SOZIALES

Caritas-Präsidentin: Aktivrente muss im Giftschrank verschwinden

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Warum Rentenpolitik nur im Miteinander der Generationen, nicht im Gegeneinander geht, erklärt Eva Maria Welskop-Deffaa.

Im November enthielt das ZDF-Politbarometer eine neue Frage: Ob die Rentenpolitik zu stark zu Lasten der jüngeren Generation gehe. Tatsächlich antworteten 71 Prozent der Befragten mit „Ja“. Auch unter denen, die älter als 60 sind, ist deutlich mehr als die Hälfte der Meinung, dass die Jungen bei der Rente nicht fair behandelt werden.

Offenbar ist die Herausforderung, die mit dem nahenden Renteneintritt der Boomer verbunden ist, in der Gesellschaft angekommen. Spätestens ab 2030 wird das zahlenmäßige Verhältnis von Rentenbeitragszahlenden zu Rentenbeziehern deutlich ungünstiger ausfallen als bisher, denn die starke Boomer-Generation, die jetzt noch in die Sozialkassen einzahlt, kommt ins Rentenalter und wird – so Gott will – 20 Jahre lang hohe Rentenleistungserwartungen verursachen.

Wie kann Zahlungsbereitschaft erhalten bleibe?

Die Autorin
Eva Maria Welskop-Deffaa (66) ist Präsidentin des Deutschen Caritasverbands. Die diplomierte Volkswirtin stammt aus Duisburg.

Da es die aktive Erwerbsgeneration ist, die mit ihren Beiträgen die Zahlungsverpflichtungen der Rentenversicherung absichert, ist offensichtlich, dass es nicht reicht, auf die Lebensleistung derer zu schauen, die nun auf eine gute Absicherung im Alter vertrauen wollen. Rente funktioniert nur im Miteinander und Füreinander der Generationen.

Die Frage, die beantwortet werden muss, lautet: Wie kann die Zahlungsbereitschaft der heute Jungen erhalten bleiben? Dabei könnte eine andere Politbarometer-Frage helfen: Ob die gesetzliche Rente weiter so ausgestaltet sein soll, dass diejenigen, die ihr Leben lang Beiträge eingezahlt haben, eine ihren Beiträgen entsprechende armutsfeste Lohnersatzleistung erhalten, wenn sie nicht mehr fit genug sind, um für ihre Existenz mit eigener Arbeit selbst zu sorgen. Ähnlich wie 1959, als die dynamische Rente im Umlageverfahren eingeführt wurde, ist die Zustimmung wohl auch heute hoch.

Generationenvertrag noch vermittelbar?

Die Jungen wollen die Alten nicht „in der Eiswüste aussetzen“, wie Oswald von Nell-Breuning es formulierte. Aber sie wollen ebenso wenig den Eindruck gewinnen, die Alten sähen es unter allen Umständen als selbstverständlich an, dass sie den Generationenvertrag fortführen.

Ideen wie die Aktivrente sollten unverzüglich im Giftschrank verschwinden. Denn es kann wohl niemand den Jungen, die jeden Euro ihres Erwerbseinkommens mit hohen Beiträgen belastet sehen, erklären, warum demnächst ein 65-jähriger rüstiger Rentner neben seiner vollen Rente monatlich 2.000 Euro steuerfrei hinzuverdienen kann, während sie selbst für jeden Euro neben den Sozialversicherungsbeiträgen den vollen Steuersatz zahlen.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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