Manche Passagen hat Jürgens wohl bewusst provozierend geschrieben, schwierige Situationen in der Kirche nicht verschweigend oder schönredend. Doch seine Überzeugungen wirken stets glaubwürdig und von tiefem Gottvertrauen geprägt. Zum Beispiel: „Kirche, das sind für mich die Menschen, die beten, wenn ich es nicht kann, und die glauben, während ich zweifle.“

Verständlich, ehrlich, persönlich

Es ist ein Buch, in dem ein Priester schreibt, wie ihn der Glaube an einen Gott, der die Menschen liebt, frei macht – auch frei von Angst: „Wer an Gott glaubt, kann ihm alle Ängste überlassen, kann loslassen – auch sich selbst.“ Die Leser erfahren, was der Priester bei Hausbesuchen und in seiner Gemeinde erlebt oder dass er mit dem Beten früher Schwierigkeiten hatte und wie er damit umgegangen ist.

Es kommt selten vor, dass Seelsorger und Theologen so verständlich, so ehrlich, so persönlich schreiben – absolut frei von frömmelnden Floskeln und einer leider zu oft verquasten Kirchensprache.