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Neriman Yamans Einblick in eine unaufhaltsame Geschichte

Buchtipp: „Mein Sohn, der Salafist“

Bei der „Lies!“-Aktion der salafistischen und seit gestern verbotenen Gruppe „Wahre Religion“ verteilte Yusuf den Koran. Seine Mutter Neriman Yaman beschreibt eindringlich seinen Weg bis zu einem Terrorakt in Essen.

 

Die Katastrophe bahnt sich unaufhaltsam an. Sämtliche Versuche, sie zu verhindern, scheitern. Am 16. April zündet Yusuf Yaman einen Sprengsatz vor dem Eingang des Sikhs-Tempels Gurdwara Nanaskar in Essen. Was er nicht weiß: Im Innenhof feiert eine Hochzeitsgesellschaft. Menschen werden verletzt. Dabei wollte der in die Salafisten-Szene geratene 16-Jährige „nur“ ein Zeichen setzen. Für den „wahren“ Glauben, den er mit einer Gruppe radikalisierter Gleichaltriger teilt. Die Jugendlichen geben bei der „Lies!“-Aktion in den Innenstädten den Koran aus. Yusufs Freundin geht nur mit Burka auf die Straße.

Neriman Yaman hat über den Weg ihres Sohns Yusuf bis zur Terrortat ein Buch geschrieben. In Form einer spannenden, berührenden und sehr persönlichen Dokumentation der Entwicklungen: „Mein Sohn, der Salafist. Wie sich mein Kind radikalisierte und ich es nicht verhindern konnte“.

Der Traum vom besseren Leben in Deutschland

Das Abdriften in den Salafismus sieht die Mutter am Ende einer langen Kette von Problemen, Enttäuschungen sowie fehlender und verweigerter Hilfestellung. Um die Entwicklungen zu begreifen, müsse man die gesamte Familiengeschichte kennen, schreibt sie im Kapitel „Vorspiel“. Da war der über Generationen hochgehaltene Traum der aus Anatolien stammenden Familie, dass die Kinder es in Deutschland einmal besser haben sollen. Doch die Realität sieht anders aus: Geldnot, begrenzte Bildungschancen, unablässiges Arbeiten im türkischen Lebensmittelgeschäft. Da gibt es die alleinige Verwurzelung im türkischen Milieu und die fehlenden Kontakte zu den Deutschen, die als Lehrer, Ärzte, Psychologen und später als Polizisten auftreten.

Das schreibt Neriman Yaman nicht ausdrücklich, aber es ist in und zwischen den Zeilen zu entdecken. Und das erklärt auch, warum die Familie mehr oder weniger allein vor den Problemen steht. Selbst die Verantwortlichen in der eigenen Moschee drücken sich vor den Problemen.

Liebe, Nachgiebigkeit und das Prinzip Hoffnung

Yusuf ist ein schwieriges, aber aufgewecktes Kind. Schon im Kindergarten fällt er auf. In der Schule gibt es ständig Stunk. Er will im Mittelpunkt stehen, etwas Besonderes sein. Viel zu spät wird bei ihm ADHS festgestellt: ein Defizit an Aufmerksamkeit, gepaart mit Hyperaktivität. Eine medizinische Behandlung scheitert, psychologische Hilfe lehnen Sohn und Mutter lange ab. Stattdessen versucht Neriman Yaman, die Eskapaden des Sohns mit Liebe, Nachgiebigkeit und Hoffnung auszugleichen. Der Vater spielt eine untergeordnete Rolle.

Neriman Yaman: „Mein Sohn, der Salafist. Wie ich mein Kind radikalisierte und ich es nicht verhindern konnte“,
mvg-Verlag München
ISBN 978-3-86882-764-4,
19,99 Euro

Immer schwieriger wird die Lage, als Yusuf „die Religion“ entdeckt. Über den Konvertiten Pierre Vogel und das Internet kommt er in Kontakt mit Salafisten. Die Autorin, die sich als liberale Muslima bezeichnet, schildert das Szenario eindrucksvoll. Schritt für Schritt beginnt Yusuf, Eltern und Schwester zu terrorisieren. Mit Musikverboten, Kleidungsvorschriften, demonstrativen Gebeten.

Jede Woche, jeden Tag gibt es neue Hiobsbotschaften aus der Schule. Man muss das Buch lesen, um zu begreifen, was die Autorin, die ihren Sohn liebt, durchmacht. Wie sie schockiert erfährt, dass der 15-Jährige geheiratet hat. Wie sie bei 30 Imamen und Hodschas um Hilfe bettelt. Neriman Yaman hat ein parteiisches und gleichzeitig selbst- und familienkritisches Buch verfasst. Die Lektüre lohnt sich.

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