„Das klingt doch einfach gaga“

Buchautor Erik Flügge über Kirche und ihre Sprache

Der Mann hat eine Mission. Hauptberuflich ist Erik Flügge (30) Geschäftsführer der Kölner Werbeagentur „Squirrel & Nuts“. Daneben streitet er für mehr Mut zu Klartext in der Kirche – auch in seinem neuen Buch.

Herr Flügge, der Katholikentag bringt die Menschen in den kommenden Tagen Leipzig zusammen - und alle zwei Jahre seltsame Wortgebilde und -paarungen hervor. „Demenzsensible Kirchengemeinden“ sind zu entdecken, bei der Veranstaltung „Hieb- und stichfest“ soll Schwertkampf den Weg zu innerer Stärke weisen. Und andernorts lautet das Motto: „Mensch: Prädikat WERTvoll?!“ Warum schwankt „Kirchensprech“ so oft zwischen (un-?)freiwilliger Komik und anstrengender Zeichensetzung?

Erik Flügge: Ach, auf Katholikentagen geht das meistens noch. Da reden die Menschen wenigstens hin und wieder Klartext. Viel schlimmer finde ich die Alltagssprache in den meisten Gemeinden. Ein besonders krasser Fall ist mir vor einiger Zeit im Erzbistum Freiburg begegnet. Da ging es darum, „Glutnester des Glaubens“ neu zu entfachen. Um Himmels willen!

Was genau finden Sie daran so schlimm?

So redet doch kein Mensch! Abgesehen davon klingt das einfach gaga. Abends beim Bier würde niemand so sprechen - auch niemand, der sich kirchlich engagiert.

Sie sind möglicherweise nicht der Einzige, dem das auffällt. Warum ändert niemand etwas daran?

Erik Flügge.

Weil sich das sehr stark eingeschliffen hat. Den Priestern fehlt es oft an Vorbildern, an denen sie sich sprachlich orientieren können. Und in vielen Gemeinden gibt es keine Feedback-Kultur. Da wird lieber hinter dem Rücken über den Pfarrer gelästert oder über die Pastoralreferentin, anstatt kritische Fragen offen anzusprechen. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass Konflikte sprachlich mit einer Konsenssoße zugekleistert werden. Das Problem ist: Draußen in der Gesellschaft sind nicht alle auf Konsens aus - und deswegen hört sich der typische „Kirchensprech“ gerade für Fernstehende im besten Fall befremdlich an.

„Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ heißt Ihr Buch, das soeben erschienen ist - das klingt ziemlich krawallig. Im Internet pflegen manche Katholiken eine mehr als deutliche, oft verletzende Sprache: Da wird wahlweise nach rechts oder links gekeilt - ohne Rücksicht auf Verluste. Das können Sie doch auch nicht wollen, oder?

Nein. Aber interessant finde ich bei allem bisweilen widerwärtigen Hang zu Beleidigung und Verrohung Folgendes: Sobald die Leute anonym ins Netz abtauchen, versteht man plötzlich, was sie sagen, auch wenn man das überhaupt nicht teilt. Verlassen diese Menschen die virtuelle Welt, um beispielsweise in den Gottesdienst zu gehen, holen sie wieder die Kirchensprache hervor.

Kritisieren ist das eine - haben Sie auch Ideen, wie man es besser machen könnte?

Ich meine, dass zum Beispiel die Priester von jenen Amtsbrüdern lernen könnten und sollten, die es gut machen. Von denen gibt es ja durchaus einige. Bei der Predigtschulung tauchen ja manchmal Schauspieler auf, die den angehenden Seelsorgern die Kunst des freien Sprechens und des Auftretens in der Kirche nahebringen sollen.

Das kann doch nicht schaden.

Das Buch von Erik Flügge:
Erik Flügge, „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“
Kösel-Verlag, München 2016
ISBN: 978-3466371556
16,99 Euro

Wenn er gut ist, spielt der Schauspieler eine Rolle so, dass man meint, er lebt sie. Der Theologe lebt eine Rolle, aber allzu oft hat man den Eindruck, er spiele sie nur. Aus diesem Dilemma müssen wir heraus - und da können Schauspieler nur bedingt helfen.

Was raten Sie den Seelsorgern, die in Amt und Würden, also nicht mehr in der Ausbildung sind?

Ich frage mich, ob es nicht möglich wäre, zur Predigt das Priestergewand abzulegen. Denn damit beraubt sich der Seelsorger eines Großteils der nonverbalen Kommunikation. Gesten, der Einsatz des Körpers - alles wird durch das Gewand weichgezeichnet. Das nächste Thema: Die Innenausstattung unserer Kirchen.

Was hat das mit einer unverkrampften Sprache zu tun?

In unserem Kulturkreis hat das Leiden Christi ein optisches Übergewicht. Das große Kreuz mit dem sterbenden Jesus, der Kreuzweg, künstlerische Darstellungen von Schädelstätte und dem Martyrium Jesu. Da fällt es schwer, die Frohe Botschaft - und das ist sie ja im Laufe des Kirchenjahres mehrheitlich - unters Volk zu bringen. In den Kirchen Afrikas beispielsweise wird eher das Leben gefeiert. Aber selbst der beste Prediger...

Ja?

...dürfte Schwierigkeiten haben, seine Zuhörer für sich einzunehmen, wenn sie sich im Abstand von zehn Metern zu ihrem Nachbarn im Kirchenraum verlieren.

Was tun?

Kirchenbänke raus und nur zu Weihnachten oder Ostern wieder hervorholen. Die Gemeinde muss enger zusammenrücken.